Ich bin ein verlorener Engel (Splitter) | Comicleser

Ich bin ein verlorener Engel (Splitter)

Juli 20, 2026
Ich bin ein verlorener Engel (Splitter Verlag)

Barcelona. Auf einer Baustelle im noch nicht ganz getrockneten Zement steckt mit dem Kopf voran ein Toter, offenbar ein Polizei-bekannter Neonazi namens Riqui. Tatsächlich gibt es eine Augenzeugin, die mehr über dessen skurrilen Tod berichten kann: ausgerechnet die Psychiaterin Eva Rojas. Zum Leidwesen der namenlosen Vize-Inspektorin, die von Eva aus Gründen nur „Merkel“ genannt und konsequent geduzt wird. Wenn es nach Merkel geht, wird Eva, die inzwischen wieder ihren Beruf ausüben darf und die selbst regelmäßig bei einem Kollegen in Behandlung ist, von der Augenzeugin zur Mordverdächtigen. Dennoch erhält sie die Chance, ihre Geschichte zu erzählen und sich dadurch zu entlasten. Und die beginnt bei einem spurlos verschwundenen jungen Fußball-Star, der Evas Patient ist…

Keine Fortsetzung, sondern ein neuer Fall: Nach „Ich bin ihr Schweigen“ schickt der Spanier Jordi Lafebre, der heuer seinen Besuch beim Comic-Salon in Erlangen absagen musste, seine bipolare, schillernde und furchtlose Psychiaterin erneut in die Ermittlungen eines Mordfalls. Das Gerüst ist ähnlich. Wieder beginnt der Band hoch über Barcelona. Dann wird die Geschichte rückblickend erzählt. Und vor allem: Das bekannte und geschätzte Figuren-Ensemble ist wieder an Bord: Neben der absoluten Hauptakteurin Eva sind das ihr geduldiger Psychiater Llull, die gerne genervte und steife Polizistin Merkel und ihr Assistent Garcia, dem hier eine größere, maximal amüsante Rolle zuteilwird, und dann natürlich die drei „Geister“, die imaginären Damen – Vorfahren von Eva – die nur sie sehen kann und die sie und damit auch uns wieder mit spitzen Kommentaren versorgen (wobei es bei den dreien tatsächlich einen Besetzungswechsel gegeben hat).

Der Fall ist von Jordi Lafebre („Trotz allem… Liebe“, „Lydie“, „Wundervolle Sommer“), selbst in Barcelona geboren, wieder fein konstruiert, mit vielen Details und Beobachtungen, die später wichtig werden und führt uns nach einigen Wirren und Umwegen langsam vom verschwundenen Fußball-Profi zum toten Neonazi. Wie gehabt hört Eva dabei weder auf ihre Mitmenschen, noch auf ihre Vernunft, sondern handelt impulsiv, frech, aber auch furchtlos (was von ihrem Arzt gerne kommentiert wird) und offenbart währenddessen eine erstaunliche, beinahe schon detektivische Kombinationsgabe. In einer Nebenhandlung erfahren wir, dass auch Evas Mutter in der Psychiatrie ist und aufgrund ihrer Erkrankung auch eine Gefahr für andere darstellen kann. Was möglicherweise die Brücke zu einem dritten Band schlägt.

Jordi Lafebre legt seine Zeichnungen wieder realistisch und leicht stilisiert an, was v.a. bei seinen Figuren festzumachen ist. Spitze Nasen, Frisuren, die mit wenigen Strichen charakterisiert werden und originell visualisierte Gefühlszustände (der mehr als peinlich berührte Garcia, eine grübelnde Eva mit düsterer Regenwolke über dem Kopf). All diese Elemente fügen sich wunderbar zusammen, dazu gesellt sich Humor, Sarkasmus und die Macken der einzelnen Figuren, die von Lafebre gepflegt und immer wieder an passender Stelle angebracht werden. Wer „Ich bin ihr Schweigen“ mochte, wird von diesem Band erst recht angetan sein. Und vielleicht holt Lafebre seinen verpassten Besuch zum Comicfestival in München im kommenden Jahr nach.(bw)

Ich bin ein verlorener Engel
Text & Bilder: Jordi Lafebre
112 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
25 Euro

ISBN: 978-3-68950-166-2

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