{"id":6672,"date":"2018-04-12T11:32:50","date_gmt":"2018-04-12T09:32:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=6672"},"modified":"2018-04-12T12:09:07","modified_gmt":"2018-04-12T10:09:07","slug":"one-two-three-four-ramones-knesebeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=6672","title":{"rendered":"One, Two, Three, Four, Ramones! (Knesebeck)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6673\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones.jpg 300w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Teenage Lobotomy! Dieser sp\u00e4tere Songtitel trifft die Jugend von Douglas Glen Colvin ziemlich exakt. Als Sohn eines in Deutschland stationierten GIs, der besoffen gerne Ehefrau und Spr\u00f6\u00dfling maltr\u00e4tiert, erlebt der Pimpf so ungef\u00e4hr das Gegenteil einer beh\u00fcteten Kindheit. We\u2019re a happy family, wird er das sp\u00e4ter ironisch umschreiben. Bald kommt der Knabe in Ber\u00fchrung mit Drogen in Form von Morphium, ein Fluchtweg aus der Realit\u00e4t, der ihn sein Leben lang nicht loslassen wird. Der gl\u00fchende Beatles-Fan w\u00e4re viel lieber jemand anders und leiht sich deshalb den Decknamen, hinter dem sich Paul McCartney in der fr\u00fchen Bandphase verbarg, w\u00e4hrend der McCartney als \u201ePaul Ramone\u201c firmierte. Als Dee Dee Ramone rebelliert er gegen alles und jeden \u2013 abgesehen von kurzen Pausen, in denen er (teilweise gemeinsam mit seiner Mutter) Drogen konsumiert. Anfang der 70er landet er mit seiner mittlerweile geschiedenen Mutter in New York und unternimmt zusammen mit ebenso vagabundierenden Gesellen, die er an der Forest Hill High School in Queens trifft, im Januar 1974 die ersten musikalischen Gehversuche.<\/p>\n<p>Zusammen mit Jeffrey Hyman, John Cummings und Tam\u00e1s Erd\u00e9lyi rauft sich eine Chaotentruppe zusammen, in der Dee Dee zun\u00e4chst Gitarre spielt und singt. Das \u00fcberfordert ihn allerdings derart, dass er sich alsbald aufs Bass-Spielen verlegt und Jeffrey, der sich k\u00fcnftig Joey Ramone nennt, zum S\u00e4nger gek\u00fcrt wird. Mit einheitlichen Kunstnamen (John wird zu Johnny Ramone an der Gitarre, Tam\u00e1s firmiert als Drummer Tommy Ramone), ebenso einheitlichem Look \u2013 T-Shirt, Lederjacke, Jeans, Turnschuhe, Topfschnitt \u2013 und einem charakteristischen Sound st\u00fcrmen sie auf die wenig beeindruckten Clubs los. Die ersten Auftritte absolvieren sie im legend\u00e4ren CBGB, wo unter den handverlesenen Zuschauern und Mitstreitern auch Mitglieder der Bands Blondie, Richard Hell und der New York Dolls sind. Musikalisch protestieren sie gegen den Prog\/Art-Rock, der in Gestalt der opulenten Inszenierungen von Led Zeppelin und der Sozialkundelehrer-Schnarchfeste von Pink Floyd gerade en vogue ist: schneller, lauter, simpler lautet die Devise. Blaupause sind die Exzesse von Iggy Pop and the Stooges: keine ziselierten Strukturen, keine Soli, keine filigranen Intros &#8211; wenige runtergeschrubbte Akkorde, dazu provokante, ironische Texte aus der Gosse, alles meist aus der Feder des \u00fcberraschend produktiven Dee Dee, der oft auch Erfahrungen und Episoden seiner Jugend verarbeitet.<\/p>\n<p>Bald wird der Produzent von Sire Records, Seymour Stein, auf die jungen Wilden aufmerksam. Das erste Album \u201eRamones\u201c wird 1976 in roher Live-Atmosph\u00e4re, in der Reihenfolge eines tats\u00e4chlichen Konzerts, schn\u00f6rkellos und in wenigen Takes eingespielt, wie das Black Sabbath bei ihrem Debut ebenso handhabten. Die amerikanische \u00d6ffentlichkeit steht diesem Verhau ratlos gegen\u00fcber: die Presse verrei\u00dft die Band, die Platte verkauft sich schleppend, man spielt in Clubs vor ein paar hundert Leuten. G\u00e4nzlich anders das Bild, das sich auf Gastspielreisen in England bietet: mehrere tausend Fans pilgern zu den Ansetzungen (und verleihen ihrer Begeisterung durch Bespucken der Musiker Ausdruck \u2013 Engl\u00e4nder eben), die Band gilt als gefeierter Begr\u00fcnder der Punk-Bewegung, die in Gro\u00dfbritannien mit den Sex Pistols, The Damned, den Stranglers und The Clash, mit denen die Ramones allesamt auftreten, zumindest kurzzeitig auch kommerziell durchschlagenden Erfolg hat.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-6675\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones_5.jpg\" alt=\"\" width=\"467\" height=\"138\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones_5.jpg 700w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones_5-300x89.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px\" \/>Den wollen die Ramones nun endg\u00fcltig auch zu Hause einfahren und engagieren f\u00fcr ihr n\u00e4chstes Album die Produzenten-Legende Phil Spector, den Erfinder der bombastischen \u201eWall Of Sound\u201c, die unter anderem \u201eLet It Be\u201c von ihren Idolen, den Beatles, ziert. Spector stellt sich allerdings als regelrechter Psychopath heraus, der die Band mit ewigen Wiederholungen und endlosen takes qu\u00e4lt und gerne auch mal mit der Waffe droht, wenn man meutern will. Trotz dieser Anstrengungen ger\u00e4t auch die Scheibe \u201eEnd Of The Century\u201c nicht zum kommerziellen Durchbruch. Endg\u00fcltig desillusioniert, verlegen sich die Ramones auf emsiges Touren in ihrem abgeranzten Van, den ihr jahrelanger Fahrer Monte steuert, zunehmend gespalten durch Drogensucht, Alkoholismus (so etwa wird der sp\u00e4tere Drummer \u201eMarky\u201c gefeuert und erst nach einem Entzug wieder engagiert), Streitereien um Frauen (Johnny konnte es Joey nie verziehen, dass der ihm seine Freundin ausspannte und sp\u00e4ter heiratete) und auch politische Differenzen. Dee Dee kehrt der zerr\u00fctteten Band 1989 den R\u00fccken und sucht sein Heil im Rap (unter dem Namen Dee Dee King nimmt er tats\u00e4chlich ein Album auf), der Kunst und in endlosen Entzugs-Versuchen. 1996 kommt es in Buenos Aires, bei einem der letzten Konzerte, zu einem Aufeinandertreffen der verfeindeten Original-Mitglieder: vor 90.000 Fans feiert man Abschied von den Rumpelkumpanen, die allerdings bis zum Schluss unvers\u00f6hnlich bleiben \u2013 bis in den Tod\u2026<\/p>\n<p>Mit den Ramones kam ich, in der Punk-Szene ja nicht unbedingt zu Hause, zweimal in Ber\u00fchrung. Ende der 70er flimmerte im Ferienprogramm (das war damals, als es bis zum fr\u00fchen Abend auf der Mattscheibe bestenfalls das Testbild zu bestaunen gab und die ausnahmsweisen Ausstrahlungen ab 14 Uhr von Eltern schon als Untergang des Abendlandes be\u00e4ugt wurden) ein spa\u00dfiger Film namens \u201eRock\u2019n\u2019Roll High School\u201c vor\u00fcber, in dem vier lederbekleidete Chaotenmusiker eine amerikanische Schule aufmischen. Regie f\u00fchrte der K\u00f6nig der B-Movies Roger Corman (wussten wir damals nicht), f\u00fcr den Film war urspr\u00fcnglich Disco-Sound und dann zun\u00e4chst die <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1993\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hard Rock-Kombo<\/a> Cheap Trick vorgesehen (wussten wir auch nicht), bevor Sparfuchs Corman dann auf die Ramones zur\u00fcckgriff und ihnen \u201ef\u00fcrstliche\u201c 25.000 Dollar zahlte \u2013 somit ein durchaus bezeichnendes Kapitel in der Bandgeschichte, die in den USA durch kommerzielles Durchwursteln gekennzeichnet war.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-6678\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones_56.jpg\" alt=\"\" width=\"587\" height=\"216\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones_56.jpg 650w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Ramones_56-300x110.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px\" \/>Einige viele Jahre sp\u00e4ter lieferte die Truppe \u2013 schon ohne Dee Dee, der allerdings noch als Songschreiber zur Verf\u00fcgung stand \u2013 1992 den durchaus eing\u00e4ngigen Titeltrack zur Stephen King-Verfilmung \u201ePet Sematary\u201c. Auf der zugeh\u00f6rigen \u201eMondo Bizarro\u201c-Tournee gastierten die Kollegen an jeder Streckdose, unter anderem auch meinem damaligen Wirkungsort, dem beschaulichen Freiburg im Breisgau, so dass ich am 3. Dezember 1992 eine der Gastspielreisen der letzten Bandphase leibhaftig miterlebte. M\u00fcde waren sie da, ausgelaugt, Malen nach Zahlen, ein paar Mal Gabba Gabba Hey, und aus. Zu gro\u00df war die Entt\u00e4uschung wohl, dass etablierte Bands von Mot\u00f6rhead \u00fcber die Toten Hosen bis hin zu Nirvana unerm\u00fcdlich die Ramones als ihre musikalischen Inspirationen priesen, die ihrerseits weiter bestenfalls ein Mauerbl\u00fcmchendasein fristeten. Nur in Lateinamerika, da f\u00fcllten sie die Stadien, und das ber\u00fchmte Konzert in Buenos Aires vom M\u00e4rz 1996, bei dem neben den Toten Hosen und Mot\u00f6rhead auch eine obskure neue deutsche Band namens Rammstein auftritt, nehmen Bruno Cad\u00e9ne und Xavier B\u00e9taucourt als Klammer f\u00fcr ihre Nacherz\u00e4hlung, die den Fokus auf das Leben von Dee Dee legt.<\/p>\n<p>Der macht sich widerwillig auf, seine alten Kumpane zu treffen, Animosit\u00e4ten regieren, man spricht nicht mehr miteinander, wie seit Jahren. Dee Dee ist desillusioniert, in der Ich-Perspektive flirrt sein Leben in Episoden am Leser vorbei: die deprimierende Kindheit in Deutschland, wo er in den Tr\u00fcmmern der Nachkriegszeit herumw\u00fchlt, die Drogensucht, das aufregende Milieu in New York der fr\u00fchen 70er, den Wahnsinn der Punk-Welle, die Entt\u00e4uschung \u00fcber den ausbleibenden Erfolg, die Aufenthalte in der Psychiatrie und schlie\u00dflich der Tod an einer \u00dcberdosis des offiziell l\u00e4ngst \u201esauberen\u201c Dee Dee erleben wir in fieberhafter Abfolge. Das Geschehen ist gepflastert von bekannten Weggef\u00e4hrten und Zusammentreffen: Iggy Pop, Debbie Harrie, Captain Sensible (damals noch bei \u201eThe Damned\u201c, Kindern der 80er besser bekannt als der, der st\u00e4ndig \u201ewot?\u201c fragte), der ebenso drogenabh\u00e4ngige Sid Vicious, Joe Strummer, Lemmy \u2013 sie alle geben sich ein Stelldichein, wie es der Historie entspricht. Im ausf\u00fchrlichen Anhang erkl\u00e4rt das Autorenteam denn auch den faktischen Hintergrund verschiedener Szenen und erl\u00e4utert, warum man in einzelnen Elementen von der Historie abweicht, was im Zuge einer dramatischen Darstellung durchaus legitim ist.<\/p>\n<p>Eher weniger Raum nehmen dagegen die einzelnen Alben ein \u2013 fast schon im Vorbeigehen erleben wir den Reigen von \u201eBlitzkrieg Bop\u201c, \u201eSheena Is A Punk Rocker\u201c, \u201eTeenage Lobotomy\u201c und \u201eWe\u2019re A Happy Family\u201c, der von dem gleichen Feuilleton, der die Band damals vernichtend abstrafte, heute als wegweisende Klassiker gefeiert wird (zumindest auf diese Weise teilen sie das Schicksal von <a href=\"https:\/\/www.kuehleszeug.de\/blog\/2017\/1\/18\/das-beste-bse-kommt-zum-schluss-black-sabbath-verabschieden-sich-furios\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Black Sabbath<\/a> und Mot\u00f6rhead, die beide von der Presse anf\u00e4nglich als stupide Beschallung f\u00fcr Minderbemittelte bel\u00e4chelt und sp\u00e4ter als authentische Originale zelebriert wurden). Der Filmausflug in die Rock\u2019n\u2019Roll High School f\u00e4llt ebenso unter den Tisch wie der King-Soundtrack \u2013 der Fokus liegt mehr auf den Rivalit\u00e4ten, der Entt\u00e4uschung und vor allem dem steten Kampf mit den Drogen, den Dee Dee schlie\u00dflich 2002 verlor, ein Jahr, nachdem Joey an Krebs verstorben war. Zeichnerisch richtet sich \u00c9ric Cartier (\u201eAlunys Expedition durch Troy\u201c) ganz gem\u00e4\u00df dem Thema am Underground-Stil aus: schwarz-wei\u00df, Bleistift, Robert Crumb schaut gelegentlich um die Ecke, so wird das Leben auf der falschen Seite der Stra\u00dfe und Gesellschaft trefflich inszeniert. Somit ein gelungenes Portrait einer Band, die fast zuf\u00e4llig ein musikalisches Ph\u00e4nomen begr\u00fcndete, dessen Erfolg zu ernten ihr nie verg\u00f6nnt war. In diesem Sinne, noch einmal, Dee Dee: one, two, three, four! (hb)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/one_two_three_four_ramones\/t-45\/677\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">One, Two, Three, Four, Ramones!<\/a><br \/>\nText: Bruno Cad\u00e8ne, Xavier B\u00e9taucourt<br \/>\nBilder: \u00c9ric Cartier<br \/>\n96 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nKnesebeck Verlag<br \/>\n20 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95728-190-6<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D6672\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=6672\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"One, Two, Three, Four, Ramones! (Knesebeck) &raquo; Comicleser #Biographie #Einzelband #Graphic No [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teenage Lobotomy! Dieser sp\u00e4tere Songtitel trifft die Jugend von Douglas Glen Colvin ziemlich exakt. 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