
Hamburg, 1974: in der Absturzkneipe „Zum Goldenen Handschuh“ – so benannt nach dem zweimaligen Sieg des Gründers Herbert Nürnberg bei den Boxeuropameisterschaften – nahe der Reeperbahn treffen sich alltäglich und allnächtlich (offen ist ja immer) Figuren vom Rande der Gesellschaft. Gewohnheitstrinker, Zuhälter, abgehalfterte Straßenmädchen, alles gibt sich hier ein Stelldichein. Fragen werden keine gestellt, jeder ist willkommen – neben Soldaten-Norbert (ex-Waffen SS, erzählt gerne von seinen „Heldentaten“) und Fanta Rolf (erfolgreicher Kleinzuhälter mit standesgemäßen Cowboy-Stiefeln) auch der entstellte Fritz „Fiete“ Honka.
Dieser Gestrandete kippt sich mit literweise Fa-Ko (Fanta-Korn) zu und hält Ausschau nach älteren, heruntergekommenen Frauen, die sich für Alkohol und Obdach auch mal hergeben – was Fiete weidlich ausnutzt. Dass auf dem Gelände einer Schokoladenfabrik unweit von Fietes Wohnung in der Zeißstraße Leichenteile der vermissten Gertrud Brehme gefunden wurden und dass es in Fietes vergammelter Wohnung bestialisch nach Verwesung stinkt, das hält die komplett abgerutschte Gerda Voss nicht davon ab, mit ihm zu kampieren, für ihn zu kochen, mit ihm zu saufen und sich letztlich in der Wohnung einsperren zu lassen.
Als Fiete bei Shell einen Job als Nachtwächter an Land zieht, scheint er tatsächlich ein wenig die Kurve zu kriegen, er stolziert in seiner Uniform daher, hält die Sauferei in Grenzen und wirft ein Auge auf die Putzfrau Frau Denninger. Im scheinbar Dimensionen entfernten Blankenese entspinnt sich derweil ein Abstieg gänzlich anderer Natur: die Reederfamilie von Dohren – die in der Nazizeit mittels gnadenloser Ausnutzung der Notlage eines jüdischen Unternehmers zwar zu Geld kam, allerdings dadurch auch jegliches gesellschaftliche Ansehen in Hamburg verlor – kann nur schwerlich den Niedergang verbergen. Hinter der noblen Fassade lauern Konkurs, Zerstrittenheit und Alkoholismus, Familienpatriarch Wilhelm Heinrich hasst alles und jeden, sein Schwiegersohn sucht bewusst den Kontrast, und auch Enkel WH3 müht sich nach Kräften bei den Mädchen Eindruck zu schinden, was beide nach St. Pauli führt…
Die unglaublichsten Geschichten schreibt das Leben: was erst einmal wie eine krude Slasher-Story scheinen mag, das ist die reale Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der von einer Kindheit in Erziehungsheimen und von einem Unfall schwer traumatisiert älteren, abgerissenen Frauen gegenüber Allmachtsphantasien auslebte und 1974 im „Goldenen Handschuh“ seine Opfer fand. Auch in seiner Wohnung bewahrte er Leichenteile der Frauen auf, die er mit einer Fuchsschwanz-Säge zerstückelte – den bestialischen Verwesungsgestank, der scharenweise Fliegen anzog, erklärte er stets mit den Wohnungsinsassen unter ihm, die angeblich stark gewürzte griechische Gerichte kochen würden.
Niemand fragte nach den verwahrlosten Opfern, so dass Honka eher zufällig aufflog, als wegen eines Wohnungsbrandes die Feuerwehr anrückte und bei den Löscharbeiten das ganze Grauen ruchbar wurde. Honka wurde verurteilt, aufgrund seiner Wahnvorstellungen teilweise schuldunfähig erklärt und verbrachte seine letzten Lebensjahre unter falschem Namen in einem Altersheim, bis er 1998 schließlich aus dem Leben schied. Diese zeitgeschichtliche Version eines Jack the Ripper oder Ed Gein (verewigt als Norman Bates in Hitchcocks Psycho) verarbeitete Heinz Strunk 2016 zu einem eindrucksvollen Tatsachenroman, in dem hauptsächlich aus Sicht des Täters ein gesellschaftliches Panorama der Verwahrlosung, des Abstiegs, Alkoholismus und sexueller Absonderlichkeiten entfaltet wird, das eine vom Krieg zerrüttete Generation charakterisiert, die sich auf der Reeperbahn die dreckige Klinke in die Hand gibt.
Sei es Soldaten-Norbert, der auflebt, wenn er erzählt, wie er im Krieg noch der „Toten-Papst“ war, oder Fiete selbst, der als Sohn eines KP-Mitglieds teilweise im KZ aufwuchs – alle sind zutiefst traumatisiert, was bestenfalls als Erklärung, aber an keiner Stelle als Entschuldigung für die Taten herhalten muss. In der nur scheinbar komplett anderen, rein fiktiven Alternativwelt der Reederfamilie von Dohren spiegelt sich dieses Gesellschaftsbild: Verruchtheit und Niedergang sind unabhängig vom sozialen Status, Verkommenheit kann es überall geben, so die Botschaft, weshalb sich die Erzählstränge gegen Ende auch annähern.
Nach einer reichlich verunglückten, auf plakativen Horror ausgerichteten Verfilmung von Fatih Akin von 2018 legt Ully Arndt nun in enger Zusammenarbeit mit Heinz Strunk eine zweiteilige Comic-Version vor, die das Grauen der Vorgänge ebenso einfängt wie die Psychologie der Figuren: überhöht erscheinen die Zeichnungen, oft blutrot gefärbt, symbolisch mit überzeichneten Darstellungen, die zwischen Karikatur und Zerrspiegel oszillieren.
Arndt packt neben den Handlungselementen des Romans auch jede Menge Zeitkolorit ins Geschenen – in der Hamburger Morgenpost etwa lesen die beiden ermittelnden Polizisten vom bevorstehenden deutsch-deutschen Duell während der Fußball-Weltmeisterschaft, bei dem sich ein gewisser Jürgen Sparwasser unsterblich machen wird, bei Onkel Pö spielt ein langhaariger, glupschaugiger Herr Schlagzeug, der mit seinem Panik-Orchester wenig später den großen Durchbruch schaffen sollte, und Fiete legt pausenlos seinen Favoriten „Es geht eine Träne auf Reisen“ von Adamo auf. Fast schon ironisch wirkt da der Titel „Summer of Love“, eine Replik auf die Hippie-Bewegung, deren Ikonographie bisweilen durchscheint, allerdings der grauen Realität auf St. Pauli weichen muss. Wie in einem Trailer gibt es dann schon einen Ausblick auf Teil 2, der im Frühjahr nächsten Jahres erscheinen soll. (hb)
Der Goldene Handschuh, Band 1: Sommer der Liebe
Text & Story: Ully Arndt, Heinz Strunk
Bilder: Ully Arndt
116 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
20 Euro
ISBN: 978-3-551-74500-2