
Künstler sind eine eigene Spezies, Filmschaffende sowieso, aber Fritz Lang hat seine ganz eigenen Gesetze. Der Perfektionist, Visionär, Megalomane und vor allem notorische Budgetüberzieher erholt sich 1928 gerade noch vom Flop seines Großwerks „Metropolis“ und steckt in den Dreharbeiten zu seinem nächsten Projekt „Frau im Mond“. In einer Kaschemme trifft ihn sein alter Bekannter Hauptkommissar Lohmann und konfrontiert ihn mit einer Akte zu einer bestialischen Mordserie, bei der in Düsseldorf seit drei Jahren Kinderleichen mit zerschnittenen Kehlen aufgefunden werden. Lohmanns Idee: Lang, der es mit der Wahrheit bisweilen selbst nicht so genau nimmt, wie schon beim Tod seiner ersten Frau Elisabeth 1921, hat Einfluss und Macht über das Publikum – wenn er einen solchen Stoff aufgreift, sollte das doch die Unterwelt aufwühlen und abschreckende Wirkung haben.
Lang zeigt sich erst brüskiert, ist aber mehr und mehr von den grauenhaften Vorgängen fasziniert. So lässt er sich mehr und mehr von Lohmann vereinnahmen, der ihn am Filmset besucht; als drei weitere Morde geschehen und die Medien schon vom „Vampir von Düsseldorf“ schwadronieren, begleitet Lang als Polizist verkleidet Lohmann zu einem Tatort. Während sich der Misserfolg von „Frau im Mond“ abzeichnet, nimmt Lohmann nach dem entscheidenden Hinweis der jungen Maria Butlies, die einen Angriff knapp überlebt, Lang direkt nach Düsseldorf mit. Auch wenn man den nun entlarvten Täter, den verheirateten Peter Kürten, in seiner Wohnung in der Mettmanner Straße 71 nicht antrifft, stellt der sich doch kurz danach der Polizei.
Tief beeindruckt bittet Lang seine Frau Thea von Harbou, den Stoff in einem Drehbuch zu verarbeiten, das unter dem Arbeitstitel „Mörder unter uns“ 1930 Gestalt annimmt. Lang engagiert den weitgehend unbekannten Peter Lorre für die Hauptrolle und kommt auf Vermittlung von Lohmann auch mit zahlreichen Vertretern der Unterwelt in Kontakt, die er ebenfalls als Komparsen einsetzt. So entsteht, während Kürten auf seine Hinrichtung wartet, ein Film über seine Taten, mit dem Lang wieder einmal Kinogeschichte schreiben wird…
In dieser wahrhaft meisterlichen, durchaus fiktionalisierten Entstehungsgeschichte des Fritz Lang-Films „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ liefert Thibault Vermot eine furiose Melange von verbürgter Filmgeschichte und phantasievollen Einsprengseln, die sich zu einem faszinierenden Kaleidoskop verbinden. Bleiben wir bei den Tatsachen: nach den Misserfolgen von „Metropolis“ und „Frau im Mond“ wandte sich Lang, der sich mit der Ufa komplett überworfen hatte, dem Tonfilm zu. Den Stoff zogen er und seine Noch-Ehefrau Thea von Harbou aus zeitgenössischen Serienmörder-Taten – neben dem „Vampir von Düsseldorf“ Peter Kürten stand auch Fritz Haarmann Pate für den von Peter Lorre verkörperten Mörder.
Langs künstlerische Vision zeigte sich in der Kombination der typischen Licht/Schatten-Spiele und expressiver Momente mit dem Einsatz des neuen Instruments Ton als dramaturgischem Element: legendär die auch im Comic direkt umgesetzte Eröffnungssequenz der singenden Kinder, das Klopfen des an die Wand treffenden Balls und die gepfiffene Melodie „Die Halle des Bergkönigs“ von Edvard Grieg. Auch Langs Akribie und Detailwahn (Lohmann staunt nicht schlecht, als ganze Kolonnen von Lastwagen ins Studio fahren, um Sand für die „Mondoberfläche“ anzuliefern; das Set von „M“ muss um ein ganzes Stockwerk hochgezogen werden, auch wenn das „das Doppelte kostet“) kommen ebenso zu Tragen wie die fernöstliche gestaltete Wohnung, die man seinerzeit gerne in Zeitschriften publikumswirksam als Meisterwerkstatt inszenierte.
Auf diesem festen Untergrund stehend, lässt Thibault dann die Grenzen zwischen Realität und Film gekonnt zerfließen: Hauptkommissar Lohmann ist eine Figur, die in „M“ und dem folgenden „Testament des Dr. Mabuse“ auftritt und hier zu einer Art Mephistopheles wird: selbst durchaus zwielichtig, zieht Lohmann Lang immer tiefer in die Mordserie, besucht mit ihm Tatorte und nimmt dabei vielleicht sogar in Kauf, einen Mord nicht zu vereiteln, um Lang mit der Leiche konfrontieren zu können. Lohmann kennt Lang noch von den Ermittlungen zum Tod seiner ersten Frau, der bis heute ungeklärt ist und schon in Arnaud Delalandes Comicbiographie eine zentrale Rolle spielte. Auch Berlin selbst erscheint bei Thibault wie eine Galerie aus Langs Filmen – vorbei an einem modernen Turm zu Babel wandert Lang, den Lohmann zum Unterwelt-Boss „Muskel-Adolf“ schickt, direkt in einen Nachtclub namens Yoshiwara und wandelt damit auf den Pfaden seiner eigenen Figuren aus „Metropolis“.
In Lohmanns Büro hängt ein Fahndungsplakat, das später in „M“ auftauchen wird, gemeinsam mit Lohmann belauscht Lang ein Verhör Kürtens, in dem der beschwört, er selbst sei doch gar nicht schuld (was sich in der im Comic ausführlich umgesetzten „Verhörszene“ im Film spiegelt, in der der Mörder ausruft „Ich kann doch nicht anders“), und die Kinderdarstellerin Inge Landgut bringt Lang auf die Idee, am Anfang erst den Schatten des Mörders zu zeigen – eine der ikonischsten Szenen des Kinos überhaupt. Optisch zieht Alex W. Inker alle Register, in durchgängig atmosphärischem Schwarz-Weiß entfaltet sich das Geschehen, von alptraumhaften Nachtclubsequenzen (deftige Erotik inklusive) über tonlos-scherenschnitthafte, beklemmende Mordsequenzen bis hin zu direkt genannten Filmtechniken („Pan!“, der berühmte Countdown bei „Frau im Mond“) stürzt das Geschehen atemlos vorüber.
Das Ende weist dann allerdings weit über den Film hinaus, als sowohl Lang als auch Lohmann von der Realität in Form der neuen Machthaber eingeholt werden. Goebbels verbietet „Das Testament des Dr. Mabuse“ (allzu nahe am Vorgehen der neuen Herren, dachte man sich wohl) und bietet Lang dann eine führende Rolle im deutschen Film an – Thibault frönt auch hier der Fiktion, indem er Langs eigene Version der Ereignisse erzählt, in der sich der Regisseur noch am selben Abend nach Paris absetzt (in Wahrheit dauerte die Flucht wohl etwas länger, was allerdings im großen Gang der Geschichte auch eher nebensächlich ist).
Übler ergeht es dem fiktiven Lohmann, der Langs ehemaligen Diener Hans, mittlerweile Wehrmachtssoldat, am Bahnhof trifft. Der zerlumpte Lohmann steht kurz vor seiner Deportation nach Polen und stellt bitter fest: „Ich habe Fritz gebeten, einen Film zu machen. Und er war einverstanden. Einen Film, der den Menschen zeigt, wer die Mörder sind. Damit sie immer auf der Hut bleiben. Aber heute ist jeder auf die eine oder andere Weise zum Mörder geworden. Auch Sie, Hans. Adieu, mein Freund.“ Mörder unter uns, dieser Arbeitstitel sollte schon wenige Jahre nach der Premiere von M eine grausame Brisanz erlangen – die Grenze zwischen Fiktion und Realität ist eben doch fließend. Bei Splitter erscheint dieser Band, der nicht nur Filmfreunde tief beeindrucken dürfte, als voluminöses Hardcover mit 280 Seiten. (hb)
Krimi: Die Geschichte hinter Fritz Langs
„M – eine Stadt sucht einen Mörder“
Text & Story: Thibault Vermot
Bilder: Alex W. Inker
280 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
39,80 Euro
ISBN: 978-3-68950-102-0