
Eigentlich ist ja eines von vorneherein klar: Usagi Bände sind nie schlecht, weshalb man sich vor der Lektüre eines neuen Bandes besser fragt: Wie gut ist er diesmal? Nun, dieses Mal durchzieht passend zum Titel ein roter Faden die Geschichten und damit den ganzen Band, bis zu einem denkwürdigen Finale. Nämlich den der Bande des Roten Skorpions. Die terrorisiert nicht nur das Umland, sondern auch die Städte. Raub und Erpressung sind ihr Metier. Dabei tauchen Bandenmitglieder unversehens auf, schlagen zu und verschwinden auch wieder, scheinbar spurlos. Niemand weiß, wo das Hauptquartier der Roten Skorpione liegt, geschweige denn wer sie anführt.
Die Geschichte beginnt mit Minakata, einem Trommelbauer, dem Usagi auf seiner Wanderschaft begegnet. Wie alle in der Gegend beklagt er die anhaltende Trockenheit durch den ausbleibenden Regen, wodurch massive Ernteausfälle drohen. Mit einer riesigen Taiko-Trommel, die er gerade baut, glaubt er, die Götter dazu zu bewegen, Regen zu schicken. Gleichzeitig werden die Bauern, wie auch Minakata, immer wieder von der Rote-Skorpion-Bande bedroht und erpresst… Ein schöner Auftakt, der wieder einmal Einblicke in die japanische Kultur bietet. Und der höchst dramatisch und auch tragisch endet, mit einem Usagi, den man selten so verbissen gesehen und erlebt hat („Taiko“, zwei Teile).
In „Krötenöl“ fällt der Name der Bande des Roten Skorpions nur kurz, vielmehr widmet sich die Story einmal mehr der Trickbetrügerin Kitsune und ihrem Lehrling, der Taschendiebin Kiyoko. Kitsune versucht dubioses Krötenöl an den Mann und die Frau zu bringen. Ein angebliches Wundermittel (bei uns wäre das Äquivalent „Schlangenöl“, wie uns Stan Sakai in den Anmerkungen verrät), das blitzartig Wunden heilt, was Kitsune sogleich beeindruckend unter Beweis stellt. Vermeintlich, denn Usagi hat sie sofort durchschaut, wobei Kitsune am Ende – wie so oft – einmal mehr die Nase vorn hat und allen Beteiligten mindestens einen Schritt voraus ist. Schön erzählt, mit einem amüsanten Schluss.
Später lässt sich Usagi von einem Einheimischen durch die Berge führen und begegnet einer mysteriösen Gestalt, die bereits in Band 11 ihren Auftritt hatte: dem „Herrn der Eulen“, der sein Gesicht unter einem Helm verbirgt und der nicht nur rätselhafte Sätze von sich gibt („Ich sehe den Tod in den Augen anderer“), sondern auch im Kampf schier unbezwingbar erscheint („Die Rückkehr des Herrn der Eulen“). Auch hier spielen die Roten Skorpione eine Rolle, die dann im abschließenden Dreiteiler mit dem sperrigen Titel „Die Männer, die auf des Skorpions Schwanz traten“ (der Titel verweist auf einen frühen Film von Akira Kurosawa) endgültig in den Mittelpunkt rücken.
Doch ehe es soweit kommt, trifft Usagi auf Suzuki-Sensei, den Vorsteher einer bekannten Schwertkampfschule. Suzuki lädt Usagi in die Schule ein, um für die Schüler eine Demonstrations-Kampf zu bestreiten. Aber als der Sohn des Magistrats von den Roten Skorpionen entführt wird, überschlagen sich die Ereignisse… Hier zeigt Sakai einmal mehr einen anfangs naiven, gutgläubigen Usagi, der stets an das Gute glaubt, und dabei aufs Glatteis geführt wird. Wie übrigens auch wir Leserinnen und Leser. Denn Sakai gibt erste Hinweise auf die Skorpion-Bande und deren Chef. Doch dann wartet er unvermittelt mit einem Story-Twist auf, dem noch ein weiterer folgt und stellt damit einmal mehr sein erzählerisches Können unter Beweis. Natürlich bietet der Band wieder haufenweise Kämpfe, die hier entweder höchst dramatisch inszeniert sind oder in fast kinoreifen Panelfolgen ohne viele Worte daherkommen.
In seinen Anmerkungen klärt Stan Sakai nicht nur über das Krötenöl auf, sondern berichtet auch ausführlich über die diversen, stets grausigen Selbstmord-Methoden der Samurai. Und das Vorwort stammt diesmal von keinem Geringeren als George „Mister Sulu“ Takei, der vor nicht allzu langer Zeit selbst mit dem Medium Comic in Berührung kam, als seine Biographie „They called us Enemy“ in Graphic Novel Form erschien, 2020 auch auf Deutsch bei Cross Cult. Die übliche Cover-Galerie beschließt den Band dann, der im Original bereits 2014 bei Dark Horse erschien und der wie erwartet ein wunderbares Lesevergnügen darstellt. Und um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Sehr gut, einmal mehr. (bw)
Usagi Yojimbo, Band 28: Der Rote Skorpion
Text & Bilder: Stan Sakai
192 Seiten in schwarz-weiß, Softcover
Dantes Verlag
22 Euro
ISBN: 978-3-68902-033-0