{"id":5121,"date":"2017-03-08T12:24:19","date_gmt":"2017-03-08T10:24:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5121"},"modified":"2017-03-08T12:24:33","modified_gmt":"2017-03-08T10:24:33","slug":"martin-eden-knesebeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=5121","title":{"rendered":"Martin Eden (Knesebeck)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-5122\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Martin-Eden.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Martin-Eden.jpg 290w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Martin-Eden-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/p>\n<p>\u201eEin Mann will nach oben\u201c. So hie\u00df zwar ein anderer Roman, aber die Thematik von Jack Londons Klassiker wird auch mit diesem Titel gut umrissen. Martin Eden, seines Zeichens Seemann und dem angeh\u00f6rend, was man dieser Tage politisch korrekt (wahlweise auch\u00a0manipulativ) gerne als \u201ebildungsferne Schichten\u201c bezeichnet, rettet in einer Kneipenschl\u00e4gerei dem feinen Herrn Arthur Morse durch beherztes Eingreifen den Hals. Der l\u00e4dt den edlen Wilden daraufhin zum Abendessen ein \u2013 nur angeblich zum Dank, eigentlich eher, um die Familie zu am\u00fcsieren, aber die Dinge kommen ganz anders. Martin beginnt in einem herumliegenden Gedichtband von Algernon Charles Swinburne zu bl\u00e4ttern und ist \u00fcberw\u00e4ltigt von der poetischen Macht der Worte. Noch mehr angetan ist er allerdings von Ruth Morse, der Schwester von Arthur, die wider jede Erwartung und Konvention ihrerseits Gefallen an dem jungen Mann findet. Der durchl\u00e4uft in der Folge eine radikale Wandlung: fast schon zwanghaft versucht er, sich die bildungsb\u00fcrgerliche Welt zu erschlie\u00dfen, nicht zuletzt, um damit die Gunst von Ruth zu gewinnen.<\/p>\n<p>In der \u00f6rtlichen Bibliothek leiht er alles aus, was ihm unter die H\u00e4nde kommt, er kauft sich vom knappen Geld eine Grammatik und ein Lexikon und beginnt seine autodidaktische Reise ins Reich der Bildung. Immer kritisch be\u00e4ugt von seinem Schwager, der nur daran interessiert ist, dass sein Untermieter durch seine Lesestunden eine saftige Gasrechnung produziert, und unterst\u00fctzt von seiner Schwester Gertrude, die ihm die Grundregeln des Benimms mit den Damen beibringt, achtet Martin zunehmend auf sein \u00c4u\u00dferes und l\u00e4sst sich von Ruth allzu gerne bei seinen Studien helfen. Nachdem er die Aufnahmepr\u00fcfung der Universit\u00e4t trotz aller Hartn\u00e4ckigkeit nicht schafft, verdingt er sich wieder als Matrose und bereist die <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=906\" target=\"_blank\">S\u00fcdsee<\/a>, um seine leere Geldb\u00f6rse wieder aufzuf\u00fcllen. Dort fasst er einen folgenschweren Entschluss: mittlerweile durchaus wortgewandt, will er nicht mehr einfach nur Bildung in sich aufsaugen, sondern seinen Erlebnisschatz zum Aufstieg verwenden. Mit hoher Energie macht er sich daran, Reportagen, Erz\u00e4hlungen und ganze Romane zu schreiben, die allerdings samt und sonders abgelehnt werden. Immer mehr verarmt, sieht sich Martin auch von Ruth verlassen, als sich pl\u00f6tzlich doch noch der Erfolg seiner Schriftstellerei einstellt \u2013 aber sein Gl\u00fcck bleibt weiterhin fl\u00fcchtig\u2026<\/p>\n<p>In dem 1909 erscheinen Roman legte <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3570\" target=\"_blank\">Jack London<\/a> ein zutiefst autobiographisches Werk vor: wie sein Protagonist bezog auch London seine Bildung in erster Linie aus der Stadtbibliothek in Oakland, wo er sich unter der Anleitung der Bibliothekarin Ina Coolbrith hartn\u00e4ckig Wissen aneignete, obwohl er schon mit 13 Jahren die Schule verlassen und arbeiten musste. Ebenfalls wie Martin legte London in seinen erfolgreichen Abenteuerromanen wie \u201eWhite Fang\u201c (Wolfsblut), \u201eCall of the Wild\u201c (Lockruf der Wildnis) und <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=981\" target=\"_blank\">\u201eThe Sea-Wolf\u201c (Der Seewolf)<\/a> seine eigenen Erlebnisse am Klondike und als Seemann zu Grunde, wobei vor allem im Seewolf das Motiv der hartn\u00e4ckigen autodidaktischen Bildung (der scheiternde \u00dcbermensch \u201eWolf\u201c Larsen paukt sich sein Wissen durch stures Erlernen eines Lexikons ein) ebenfalls auftritt. Zeit seines Lebens hing London aufgrund seiner harten Kindheit zudem seiner eigenen Version des Sozialismus nach.<\/p>\n<p>Auch das Schicksal des Martin Eden prangert letztendlich soziale Standards und Schranken des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts an, die auch London erleben musste: Eden gilt der b\u00fcrgerlichen Oberschicht eher als Kuriosit\u00e4t, er imitiert ihr \u00c4u\u00dferes und ihre Ausdrucksweise, ohne jemals ihre Akzeptanz zu finden, die er in fast schon tragisch determinierter Naivit\u00e4t in Form der Bildung zu erringen versucht, anstelle sich auf seine St\u00e4rken und Qualit\u00e4ten zu besinnen. Erst als sich doch noch sein wirtschaftlicher Erfolg einstellt, wird er im buchst\u00e4blichen Sinne salonf\u00e4hig \u2013 aber seine Identit\u00e4t als rauer, aber aufrechter und moralischer Naturbursche hat er auf diesem Weg verloren. Das Paradies, dem er schon in seinem Namen symbolisiert nachjagt, nur um gnadenlos vertrieben zu werden, ist nichts anderes als die gesellschaftliche Konvention des sozialen Aufstiegs, der in seiner Zeit ausschlie\u00dflich durch Reichtum m\u00f6glich ist \u2013 eine durchaus zeitlose Qualit\u00e4t, deren Hohlheit durch das ebenfalls zum Scheitern verurteilte Idealbild einer sozialistischen Ordnung konterkariert wird.<\/p>\n<p>Den gleich mehrfach verfilmten Roman \u00a0(u.a. 1914 in einer Fassung, in der Jack London selbst mitspielte, 1942 mit Glenn Ford und 1979 in einem TV-Vierteiler, an den sich J\u00fcnglinge aus meiner Generation ebenso \u00a0gerne erinnern wie an den Fernseh-\u201eSeewolf\u201c Raimund Harmstorf, der uns seinerzeit zum kl\u00e4glich scheiternden Versuch animierte, eine rohe Kartoffel mit der Faust zu zerquetschen) fasst <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4295\" target=\"_blank\">Denis Lapi\u00e8re<\/a> (\u201eMauro Caldi\u201c, \u201eDie schwarze Seite\u201c, beides bei <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?cat=13\" target=\"_blank\">Salleck<\/a>) effizient zusammen, mit Schlaglichtern auf die wichtigsten Szenen und zahlreichen Textpassagen direkt aus der Vorlage. Die Inszenierung brilliert unter der Feder von Aude Samama in einer betont k\u00fcnstlerisch-malerischen Auspr\u00e4gung, die dem deutschen Expressionismus genauso verpflichtet ist wie den impressionistischen Meisterwerken eines Monet, Rodin und Gauguin, was sowohl zeitgen\u00f6ssisch als auch inhaltlich integriert ist: wie der Roman bem\u00fcht sich die Malerei der Jahrhundertwende um den Ausdruck des menschlichen Innenlebens. Form wird damit zum Teil des Inhalts, was immer ein Kennzeichen gelungener Kunst bietet. Der Band erscheint bei Knesebeck, dem Spezialist f\u00fcr hochwertige Graphic Novel-Adaptionen literarischer Werke (u.a. <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4835\" target=\"_blank\">\u201eDie Schachnovelle\u201c<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4179\" target=\"_blank\">\u201eDer alte Mann und das Meer\u201c<\/a>), in gewohnt liebevoller Aufmachung. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/martin_eden\/t-1\/556\" target=\"_blank\">Martin Eden<\/a><br \/>\nText: Denis Lapi\u00e8re, nach Jack London<br \/>\nBilder: Aude Samama<br \/>\n176 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nKnesebeck Verlag<br \/>\n22 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95728-049-7<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D5121\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=5121\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Martin Eden (Knesebeck) &raquo; Comicleser #Aude Samama #Denis Lapi\u00e8re #Einzelband #Graphic Novel [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEin Mann will nach oben\u201c. So hie\u00df zwar ein anderer Roman, aber die Thematik von Jack Londons Klassiker wird auch mit diesem Titel gut umrissen. 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