Im Kopf von Sherlock Holmes, Band 2 (Splitter) | Comicleser

Im Kopf von Sherlock Holmes, Band 2 (Splitter)

Juli 2, 2026
Im Kopf von Sherlock Holmes, Band 2: Der Albtraum von Loch Leathan, Teil 1 von 2 (Splitter Verlag)

Schottland ist bekanntlich immer eine Reise wert, aber wenn Sherlock Holmes sich aufmacht Richtung Norden, dann steckt mehr dahinter. Zum Beispiel ein geheimnisvoller Brief, in dem in zittriger Handschrift und scheinbar wirrer Gedankenführung vor einer fürchterlichen Gefahr gewarnt wird. Gemeinsam mit Watson steigen wir ein in Holmes‘ „Train of Thought – Internal Line“ (ein feines Wortspiel, „train of thought“ bezeichnet tatsächlich einen Gedankengang) und stellen fest: der Brief ist chiffriert, wenn man ein Licht dahinter hält (wobei wir auch als Leser selbst mitmachen können), erscheinen nur die entscheidenden Worte, die durchaus Sinn ergeben.

Mit Hilfe eines Stempelabdrucks folgert Holmes, dass der Brief in einem Lebensmittelladen nahe Portree auf der Isle of Skye abgeschickt worden sein muss, wohin man sich nach einem kurzen Abstecher nach Edinburgh aufmacht, wo der Psychologe Professor Abernathy konstatiert, der Brief müsse von einer Person stammen, die unter schwerem Schock steht. In Armishader nahe Portree angekommen, schlägt den beiden Ermittlern Misstrauen und Angst entgegen – der Hufschmied Graham ist im örtlichen Loch Leathan ertrunken, die abergläubischen Einheimischen vermuten die sagenhaften Kelpies als Missetäter, Monster in Pferdegestalt, die Menschen gerne in ein nasses Grab ziehen.

Der Brief stammt offenbar von einer Millie Ogilvy, die ebenfalls seit drei Wochen nicht mehr am Leben ist. Im Haus ihres Ehemanns Alistair finden die Detektive die Rechnung eines Pferdekaufs, was Holmes als nächste Spur wertet. Vorbei am monumentalen Old Man of Storr erreicht man das Pferdegestüt, wo Holmes sich als Kaufinteressent ausgibt und allerlei Seltsamkeiten feststellt: finstere Gesellen, mysteriöse Handzeichen und absonderliche Trainingsmethoden offenbaren, dass man es mit Mitgliedern der Loge „The Horsemen’s Word“ zu tun hat.

Vorbeipreschende, militärische angehauchte Reiter machen sich über den Aberglauben der Einheimischen lustig, denn am Ufer des Sees hat man eine weitere Leiche gefunden: Alistair Ogilvy wurde offenbar in die Tiefe gezerrt. Nach einer Inspektion des Tatorts, bei dem Holmes eine geheimnisvolle Grotte findet und in seinem Geiste erst einmal zur Seite legt, lassen die beiden Ermittler zurück im Dorf von einer alten Kräuterhexe die Fundstücke untersuchen – die augenscheinlich wirklich auf das Wüten eines Kelpies hindeuten…

Auch mit diesem Band tauchen wir wörtlich wieder ein in den Kopf von Sherlock Holmes – die geniale Grundidee von Cyril Lieron und Benoit Dahan, die wir schon aus dem „Rätsel der skandalösen Eintrittskarte“ kennen, macht auch diese Episode zu einem ganz besonderen Genuss. Wir verfolgen die Geschehnisse erneut aus der Perspektive des Ermittlers, wir erleben seine Sicht der Realität, die konsequente Spurensicherung, die in kleinen Anmerkungen und Einschüben in fast jeder Szene zu sehen sind (sensationell etwa der Fund der Leiche Ogilvys, in mit einer Legende versehen acht Hinweise versteckt und erklärt werden).

 Optisch umgesetzt wurde dieses Prinzip ja auch schon in der brillanten TV-Serie mit Benedict Cumberbatch, wo Holmes‘ „Gedankenpalast“ in Überblendungen erschien, aber hier heißt es darüber hinaus auch wieder aufgepasst und mitgemacht: wie schon in Band 1 lassen sich durch Beleuchten der Seiten von hinten teilweise erstaunliche Entdeckungen machen. Zusätzlich steigen wir gemeinsam mit Holmes wiederholt auf den Dachboden seines Geistes, in dem Folianten von Wissen geparkt sind, die nur darauf warten, abgerufen zu werden.

Dazu gibt es dieses Mal jede Menge Lokalkolorit, die atemberaubende, teilweise unwegbare Natur auf der Hebriden-Insel Skye spielt in historischen Landkarten, Wegbeschreibungen und düsteren Ansichten eine zentrale Rolle, das beliebte Wanderziel Old Man of Storr inklusive – nur Talisker besucht Holmes nicht, obwohl die Whisky-Brennerei zum Zeitpunkt der Handlung 1894 längst in Betrieb war. Inhaltlich lehnt sich die Episode dabei explizit an Holmes‘ legendären, am Gruselgenre orientierten Fall des Hundes von Baskerville an, auf den die kurze Einleitung explizit Bezug nimmt – was nahelegt, dass es auch hier eine durchaus irdische Erklärung für die Geschehnisse geben wird. Während der erste Fall noch als Splitter Double erschien, müssen wir uns dieses Mal allerdings bis zu Teil 2 mit der Auflösung gedulden. Wir sind gespannt! (hb)

Im Kopf von Sherlock Holmes, Band 2:
Der Albtraum von Loch Leathan, Teil 1 von 2

Text: Cyril Lieron, Benoit Dahan
Bilder: Benoit Dahan
48 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18 Euro

ISBN: 978-3-68950-154-9

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