{"id":6282,"date":"2017-12-29T13:20:46","date_gmt":"2017-12-29T11:20:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=6282"},"modified":"2017-12-29T13:20:46","modified_gmt":"2017-12-29T11:20:46","slug":"h-g-wells-die-insel-des-dr-moreau-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=6282","title":{"rendered":"H.G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6283\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/HG-Wells-Insel-Moreau.jpg\" alt=\"\" width=\"288\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/HG-Wells-Insel-Moreau.jpg 288w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/HG-Wells-Insel-Moreau-216x300.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/p>\n<p>Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck, das denkt der Schiffbr\u00fcchige Edward Prendick zumindest, als ihn das kleine Handelsschiff Ipecacuanha im Rettungsboot entdeckt, aufsammelt und vor dem sicher geglaubten Tod rettet. An Bord nimmt sich der Mediziner Montgomery seiner an und flickt ihn so gut es geht wieder zusammen. Allerdings tr\u00e4gt sich alsbald Absonderliches zu: der Kapit\u00e4n des Schiffs emp\u00f6rt sich zunehmend \u00fcber die Fracht (offenbar transportiert man Tiere zu einer abgelegenen Insel), und Montgomery wird von seinem seltsamen Faktotum begleitet. Als man schlie\u00dflich in Reichweite des Ziels gelangt, setzt der Kapit\u00e4n, nachdem die K\u00e4fige entladen und Montgomery unterwegs zur Insel ist, auch den entsetzten Prendick kurzerhand aus und macht sich davon. Widerwillig nimmt Montgomery den erneut Gestrandeten mit, er\u00f6ffnet ihm aber unheilvoll: \u201eSchon bald werden sie merken, dass diese Insel die H\u00f6lle ist. Das verspreche ich Ihnen.\u201c<\/p>\n<p>Montgomery f\u00fchrt Prendick zu einem von einer Mauer umgebenen Areal, wo sie eine rabiate Gestalt in Empfang nimmt: der Fremde stellt sich als Moreau vor und l\u00e4sst Prendick nur in seine Zuflucht, weil er ein paar medizinische Grundkenntnisse mitbringt und somit vielleicht von Nutzen sein kann. Nachts durchdringt markersch\u00fctterndes Heulen das Lager: offenbar wird ein Tier grausam gequ\u00e4lt. Prendick flieht in die Nacht und beobachtet ein seltsam aussehendes Wesen, das ihn angreift und offenbar zuvor einen der mitgebrachten Hasen gerissen hat. Prendick kann gerade noch das Lager erreichen und will Moreau zur Rede stellen, der sich gerade an einer fast menschlich aussehenden Kreatur zu schaffen macht: Prendick ist sofort davon \u00fcberzeugt, dass der Unhold Vivisektion an Menschen durchf\u00fchrt. Um nicht als n\u00e4chstes Opfer auf dem Seziertisch zu landen, flieht Prendick abermals und trifft <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1235\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">im Dschungel<\/a> erneut auf seltsame Mischwesen, die wirken wie degenerierte Menschen und einem omin\u00f6sen Gesetzeskanon folgen, den sie wie suggestiv wiederholen: nicht auf allen Vieren gehen. Nicht das Wasser aus dem Strom schl\u00fcrfen. Weder Fisch noch Fleisch essen. Keine anderen Menschen jagen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich f\u00e4llt ein Schweinewesen \u00fcber Prendick her, der gerade noch von den\u00a0herbeigeeilten Moreau und Montgomery gerettet wird. Nun ist Moreau zu einer ausladenden Erkl\u00e4rung bereit: in keiner Weise f\u00fchrt er Experimente an Menschen durch. Ganz im Gegenteil ist es ihm gelungen, durch geschickte Vivisektion Tiere zu menschen\u00e4hnlichen Kreaturen umzuformen und ihnen sogar ein primitives Sprachzentrum einzupflanzen. Unter Hypnose impft er ihnen das Gesetz ein, das sie davon abhalten soll, in ihren tierischen Zustand zur\u00fcckzufallen. Wer das Gesetz verletzt, der muss zur\u00fcck ins \u201eHaus der Schmerzen\u201c, wo Moreau weitere grausame Experimente vornimmt. Prendick zeigt sich entsetzt, sitzt aber auf der Insel fest und muss wohl oder \u00fcbel ausharren. Dann aber nimmt das Unheil seinen Lauf: immer wieder finden Montgomery und Prendick auf ihren Ausfl\u00fcgen von Klauen zerrissene Kaninchen. Offenbar regrettieren immer mehr Kreaturen zu ihren tierischen Urspr\u00fcngen. Moreau versammelt die Schar seiner Gesch\u00f6pfe und fordert Rechenschaft, aber als der schuldige Leopardenmann flieht und dabei get\u00f6tet wird, wenden sich die geschundenen Kreaturen endg\u00fcltig gegen ihren Sch\u00f6pfer: Moreau verschwindet auf der Jagd nach der Puma-Frau im Dschungel, w\u00e4hrend Prendick und Montgomery um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen\u2026<\/p>\n<p>H.G. Wells bezeichnete diese \u201escientific romance\u201c gerne als seine \u201ejugendliche \u00dcbung in Blasphemie\u201c: in der Tat versammeln sich in diesem Roman, der schon 1896 kurz nach dem Durchbruch <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5664\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eThe Time Machine\u201c<\/a> entstand und zusammen mit <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5059\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eThe War Of The Worlds\u201c<\/a> und \u201eThe Invisible Man\u201c Wells\u2018 Ruf als Vater der modernen Science Fiction begr\u00fcndete, zahlreiche Motive, die provokant um das Thema Existenz und Religion kreisen. In typischer <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3652\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frankenstein<\/a>-Manier ma\u00dft sich Moreau, dessen Experimente ihn aus der Londoner Wissenschaftsgemeinde ins Exil bef\u00f6rdert haben, das Recht an, Herr \u00fcber Leben und Tod zu sein: wie ein moderner Prometheus formt er Menschen, oder zumindest eine perverses Zerrbild davon (kein Wunder also, dass eine der ersten Verfilmungen des Stoffs, \u201eThe Island Of Lost Souls\u201c mit Charles Laughton und Bela Lugosi, 1932 als Gottesl\u00e4sterung galt und in der Versenkung verschwand). Das \u201eBeast Folk\u201c dient nur der Beweisf\u00fchrung, dass enorme anatomische Eingriffe m\u00f6glich sind, ohne jemals nach den moralischen Implikationen oder gar der ethischen Komponente zu fragen. Damit griff Wells die zeitgen\u00f6ssische intensive Diskussion um das Thema Evolutionstheorie und Vivisektion auf, die im <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3144\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">viktorianischen England<\/a> in mehreren Bewegungen kritisiert und blo\u00dfgestellt wurde.<\/p>\n<p>Wells selbst war von der wissenschaftlichen Fundierung seiner Schreckensvision durchaus \u00fcberzeugt: in seinem Essay \u201eThe Limits Of Individual Plasticity\u201c, den er 1895 abfasste, legte er die These vor, dass Tiere durch chirurgische oder chemische Manipulation ver\u00e4ndert und \u201everbessert\u201c werden k\u00f6nnten. In dem ausf\u00fchrlichen, zentralen Kapitel, in dem Moreau dem entsetzten Prendick seine Vorgehensweise erl\u00e4utert, finden sich zahlreiche Passagen aus dem Essay wortgetreu wieder \u2013 wobei Wells keinen Zweifel daran l\u00e4sst, dass Moreaus Vorgehen zutiefst unmoralisch ist. Ebenso w\u00fcrzt Wells seine Vision mit einer kritischen Beleuchtung der Instrumentalisierung von Religion: das \u201eGesetz\u201c, das Moreau aufstellt, gibt dem Beast Folk seine ganz eigenen zehn Gebote, die nicht zu hinterfragen sind \u2013 wer sie verletzt, kommt in die H\u00f6lle, verk\u00f6rpert im gef\u00fcrchteten \u201eHouse Of Pain\u201c, w\u00e4hrend Moreau selbst gottgleich wird \u2013 er hat den Blitz, so lautet der Gesang, und setzt den \u201eSayer of the Law\u201c als seinen Hohepriester ein. Wie \u00fcblich bei Wells liefert das antiutopische Szenario einen bei\u00dfenden Kommentar auf seine eigene Zeit \u2013 mit k\u00fcnstlichen Machtstrukturen, scheinbar allm\u00e4chtiger Wissenschaft und r\u00fccksichtsloser Ausbeutung jeglicher \u201eRessource\u201c.<\/p>\n<p>Nach diversen Comic-Inkarnationen (u.a. in der <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2160\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">League of Extraordinary Gentlemen<\/a>, wo ein Dr. Alphonse Moreau und ein offenbar verr\u00fcckter Prendick auftreten) legt der viktorianische Vielschreiber Dobbs mit seiner Fassung des Romans nun bereits seine dritte Wells-Adaption vor, die wieder deutlich gelungener als sein <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=6012\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eKrieg der Welten\u201c<\/a> ist, in dem die Vorlage doch etwas zerzaust wurde. Dobbs konzentriert sich dabei auf die zentralen Handlungselemente, wobei die kleine Rahmenfiktion wegf\u00e4llt (der Roman selbst ist als Bericht Prendicks gestaltet, den sein Neffe unter seinen Papieren findet) und das Ende etwas modifiziert wird (Prendick schafft auch im Roman den Weg zur\u00fcck und lebt zur\u00fcckgezogen, findet aber in der Forschung einen gewissen Frieden). Das pure Entsetzen, Moreaus Gr\u00f6\u00dfenwahn und die bizarre, religi\u00f6s verhetzte Parallelwelt des Beast Folk kommen allerdings eindrucksvoll zum Tragen und erscheinen auch in der Gestaltung von Fabrizio Fiorentino teils dynamisch, teils gespenstisch-erschreckend, bis hin zum Fegefeuer-haften Finale am Strand. Somit ein weiterer, mehr als gelungener Beitrag zum Wells-Kanon, der wie die anderen B\u00e4nde der Reihe in sch\u00f6ner viktorianischer Leihbibliotheks-Aufmachung erscheint und somit auch optisch stilecht daherkommt. Im Februar und April 2018 werden die zwei B\u00e4nde des \u201eUnsichtbaren\u201c diese Serie dann beschlie\u00dfen.\u00a0(hb)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/h-g-wells-dr-moreau.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">H.G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau<\/a><br \/>\nText: Dobbs, nach H.G. Wells<br \/>\nBilder: Fabrizio Fiorentino<br \/>\n56 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n15,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95839-505-3<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D6282\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=6282\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"H.G. 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