Appartement 23 (Splitter) | Comicleser

Appartement 23 (Splitter)

September 25, 2014

Appartement 23

Emilie, eine junge, hübsche Frau, begeht in ihrer Badewanne in ihrem Appartement Selbstmord, begleitet von Texten aus Rimbauds Ophelia. Passend also. Doch Emilie ist noch da. Sie kann mit keinem Lebenden sprechen, nur mit Katzen. So wird die Hauskatze dann auch ihr einziger Gesprächspartner. Als Geist kann sie durch Wände, Decken und Türen schweben und lernt so unerkannt und ungesehen die Bewohner ihres Appartement-Hauses und deren skurrile Besonderheiten kennen:

Einen mittellosen Maler, der von seiner Frau verlassen wurde. Der Maler hatte ein Faible für Emilie, wagte aber nie, es ihr zu sagen. Außerdem besitzt er einen magischen Spiegel und ahnt die Präsenz ihres Geistes. Ein Paar, das sich neu gefunden hat, für dessen Zusammenkommen Emilie bzw. ihr Tod indirekt verantwortlich ist und das sich von dem Mann der Frau im Schrank beobachten und fotografieren lässt. Ein Kind, ein Mädchen, das von seinen Eltern vermisst wird, das aber (auch als Geist) nur in einem Raum am Ende eines toten Ganges steckt. Ein Raum ohne Fenster und Türen. Ein dicker Mann der zurückgezogen lebt, mit einer beachtlichen Bibliothek. Irgendwie besitzt er die Gabe, die Figuren aus den Literatur-Klassikern auferstehen zu lassen, um so Tag für Tag hemmungslos gewagte erotische und kulinarische Abenteuer und Episoden zu erleben. Und eine bösartige Alte, die alles und jeden hasst, v.a. aber Katzen. Diese rächen sich grausam an ihr.

Eine surreale Grundstimmung, Realität und Fiktion vermischen sich. Ein Zauberspiegel, Orgien mit Romanfiguren, ein verlorenes Kind. Abgefahrene Dinge. Episoden mit magischen Momenten, auch voller Schwermut. Bei einigen greift Emilie aktiv ein, sofern es ihr möglich ist – sie verschafft dem verlorenen Mädchen Abwechslung, indem sie die (jugendfreien) Romanfiguren des dicken Mannes zu ihr bringt (Münchhausen, Alice), dann ist sie selbst Teil einer Geschichte – bei der Annäherung an ihren Bewunderer, dem Maler. Beim Leben anderer Bewohner bleibt sie lediglich die stille Beobachterin. Zentrales magisches Accessoire ist der große Spiegel. So lange er steht, bleibt die Magie, die in keinster Weise irgendwo erklärt wird, sondern einfach so passiert, bestehen. Sorel bringt zahlreiche Verweise und Zitate aus der Literatur. Darunter Carrolls Alice in Wonderland, ETA Hoffmanns Kater Murr und gleich zu Beginn die Parallele zwischen dem Tod in der Badewanne und Rimbauds schaurig schöner Wasserleiche Ophelia.

Fast zehn Jahre erschien in Deutschland nichts von Guillaume Sorel. Seine bekanntesten Alben stammen gar aus den Neunzigern (Mens Magna, Die Toteninsel). Dann brachte Jacoby & Stuart vor zwei Jahren Die letzten Tage von Stefan Zweig heraus und nun der Splitter-Verlag Sorels erste Graphic Novel. Dankbarerweise – ähnlich wie bei Eine Nacht in Rom – im Großformat und nicht in der üblichen Buchform. So bleibt die Pracht der Zeichnungen erhalten. Und über die lässt sich vermelden: alles in Handarbeit! Sorel macht da weiter, wo er in Die letzten Tage von Stefan Zweig aufgehört hat. Klassische, markante Tusche, handkolorierte Panels. Keine Farben im eigentlichen Sinn, aber auch kein schwarz-weiß. Alles ist in wunderbar zerfließenden Grautönen gehalten, die das Morbide unterstützen. Sein Stil erinnert an Hermann (Jeremiah, Bos-Maury) und an den leider verstorbenen Daniel Hulet (Extra-Muros, Immondys). Mit Hulet gemeinsam hat Sorel auch eine morbide Ader und die Vorliebe für das Phantastische – mit Böcklins Toteninsel, das in der Wohnung des dicken Mannes hängt, zitiert er sich dann auch quasi selbst (Die drei Bände von Die Toteninsel erschienen zwischen 1993 und 1994 bei Comicplus). Appartement 23 ist ein ungewöhnlicher Comic, abseits des Mainstreams. Durchaus anspruchsvoll und künstlerisch. Zeichnerisch wie inhaltlich. Ein phantasievolles Album, das die Aufmerksamkeit des Lesers einfordert. Ein Album, in dem man sich dann aber verlieren kann. Auch ohne Spiegel. (bw)

Appartement 23
Text & Bilder: Guillaume Sorel
104 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
19,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-755-1

Tags: , , , ,

Comments are closed.