
Villeroy, ein Vorort von Paris, in den 1960er Jahren. Hier lebt die gut bürgerliche Familie Labourdet: Vater Georges, Mutter Jeanne, Tochter Françoise, die Söhne Pierrot und Marcel und der Großvater. Georges hat eine leitende Stelle in einem Kaufhaus, Françoise arbeitet als Sekretärin bei einem Anwalt, träumt aber von einer Ausbildung als Stewardess. Und Pierrot soll in die Fußstapfen seines Vaters treten, würde aber viel lieber Automechaniker werden. So lernen wir auf den ersten Seiten die Figuren dieser Sitcom oder Soap kennen. Das Besondere: Die Serie, die ab 1965 (oder 1966) für eine Frauenzeitschrift entstand, wurde gezeichnet von Jean Graton, den wir als Schöpfer des Rennfahrer-Klassikers Michel Vaillant kennen, während die Story von seiner Frau Francine geschrieben wurde.
Also: Keine Autorennen, so gut wie keine Action und zumindest anfangs kaum Ortswechsel (später ändert sich das massiv). Im Mittelpunkt stehen ausschließlich die Figuren, deren Entwicklung und deren Beziehungen zueinander. Entsprechend üppig sind die Dialoge – es gibt stets viel zu lesen. Das Gros der Handlung dreht sich dabei um Françoise, die bald 21 wird. Gleich zwei Männer machen ihr den Hof: ihr Jugendfreund Roger Ferrière, ein angehender Architekt und der aus einer vermögenden Familie stammende Jean-Marc Rivet-Gaillard (samt Ferrari). Françoise kann sich nicht für einen ihrer Verehrer entscheiden und ist mal dem einen, mal dem anderen mehr zugeneigt. So dreht sich munter das kleine Liebeskarussell, in das später auch Bruder Pierrot einsteigt, als er sich Hals über Kopf verliebt – und das gleich zweimal…
Als Kind seiner Zeit spiegelt die Reihe den Alltag in den sechziger Jahren in einem gut situierten Milieu wider. Man muss pünktlich und zeitig zuhause sein, vor dem Essen werden die Hände kontrolliert, man siezt sich gerne und trägt auch in jungen Jahren vorzugsweise Anzug, während die Damen elegante Kleider und Kostüme bevorzugen. Männer bleiben stets Kavaliere, selbst wenn sie um eine Frau konkurrieren – Jean-Marc und Roger stehen sich mit offenem Visier gegenüber, während sie stets Anstand wahren und nur selten die Contenance verlieren. Stewardess gilt als Traumberuf, ist man dabei doch „umgeben von schönen Piloten, Stars und Milliardären“. Natürlich verlobt man sich zuerst, während man noch per Sie ist und muss seiner Angebeteten auch monetär etwas bieten können, ehe man sie ehelicht.
Auch die Nebencharaktere, die immer wieder ihre Auftritte haben, behalten die Gratons genau im Blick. Wie beispielsweise die nervige Cousine Vivi, die gerne unangekündigt erscheint und dann partout nicht gehen will. Vater Georges beschleicht Existenzangst anlässlich des Baus eines neuen Supermarktes, die Rolle von Pierrot, der später als Soldat in Deutschland stationiert ist, wird stetig größer, während sich Marcel, der Jüngste, noch freche Sprüche erlauben kann. Eine Art Narrenfreiheit genießt auch Opa Labourdet, ein Verdun-Veteran, der mit seinen Scherzen, seiner direkten Art und der einen oder anderen Eskapade gerne für eine Prise Humor sorgt – von den Gratons stets dosiert eingesetzt und fast ohne in Klamauk auszuarten.
Im dritten Teil – längst ist Françoise als Stewardess etabliert und fliegt um die Welt – halten dann eine Prise Abenteuer und Action Einzug in die Story, als mitten über der Sahara eine Notsituation eintritt. Hier muss auch Flugkapitän Sven Frank seine beruflichen Qualitäten unter Beweis stellen, ein Tausendsassa und Frauenheld, der zuvor höchst interessant und spektakulär in die Reihe eingeführt wird – sieht man ihn bei seinen ersten Auftritten doch nie von vorne.
So macht das Lesen dieser im besten Sinne altmodischen Familiengeschichte tatsächlich Spaß und Laune. Das Verfolgen des Werdegangs von Françoise, ihrer Eltern, Brüder, Verehrer und Freunde. In ausführlichen, jedoch pointierten Dialogen. Ein thematisch ungewöhnlicher Comic, natürlich inzwischen aus der Zeit gefallen und gerade deshalb so unterhaltsam. Die Reihe wird als Gesamtausgabe drei Bände mit je drei Alben umfassen. Ein Teil davon erschien übrigens bereits 1984 als „Die Labours“ im kleinen Buzemi-Verlag, der längst Geschichte ist. Das Nachwort stammt von Ex-Sprechblase Chef Gerhard Förster, der u.a. Parallelen zu Michel Vaillant, dem Hauptwerk Jean Gratons, aufzeigt. Eine Vorzugsausgabe gibt es diesmal nicht. (bw)
Familie Labourdet, Band 1: Weder du… noch er!
Text & Story: Francine Graton
Bilder: Jean Graton
144 Seiten in Farbe, Hardcover
Blattgold GmbH / Zack Edition
39 Euro
ISBN: 978-3-949987-92-2