Leave Them Alone (Splitter) | Comicleser

Leave Them Alone (Splitter)

August 6, 2026
Leave Them Alone (Splitter Verlag)

Wilder Westen, raue Sitten: die Postkutschen der Wells Fargo werden gerne mal überfallen, zum Leidwesen von Bankier John Byers und Sheriff Charlie Evans, die in Flagstaff oft vergeblich auf die Ankunft warten. Hilfe erhofft man sich vom findigen Tom Boyce, der eine wahrhaft bombensichere Idee hat: die Geldkisten sollten künftig mit Hilfe eines Sprengmechanismus im wahrsten Sinne abschreckende Wirkung haben. Ob das Ganze funktioniert, das soll die nächste Fuhre mit Geleitschutz von Dave zeigen. In der Poststation Dead Indian Peak auf dem Postkutschenweg tut die resolute Marian Potter gemeinsam mit dem Navajo Mad Wolf und ihrer 18jährigen Enkelin Elfie (deren Mutter verstorben und Vater spurlos verschwunden ist) einstweilen ihr Bestes, um die durchreisenden Kutschen zu versorgen.

Als in Flagstaff ein paar Halunken die Prostituierte Matti Silk überfallen, rettet ein geheimnisvoller Fremder sie vor Schlimmerem. Im Saloon stellt der Hüne sich als Lew MacSween vor und staunt nicht schlecht, als er Matti dort wieder trifft, die eher widerwillig ihrer Profession nachgeht. Als Matti einen Fluchtversuch wagt, wird sie in der Wüste erneut von Lumpensöhnen überfallen, und wieder ist Lew zur Stelle, der die Missetäter dem verdienten Schicksal zuführt. Die Leichen bringt man nach Dead Indian Peak, um die Ereignisse dort festzuhalten – und schnell wir klar, dass Lew alles andere als ein Fremder für Marian ist.

Offenbar liegt Lews Frau Helen vor Ort begraben, Marian macht ihm bittere Vorwürfe, und der betroffene Lew erzählt Matti seine Geschichte: vor 18 Jahren wurde seine schwangere Frau überfallen und überlebte knapp. Lew schwor Rache, verfolgte die Lumpensöhne und verlor seine Familie dann allerdings aus den Augen – als er zurückkehrte, war Helen an Typhus gestorben, vor seiner Tochter hielt Marian die Wahrheit geheim. Bevor man allerdings Frieden schließen kann, schlägt das Schicksal erneut gnadenlos zu: eine eintreffende Bande von Fieslingen erkennt die Leichen als ihre Spießgesellen, im Handgemenge wird Lew erschossen. Marian, Elfie und Matti scheinen den Lumpensöhnen ausgeliefert, als sich prompt die neue Postkutsche mit ihrem explosiven Inhalt nähert…

John Ford meets Deadwood – unendliche Weiten des Westens, gemischt mit einer Prise harscher Realität gegen jede Wild West-Romantik, so in etwa lässt das Konzept von Roger Seiter (u.a. „Fog“, „Das Blutherz“) und Chris Regnault (u.a. „H.G. Wells – Der Unsichtbare“, ebenfalls bei Splitter erschienen ) umreißen, das eine harte Storyline mit atemberaubenden Szenerien kombiniert. Das Leben ist gefährlich im Westen, nicht etwa wegen der eigentlichen Landesherren, die hier bis auf Mad Wolf im Hintergrund bleiben, sondern wegen der vagabundierenden Halsabschneider, die gewissenlos auf Beutezug gehen und dabei vor allem Frauen mehr oder weniger als Freiwild sehen.

Dass sich Lew dagegen als Vigilant wendet, der angesichts lethargischer Sheriffs die Gerechtigkeit selbst in die Hand nimmt, das endet alles andere als heroisch, sondern prosaisch im Kugelhagel. Mehr oder weniger gezwungen müssen die drei Damen dann zusammenarbeiten, aber eine explosive Goldkiste bringt so manche Loyalität ins Wanken. Die Story wird atemlos vorangetrieben, aber der Star des Geschehens ist und bleibt die optische Inszenierung, die Regnault einfach nur grandios gelingt.

Von dynamischen Kutschfahrten über realistischen Gewaltdarstellungen bis hin zu „Luftaufnahmen“ der endlosen Wüste mit den Ford-typischen schroffen Felsen (Monument Valley lässt grüßen) breitet sich ein Panorama aus, das alleine schon den Band zum Pageturner macht. Damit ein alles andere als romantischer Western, der weit weg von jedem Calamity Jane-Klischee Frauen ins Zentrum des ruppigen Geschehens stellt. Bei Splitter erscheint der abgeschlossene Band auf 160 Seiten in gewohnt hochwertiger Aufmachung.(hb)

Leave Them Alone
Text & Story: Roger Seiter
Bilder: Chris Regnault
160 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
27 Euro

ISBN: 978-3-96792-139-7

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