Soon (Carlsen) | Comicleser

Soon (Carlsen)

Februar 4, 2021

Düstere Zukunftsaussichten: im Jahr 2151 ist die Erde gelinde gesagt komplett im Eimer. Konfrontiert mit Verwüstung in Form von Umweltkatastrophen, Seuchen und Kriegen, haben sich die Überlebenden, die gerade mal ein Zehntel der vormaligen Erdbevölkerung ausmachen, in sieben Städte zurückgezogen, die mittels eines ausgefeilten Kontraktes die spärlichen verbleibenden Ressourcen möglichst nachhaltig nutzen. Fossile Brennstoffe sind tabu, ebenso tierisch erzeugte Lebensmittel. Vor den Toren der Städte breitet sich entweder verstrahltes Ödland oder unübersichtlicher Dschungel aus, die von Versprengten und Unentwegten bewohnt wird.

Um hier zumindest einen Hoffnungsschimmer zu schaffen, hat man vor Jahren die durchaus kontroverse Weltraummission Soon auf den Weg gebracht, die zuerst den Mond kolonisieren und dann nach möglichen alternativen Lebensorten für die Menschheit Ausschau halten soll. Nachdem das Projekt relativ schnell zu einer kaum kaschierten Ausbeutung der Rohstoffe des Erdtrabanten verkommt, geraten Weltraumreisen in massiven Verruf, bis man schließlich mit Soon 2 eine noch ambitioniertere Forschungsmission startet. Eine Gruppe von Astronauten soll die Jahrzehnte dauernde Reise zum System Proxima Centauri antreten, da man dort noch am ehesten halbwegs vielversprechende Bedingungen anzutreffen hofft.

Der Haken dabei: von dieser Reise wird niemand zurückkehren, da weder Treibstoff noch Ausstattung dies erlauben. Die Kommandantin der Mission Simone nimmt das wissend in Kauf, möchte aber dennoch vor dem Start mit ihrem Sohn Yuri eine Reise durch die Städte unternehmen, um sich dem entfremdeten Sprössling wieder anzunähern. Yuri zeigt herzlich wenig Verständnis für die Opferbereitschaft seiner Mutter und entwickelt mehr und mehr seinen eigenen Kopf, was darin gipfelt, dass er am Rande von New Hefai auf eigene Faust loszieht und die Rangerin Anh trifft, zu der er zarte Bande entwickelt. Irgendwann schreitet Yuris Desillusion so weit fort, dass er in den Außensiedlungen untertaucht, während Simone verzweifelt versucht, ihn zumindest noch einmal vor ihrem Aufbruch ins Ungewisse zu sehen…

Was Autor Thomas Cadène („Sechs aus 49“) und Zeichner Benjamin Adam hier vorlegen, ist hellsichtig, beklemmend und atemberaubend zugleich. Anstelle der großen antiutopischen Geste verlagert sich Drama in den zwischenmenschlichen Bereich und entfaltet sich in der zunehmenden Entfremdung von Yuri von seiner Mutter, die ihren Heldenmut scheinbar über seine Bedürfnisse stellt. Mit jeder Station der Reise, die doch eigentlich als Annäherung geplant war, rückt er weiter von seiner Mutter weg, die von Teilen der Bevölkerung frenetisch gefeiert, von anderen radikal abgelehnt wird. So gerät die gemeinsame Erkundungstour eher zu einer Reise in die Seele des enttäuschten und verwirrten jungen Mannes, der sich immer mehr fragt, wie in aller Welt es denn überhaupt so weit kommen konnte.

Und genau diese Hintergründe, den Weg in die vollständige Zerstörung, erleben wir über immer wieder eingestreute, vom Erzählfluss abgesetzte Passagen, die als Besuche in Museen, Vorträge oder Schulausflüge gestaltet die Zukunft skizziert, die Cadène und Adam rein konsequent entwickeln: aus einer Ära des ungezügelten Ressourcen-Raubbaus, in dem jeder mit jedem vernetzt ist, sinnlose Statussymbole erwirbt und sich nicht um die Folgen seines Tuns schert, entwickelt sich die allseits vorhergesagte Klimakatastrophe, die in verheerenden Stürmen über die Welt fegt. Kaum hat man sich berappelt – und den Atommüll auf den Mond verfrachtet, damit man fröhlich weiterwursteln kann -, bricht eine Fieber-Epidemie über die Menschheit herein, die weite Teile der Bevölkerung dahinrafft und für weiteren Unfrieden sorgt. Zu guter Letzt brechen diverse Kriege um die letzten Ressourcen aus, die nur durch den prekären Kontrakt beendet werden, der zumindest ein brüchiges Gleichgewicht schafft.

Dabei richtet man durch die entsetzten Augen von Yuri einen distanzierten, rationalen Blick die Absurdität aktueller Phänomene: als er etwa in einem Hologramm des Times Square des Jahres 2015 eine Plastikflasche entdeckt und fragt, was das denn wohl gewesen sei, erklärt ihm seine Mutter: dieser Gegenstand habe eine kleine Menge Wasser enthalten, habe aber schon in der Herstellung die doppelte Wassermenge verbraucht und sei danach achtlos weggeworfen worden, ohne sich jemals richtig zu zersetzen. Der Kunstgriff des fiktiven Rückblicks auf eine Vergangenheit, die nichts weniger als unsere Gegenwart ist, sorgt mehr als einmal für die schaudernde Einsicht, dass in vielen Belangen einiges nicht stimmt und der Holzweg relativ große Formen angenommen hat. Somit ein beeindruckendes und nachdenklich machendes Epos, das wie alle guten Utopien den Blick auf unsere Zeit schärft. (hb)

Soon
Text: Thomas Cadène
Bilder: Benjamin Adam
240 Seiten, Hardcover
Carlsen Verlag
29 Euro

ISBN: 978-3-551-78760-6

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