Eine kurze Geschichte des Fußballs (Splitter) | Comicleser

Eine kurze Geschichte des Fußballs (Splitter)

Juni 15, 2026
Eine kurze Geschichte des Fußballs (Splitter Verlag)

Gnadenloser Kommerz oder doch einfach nur das „beautiful game“? Gleich zu Beginn des Bandes wird dieser immense Kontrast hervorgehoben, als Fans in einem Café die beiden Sichtweisen diskutieren: Zum einen dient Fussball als Gelddruckmaschine, mit der längst astronomische Summen bewegt und verdient werden, zum anderen als Sport, der die Massen begeistert, sei es als Akteur auf dem Platz oder als Zuschauer. Aber wie ist das Phänomen Fußball, das in etlichen Ländern Nationalsport ist, entstanden? Und wo liegen seine Ursprünge? Und welche Entwicklung machte er in den verschiedensten Ländern der Welt? Die Graphic Novel „Eine kurze Geschichte des Fußballs“ klärt auf, mit teilweise erstaunlichen, weil längst vergessenen oder unbekannten Fakten.

Dazu reisen wir gemeinsam mit dem Band zurück. In das England des ausgehenden Mittelalters. Dort wird ein Spiel praktiziert, das man Folk Football nennt. Der Kampf – auch oft wörtlich genommen – um einen Ball. Zwei Mannschaften, kein Spielfeld, keine Regeln. Dann wird Anfang des 19. Jahrhunderts Rugby und Football gespielt, vornehmlich von der Elite. 1848 werden erste Regeln festgelegt, die 1863 endgültig beschlossen werden, womit der moderne Fußball geboren ist. 1871 folgt die erste Austragung des FA Cups, die Idee des Fairplays hält Einzug in das Spiel. Viele Traditionsclubs werden nach und nach gegründet, wobei die Arbeiterschaft die Eliten im Spiel ablöst. So entsteht beispielsweise 1895 der Arbeiterverein Thames Ironworks Football Club, dessen Spieler sich Hammers nannten (und nennen) und der viel später zu West Ham United wird. 1888 wird schließlich die Football League mit 12 Vereinen aus der Taufe gehoben. Ein Profitum, schon mit diversen Auswüchsen, die wir auch heute kennen, etabliert sich. Man verdient als Spieler bis zu vier Pfund die Woche…

Von England aus zieht der Fußball in die Welt, oft getragen vom britischen Kolonialismus oder englischen Auswanderern oder Studenten. Erste Vereine in Südamerika, Japan und Südafrika entstehen. In Deutschland wird 1887 der spätere Hamburger Sport-Verein gegründet, auch in Italien und Spanien frönt man mit zunehmender Begeisterung dem Fußballspiel. Nur in den USA hat der Sport keine Chance, für eine lange, lange Zeit. Szenenwechsel: Wer weiß heute noch, dass zu Beginn der 1920er Jahre Zehntausende zum Frauen Fußball strömten, Spielerinnen wie auch Zuschauer? Für eine kurze Zeit, ab Beginn des Ersten Weltkriegs, entstehen Frauen-Fußball-Teams, die oft Werksmannschaften sind. Die „Dick, Kerr Ladies“ dominieren dabei das Spiel-Geschehen (828 Spiele, 758 Siege, 46 Unentschieden, nur 24 Niederlagen). Mitte der 1920er Jahre ändert sich die Sichtweise auf den Frauenfußball radikal. Frauen sollen sich wieder auf das Kinderkriegen konzentrieren. Ihr Fußball wird erst massiv sanktioniert und schließlich komplett verboten.

Die nächste Episode beschäftigt sich mit der Entwicklung des Brasilianischen Fußballs, wobei wieder einmal rassistische Ressentiments eine wichtige, wenn auch unrühmliche Rolle spielen (ein Mestize, der 1914 beim etablierten Fluminense FC aus Rio spielt, muss seine Haut mit Reispulver bleichen, um nicht aufzufallen). Auch in der Sowjetunion wird Fußball gespielt. Auch hier hat das Spiel eine politische Dimension. Dann wieder Rassismus: Schwarzafrikaner, die Fußball spielen (können)? Ein Unding, zumindest nach Meinung der belgischen Presse in den fünfziger Jahren. Bis sich Zaire, das ehemalige berüchtigte Belgisch-Kongo, für die WM in Deutschland qualifizieren kann… Noch einmal Brasilien: in den fünfziger Jahren verfolgen wir den Aufstieg zweier Fußball-Götter: Pelé, den noch heute jeder kennt, der als Einziger dreimal Weltmeister wurde. Und Garrincha, aus einfachen Verhältnissen stammend, zweifacher Weltmeister, später Alkoholiker, der schließlich einsam und verarmt starb.

Apropos Fußball-Götter. Da gab es noch einen, einen Argentinier namens Diego Armando Maradona, der mit der Hand Gottes. Auch ihm ist hier ein Kapitel gewidmet, u.a. visuell originell gestaltet mit einem Dribbling aus der Ich-Perspektive. Auch sein Leben nach dem Fußball ist von diversen Tiefpunkten geprägt. Ehe der Band mit einem Blick auf den modernen, sich langsam aber sicher etablierenden Frauenfußball endet, verfolgen wir ein interessantes Kapitel, das Fans betrifft, nämlich die Ultras des ägyptischen Vereins Al Ahly, und ihre Rolle in den diversen politischen Umwälzungen des Landes. Aus Deutscher Sicht werden das Wunder von Bern oder ein gewisses Spiel, das 7:1 endete – ein Ergebnis das in Brasilien zum geflügelten Wort als Synonym für Pech wurde – leider ausgespart. Dafür zeigt ein unrühmliches Kapitel mit deutscher Beteiligung den Fußball während der Nazizeit und den Konflikt mit dem Österreichischen Wunderteam um den Stürmer Matthias Sindelar aus Wien.

Wer sich anlässlich der aufgeblähten und vor Kommerz strotzenden Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko näher mit Fußball, dessen Geschichte und sozialem Umfeld beschäftigen will, ist hier gut beraten und wird erkennen, dass Politik, gesellschaftliche Um- und Missstände schon immer eine nicht unbedeutende Rolle bei diesem Sport spielten, ob fördernd oder hemmend. Zeichner Lelio Bonaccorso setzt die Historie des Spiels dynamisch und leicht stilisiert (dünne Beinchen und lange Füße) in Szene. Die Anfänge in gediegenen Sepiafarben, später erkennt man prominente Figuren sofort. Die Erzählweise in verschiedenen losen Kapiteln ist sachlich, aber nicht trocken – die Autoren Jean-Christophe Deveney und der Journalist Mickaël Correia wissen selbst bekannte Episoden, wie die mit Maradona, interessant, lesens- wie sehenswert darzustellen. Und am Ende bleibt die Diskussion ergebnislos: Kommerz und das „beautiful game“, beides existiert und blüht nebeneinander. Und die Begeisterung für Fußball bleibt. (bw)

Eine kurze Geschichte des Fußballs
Text & Story: Mickaël Correia, Jean-Christophe Deveney
Bilder: Lelio Bonaccorso
144 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
25 Euro

ISBN: 978-3-98721-333-5

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