
Auch im Äthiopien Mitte der 1950er Jahre findet der Kalte Krieg statt. Die neuen Großmächte ringen auch hier um Einfluss, wobei die Russen die Nase vorn zu haben scheinen. Denn Weltkriegsveteranin und Flieger-Ass Natalia Bortsova bildet hier ungestört Einheimische zu Piloten aus. Ihr zur Hand geht mit vollem Eifer Bessie, die von Natalia in Sachen Jagdfliegerei unterrichtet wird, die gerade knapp einen Abschuss überlebte und die zum Leidwesen ihres Mechanikers Max die eigene Firma mehr und mehr vernachlässigt. Die Amerikaner vor Ort können da nur zusehen und Bessie warnen, sich nicht komplett von den Russen vereinnahmen zu lassen, was Bessie freilich ganz anders sieht. Dann steht plötzlich Bessies Mutter vor ihr, die mehr oder weniger engagiert wurde, um ihrer Tochter ins Gewissen zu reden…
Der Cliffhanger im letzten Band wird zu Beginn vergleichsweise schnell abgehandelt, wobei natürlich noch unklar bleibt, in wessen Auftrag die Maschine unterwegs ist, die Bessie gerade abgeschossen hat. Die ist sich kaum bewusst, dass sie zwischen den kalten Fronten steht und dass im Hintergrund geheimdienstliche Operationen laufen – auf beiden Seiten. Was auch an der offenbar ehrlichen Herzlichkeit liegt, die ihr Natalia entgegen bringt und die für diese Mission ja eigens aus dem Gulag freikam. Mit dem Auftauchen von Bessies Mutter nimmt die Story noch einmal an Fahrt auf, während endgültig auch geklärt wird, welche Rollen diverse Figuren darin wirklich spielen – Überraschungen inklusive.
Die beiden Protagonistinnen Bessie und Natalia stammen aus verschiedenen (politischen) Welten und doch eint sie als Entwurzelte die komplizierte Haltung zu ihrem jeweiligen Heimatland. Während sich Natalia nach Freiheit sehnt (vor dieser Mission landete sie aufgrund System-kritischer Äußerungen bekanntlich im Gulag), weiß Bessie auch, dass sie als Afro-Amerikanerin in ihrer Heimat tagtäglich Diskriminierung ausgesetzt ist. Während ihre Hautfarbe bei ihren neuen russischen Kollegen keinerlei Rolle zu spielen scheint. Vielleicht sucht Bessie auch deshalb die Nähe ihrer noch in Äthiopien lebender Verwandten. Eine für Bessie selbst gewählte und brüchige Idylle, die der Realität auf Dauer nicht standhält, wie sie dann schmerzlich erfahren muss.
Mit diesem Band ist der zweite, wieder zweiteilige Zyklus um die Pilotin Bessie Bates und ihrer markanten Sikorsky S-38 beendet. Wieder mit einem interessanten Setting, sowohl geographisch als auch historisch. Die Story bietet eine Mischung aus Selbstfindung, Spionage und Flieger-Comic, wobei sich ruhige besonnene Sequenzen mit Luft-Action abwechseln. Auch Zeichner Vincent (u.a. Albatros, Chimaira 1887, beides ebenfalls bei Splitter) bleibt sich bzw. seinem Stil treu, indem er das Geschehen in dezent abgestimmten Farben in Szene setzt, wodurch u.a. die Gesichter modelliert wirken, wenn auch teilweise etwas ungelenk. Akribisch sind die Darstellungen der Flugzeuge, v.a. die Sikorsky lässt sich immer wieder schön anschauen. Ob die Serie fortgesetzt wird? Schließlich brechen Bessie und Max zu neuen Ufern auf… (bw)
Liberty Bessie, Band 4: Afro-Amerika
Text: Jean-Blaise Djian, Patrice Buendia
Bilder: Vincent
56 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18 Euro
ISBN: 978-3-98721-350-2