Die Irrfahrt der St. Louis (Knesebeck) | Comicleser

Die Irrfahrt der St. Louis (Knesebeck)

Februar 3, 2026
Die Irrfahrt der St. Louis (Knesebeck Verlag)

Direkt das rettende Ufer vor Augen – und dennoch wird man zur Umkehr gezwungen. Wie bitter muss das sein, v.a. wenn das rettende Ufer Leben bedeutet und Umkehren den vielleicht sicheren Tod…

Im Mai 1939 nimmt die St. Louis, ein Passagier-Dampfer der HAPAG, von Hamburg Kurs auf Kuba. An Bord befinden sich über 900 Passagiere – Juden, die vor der NS-Diktatur fliehen und die in Kuba einen sicheren Neuanfang wagen wollen. Vor Havanna ankernd dann die Enttäuschung: aufgrund kurzfristig geänderter Bestimmungen wird den Flüchtlingen die Einreise verweigert. Nur einer Handvoll Passagiere ist es möglich, den damals horrenden Betrag von 500 Dollar aufzubringen, um das Schiff verlassen zu dürfen. Doch der erfahrene Kapitän Gustav Schröder, dem das Schicksal der Passagiere am Herzen liegt, gibt nicht auf und sucht weiter nach einer Möglichkeit, „seine“ Flüchtlinge zu retten…

Die Geschichte der Irrfahrt der St. Louis und ihres beherzten Kapitäns, der posthum von Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde, ist bekannt. Es gibt Bücher, diverse Publikationen, TV-Dokumentationen und einen Spielfilm von Regisseur Stuart Rosenberg, der 1976 mit dem Titel „Voyage of the Damned“ (Reise der Verdammten) entstand. Die St. Louis kehrte nicht direkt nach Europa zurück. Vorher verweigerten sowohl die USA unter Präsident Roosevelt als auch Kanada die Aufnahme der Juden. Nachdem das Schiff in Antwerpen einlief, nahmen schließlich Großbritannien, die Niederlande, Belgien und Frankreich die Passagiere auf. Was tragischerweise für viele nur eine vorübergehende Rettung bedeutete. Denn etliche wurden nach Kriegsbeginn in Konzentrationslager verschleppt, wo sie ermordet wurden…

Die Graphic Novel zum Thema, die von der Journalistin Sara Dellabella geschrieben und von Alessio Lo Manto gezeichnet wurde, behandelt den Teil der Reise bis nach Kuba. Sie steigt ein mit Sequenzen, die bildlich fließend und damit ohne Worte oder Erläuterungen auskommen. Beispielhalft werden die Reisevorbereitungen einiger Passagiere gezeigt, die angesichts der NS-Diktatur ihr Hab und Gut versetzen, um die Überfahrt zahlen zu können und die damit nicht nur ihre Heimat zurücklassen, um ihr Leben zu retten. Kapitän Gustav Schröder zeigt Mitgefühl und geht auf die Bitten und Wünsche seiner Passagiere ein – so lässt er im Ballsaal die Hitler-Portraits entfernen, damit dort der Schabatt gefeuert werden kann. Die Reise in Richtung Kuba verläuft tatsächlich auch unbeschwert, man genießt die Annehmlichkeiten eines Passagierschiffes.

Nur der Matrose Hell (nomen est omen) entpuppt sich als Nazi und droht dem Kapitän offen ein ums andere Mal, wobei er sich auch nicht vor perfiden Aktionen zurückschreckt, seine NS-Ideologie durchzusetzen, eben wenn er auf Nazi-Fahnen besteht oder direkt nach Disneys „Steamboat Willie“ im Bordkino zum Entsetzen der Zuschauer eine Wochenschau mit Säbelrasseln von Hitler und Mussolini zeigt – der Zweite Weltkrieg zeichnet sich hier schon ab. Auch die Folgeszene, in der Schröder Hell zur Rede stellt, kommt ganz ohne Worte aus und wird dadurch noch eindringlicher.

Nach dem Verlassen Havannas und der aufkeimenden Hoffnung, von den USA aufgenommen zu werden, verlassen wir die Handlung, und damit das Schiff, seinen mutigen Kapitän und seine Passagiere, deren Schicksal noch in Textkästen chronologisch geschildert wird. Der Band, bzw. der Comic-Teil wird eingerahmt von drei Vorworten. Außerdem kommt u.a. ein Überlebender und ehemaliger Passagier der St. Louis zu Wort und auch die offizielle Entschuldigung des kanadischen Premierministers Justin Trudeau von 2018 für die Einreiseweigerung der Juden der St. Louis, ist in ihrer Gänze abgedruckt. (bw)

Die Irrfahrt der St. Louis
Text: Sara Dellabella
Bilder: Alessio Lo Manto
112 Seiten in Farbe, Hardcover
Knesebeck Verlag
24 Euro

ISBN: 978-3-98962-023-0

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