{"id":4654,"date":"2016-10-27T14:16:48","date_gmt":"2016-10-27T12:16:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4654"},"modified":"2016-10-27T14:16:48","modified_gmt":"2016-10-27T12:16:48","slug":"insel-der-frauen-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=4654","title":{"rendered":"Insel der Frauen (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4655\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Insel-der-Frauen.jpg\" alt=\"Insel der Frauen (Splitter)\" width=\"290\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Insel-der-Frauen.jpg 290w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Insel-der-Frauen-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/p>\n<p>Bretagne 1914. Auf einer sturmumtosten Insel, einer \u201efinis terrae\u201c, die die alte Dame Frankreich nach Worten ihrer Einwohner gerne vergisst, kommt ein Konflikt an, der doch eigentlich weit weg scheint. In Serbien hat ein <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1794\" target=\"_blank\">Attent\u00e4ter Erzherzog Franz-Ferdinand<\/a> ermordet, und was anfangs kaum Belang hat, ereilt die Inselbewohner in Form der Mobilmachung gnadenlos. Alle M\u00e4nner zwischen 20 und 50 Jahren werden in k\u00fcrzester Zeit eingezogen \u2013 zur\u00fcck bleiben Frauen, Kinder, Greise \u2013 und Mael, der wegen seines Klumpfu\u00dfes zum Kriegsdienst untauglich ist. Nach einer ersten Phase der Schockstarre wird das Leben auf der Insel neu organisiert: die Frauen bestellen die Felder, k\u00fcmmern sich um die H\u00e4user und die Ernte, w\u00e4hrend auch Mael eine Aufgabe bekommt. Gegen den Widerstand seines ausbeuterischen Vaters macht man ihm zum Postboten, der mit einem Fahrrad bei Wind und Wetter quer \u00fcber die Insel f\u00e4hrt und den Frauen die ersehnten Briefe ihrer Lieben von der Front bringt. Erstmals in seinem Leben erf\u00e4hrt Mael dadurch so etwas wie Anerkennung: stets war er als leicht zur\u00fcckgebliebener Kr\u00fcppel verlacht, jetzt warten alle Bewohner jeden Tag ungeduldig auf seine Silhouette am Horizont.<\/p>\n<p>Bald gesellt sich auch noch ein weiterer Aspekt zu seiner Beliebtheit hinzu: die Frauen sehen sich nicht nur in Haus und Hof auf sich selbst gestellt, sondern auch in ihren k\u00f6rperlichen Begierden, welche sie zunehmend auf den pl\u00f6tzlich gar nicht so unattraktiv wirkenden J\u00fcngling projizieren. Nach ersten holprigen <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4608\" target=\"_blank\">Gehversuchen erotischer Art<\/a> entwickelt sich Mael so zum regelrechten Casanova, der gen\u00fcsslich alle Damen der Insel gerne besucht, mit oder ohne Postlieferung. So arg treibt er sein Rachespiel, dass er sogar Postkarten und Briefe von der Front, die allzu sehns\u00fcchtig oder verzweifelt klingen, unterschl\u00e4gt oder f\u00e4lscht: die M\u00e4nner k\u00e4men ganz gut ohne Frauen zurecht, an der Front gehe es doch bequem zu, und Bordelle g\u00e4be es \u00fcberall, so erz\u00e4hlt er es den Daheimgebliebenen, die sich umso williger in seine Arme fallen lassen und die neu gewonnene Freiheit durchaus genie\u00dfen. Aber dann kommt der verh\u00e4ngnisvolle Tag, an dem alles endet: im Sommer 1918 kehrt mit Gu\u00e9nol\u00e9 der erste Mann zur\u00fcck, entstellt und vollkommen traumatisiert \u2013 und auch Maels Schicksal findet seine Erf\u00fcllung\u2026<\/p>\n<p>\u201eAlles Gute geht einmal vorbei\u2026 selbst der Krieg!\u201c Diese auf den ersten Blick mehr als befremdliche Botschaft transportiert diese wundervolle Graphic Novel von <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1066\" target=\"_blank\">Didier Quella-Guyot<\/a> auf ebenso einf\u00fchlsame wie fesselnde Art. Anstelle einer weiteren Darstellung der Gr\u00e4uel, die nicht zuletzt <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1604\" target=\"_blank\">Jacques Tardi<\/a> in seinen aufw\u00fchlenden Werken wie etwa \u201ePutain de Guerre\u201c (Verdammter Krieg, dt. bei Edition Moderne) bietet, lenkt dieses Werk den Blickwinkel auf das, was oft als \u201eHeimatfront\u201c bezeichnet: die Verlassenen, um ihre Familien gebrachten, die von heute auf morgen auf sich selbst gestellt waren. Dieses Szenario nutzt <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=906\" target=\"_blank\">Quella-Guyot<\/a> allerdings nicht f\u00fcr eine Abhandlung \u00fcber beschwerliche Arbeit oder Sehnsuchtsattacken, sondern \u00fcber die befreiende Wirkung einer urpl\u00f6tzlich abwesenden patriarchalischen Gesellschaft. Ganz offen genie\u00dfen die Frauen, deren Leben bislang v\u00f6llig fremdbestimmt war, ihre neu entdeckte Identit\u00e4t, Vitalit\u00e4t und Sexualit\u00e4t. Die Ehem\u00e4nner, die von den Eltern ausgew\u00e4hlt waren, die vorbestimmten Rollen als Mutter und Haush\u00e4lterin, das alles existiert nicht mehr \u2013 w\u00e4hrend der von der Gesellschaft ebenso benachteiligte Mael weidlich Rache an der Gleichg\u00fcltigkeit und dem Spott nimmt, der ihm stets entgegenschlug, bevor er seinerseits die vorbestimmten Konventionen durchbricht, als er seinen gewaltt\u00e4tigen, alkohols\u00fcchtigen Vater kurzerhand erschl\u00e4gt und es als Unfall aussehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\u00dcber allem schwebt allerdings der Schleier des Begrenzten, der Endlichkeit des Idealzustands: die R\u00fcckkehr der M\u00e4nner markiert die R\u00fcckkehr zur alten Ordnung, weg von der liebgewonnenen Selbstbestimmung hin zur althergebrachten Unterwerfung. Wie sich die Frauen dabei dennoch zumindest gegen die Konsequenzen ihres Handelns wehren, davon berichtet ein kleiner Epilog, der in der R\u00fcckschau ein g\u00e4nzlich anderes Licht auf die abschlie\u00dfenden Tage wirft und durch einen parallelen Handlungsbogen (eine junge Frau findet ihr eigenes Selbst jenseits der Geschlechterkonventionen und entdeckt dabei, wer ihr eigentlicher Vater ist) einen vers\u00f6hnlichen Ausblick bietet.<\/p>\n<p>In der Adaption des Romans, den Quella-Guyot in Anlehnung an die Lebensgeschichte seines Onkels verfasste, gestaltet <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1066\" target=\"_blank\">S\u00e9bastien Morice<\/a> die Ereignisse in atmosph\u00e4rischen, detailreichen Zeichnungen, die in dominanter Farbt\u00f6nung die Stimmung der Szenerien jeweils kongenial spiegelt, von der Hitze der Sommertage \u00fcber die lauen N\u00e4chte bis hin zu den offenen, aber geschmackvollen <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4531\" target=\"_blank\">Erotikszenen<\/a>. Die Briefe der M\u00e4nner d\u00fcrfen wir dabei in der Ursprungsfassung in abgesetzter Schrift lesen, bevor sie Mael f\u00fcr seine Zwecke \u201eumarbeitet\u201c und die Frauen damit r\u00fccksichtslos manipuliert \u2013 und auch wenn sich die Frauen dies nicht ungestraft bieten lassen, halten sie sein Andenken dennoch nach all den Jahren in Ehren, als den \u201etapferen Brieftr\u00e4ger\u201c, der ihre einzigartigen Jahre mit begleitete. Der vorliegende Band ist mit einem Anhang inklusive Skizzen und Kommentaren sch\u00f6n eingerichtet und erscheint in hochwertigem Hardcover-Format. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.splitter-verlag.eu\/insel-der-frauen.html\" target=\"_blank\">Insel der Frauen<\/a><br \/>\nText: Didier Quella-Guyot<br \/>\nBilder: S\u00e9bastien Morice<br \/>\n128 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n19,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95839-332-5<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4654\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=4654\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Insel der Frauen (Splitter) &raquo; Comicleser #Einzelband #Graphic Novel #Insel der Frauen #Split [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bretagne 1914. 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