
Schockmoment für den jugendlichen Alex Plot: in einer stürmischen Nacht verschwindet seine Mutter, die Kinderbuchautorin Anastasia, urplötzlich aus dem Haus. Alex, dessen Vater kurz nach der Geburt des Sohnes angeblich bei einem Unfall starb, steht alleine da, weshalb flugs sein Großvater Oreste anreist, der seit langem mit der Mutter zerstritten war. Der Volkskundler und Autor untersucht den Ort des Geschehens und findet für ihn alarmierende Zeichen: eine Ausgabe von Jules Vernes „20.000 Meilen unter den Meeren“ nebst einer Karte mit einem gezackten „N“ sind für Oreste untrügliche Hinweise, dass Gefahr in Gestalt von Kapitän Nemo (ja, der fiktive Kapitäne der Nautilus) droht.
Unverzüglich nimmt er Alex mit in sein Haus nach Santiago und eröffnet ihm, dass es eine magische Brücke zwischen den Welten gibt, mit der Kundige in die imaginierte Welt eines Autors reisen können. Dieses „Doppelversum“ kann man immer nur exakt 10 Tage besuchen, danach muss die Rückreise angetreten werden. Oreste eröffnet dem staunenden Alex, dass seine Mutter vor Jahren ins Verneversum entführt wurde, wo Kapitän Nemo ihren Reizen verfiel und ihren Mann Maximo, Alex‘ Vater, tötete. Offenbar hat Nemo nun wieder zugeschlagen, weshalb Alex und Oreste sich selbst aufmachen ins Verneversum, um die Mutter zu retten.
In Paris suchen sie zunächst Professor Arronax auf, den es vor Jahren auf die Nautilus verschlug, mittlerweile ein Institut für Meeresungeheuer leitet und den beiden Abenteurern den entscheidenden Hinweis gibt, dass Nemo ja noch an anderer Stelle anzutreffen sei – nämlich auf der „Geheimnisvollen Insel“ Lincoln Island. Dort angekommen, treffen die beiden Weltenreisenden auf den wild aussehenden Kuikueg, der zu Alex großer Überraschung die Handlung der Romane und auch das Konzept des Doppelversums kennt. In Gestalt des Kanadiers Ned Land tritt ihnen ein weiterer unfreiwilliger Reisender der Nautilus entgegen, der berichtet, dass Nemo und die Nautilus nicht mehr auf der Insel anzutreffen ist: der selbsterkorene Herr der Welt Robur hat mit seinem Flugschiff Kapitän, Schiff und Anastasia in seine Festung entführt.
Der ebenfalls gestrandete junge Ingenieur Nab Cyrus Smith, Sohn des ursprünglich auf Lincoln Island gestrandeten Amerikaners Cyrus Smith, besorgt per Luftschiff diverse Ladungen Dynamit aus der väterlichen Fabrik in San Francisco, mit denen man die in einer Felshöhle festsitzende Fiseter, Nemos ersten U-Boot-Prototypen, befreien kann. So macht sich die selbstbenannte „Bruderschaft der Nautilus“ auf den Weg in Richtung Roburs Festung in der Bering-Straße, die man nach dem Angriff eines Riesenkraken auch erreicht. Der frühere Kurier des Zaren Mikhail Strogoff nimmt den alten Weggefährten Ned Land gerne in Empfang, und mit gemeinsamen Kräften attackieren sie Roburs Festung, die von Robotern und Fluggeräten gesichert ist…

High Concept, dieser Begriff für eine geniale Grundidee, so kann man diesen brillanten Wurf des chilenischen Kreativduos Gonzalo Martinez und Francisco Ortega mit Fug und Recht bezeichnen. Dass sich reale und fiktive Welten mischen (eine Mischung rein fiktiver Welten bietet auch „Nautilus“, bei Splitter erschienen), das kennen wir bestens aus dem Sherlock-Versum von Sylvain Cordurié, mehrere parallele Dimensionen sind in Form des Multiversums mittlerweile jedem Strömungsdienst-Schauer geläufig – aber dass es per Brücke einen Weg in die Vorstellungswelt eines konkreten Autors gibt, was den dort anzutreffenden Figuren auch durchaus bewusst ist, das ist neu (in Grundzügen lernten wir das in John Carpenters „Into the Mouth of Madness“ kennen, aber der ist so gruselig, dass wir den nie mehr sehen wollen).
Martinez und Ortega (die sich übrigens sogar selbst einen Gastauftritt in Professor Arronax‘ Institut gönnen) werfen sich mit sichtlicher Freude in ihr Konzept, die Welt von Jules Verne erscheint als astreine Steampunk-Dimension mit fliegenden Maschinen, Robotern, Elektro-Gewehren und natürlich jeder Menge Figuren aus Haupt- und auch Nebenwerken: 20.000 Meilen, Die geheimnisvolle Insel, Der Kurier des Zaren und Robur der Eroberer stehen hier an vorderster Stelle, ikonische Szenen wie der Kampf mit dem Kalmar (wunderbar gummihaft umgesetzt in der Disney-Verfilmung), die Sprengung von Lincoln Island, Roburs fliegende Festung Albatros, all dies wird gekonnt in Szene gesetzt und mit klugen Querverweisen versehen.
Gebaut wurde die Albatros eigentlich von Cyrus Smith, dem Robur sie dann stahl, man trifft auf entfernte Verwandte der Kinder des Kapitäns Grant, Ned Land hat Mikhail Strogoffs Schwester geheiratet und mit ihr eine Tochter namens Kat, man besucht den spektakulären Start des Projektils, das sich aufmacht, von der Erde zum Mond zu fliegen – die Anspielungen nehmen kein Ende, ein wahres Fest für Verne-Freunde, das durchaus humorig gespielt wird: als Professor Arronax darauf hinweist, er sei ja nicht der letzte, der Nemo jemals gesehen habe, ruft Alex: „Wir sind im falschen Buch!“
Dabei erlauben sich die Autoren auch, „Gäste“ aus anderen Universen einzubauen: den furchteinflößenden Kuikueg kennen wir natürlich als Harpunier aus Melvilles Moby Dick, den ja auch Ortega und Martinez schon in ihrer Graphic Novel „Mocha Dick – The Legend of the White Whale“ thematisierten, der höchst selbst auch hier einen Auftritt hat – und selbst Fabelwesen wie Yetis bevölkern das Verneversum. Launig auch die Idee, dass die Welt vom jeweiligen Autor gefärbt ist – als Alex über Paris von Verne staunt, kommentiert Oreste trocken: „Du solltest einmal Baltimore im Poe-Versum sehen“. Der Kniff, dass ein Besuch im Doppelversum immer nur 10 Tage dauern darf, steht dabei in guter Tradition der Serials und Superhelden, wo ja stets eine Schwäche eingebaut wurde, um immer wieder für Spannung sorgen zu können.
Und in Orestes Warnung „Misch Dich nicht ein! Gib Dich nicht zu erkennen!“ schaut sogar die Prime Directive aus der Star Trek-Welt vorbei, was ja immer eine gute Referenz ist. Dass im Verneversum eine große Überraschung auf Alex wartet und der gute Oreste eine durchaus finstere Vergangenheit hat, das wird im Verlauf zunehmend deutlich und sorgt zusätzlich für Lesefreude, wie auch die Gestaltung, wie im franko-belgischen Stil gehalten wohlig an die Illustrierten Klassiker erinnert. Bei MarGravio erscheint der Band im großformatigen Softcover auf 144 Seiten mit einem kleinen Skizzenanhang. (hb)
Alex Nemo
Text & Story: Francisco Ortega
Bilder: Gonzalo Martinez
144 Seiten in Farbe, Softcover
MarGravio Verlag
21 Euro
ISBN: 978-3-910932-35-7