{"id":4182,"date":"2016-06-19T13:51:26","date_gmt":"2016-06-19T11:51:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4182"},"modified":"2016-06-19T13:56:06","modified_gmt":"2016-06-19T11:56:06","slug":"wir-sehen-uns-dort-oben-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=4182","title":{"rendered":"Wir sehen uns dort oben (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4183\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Wir-sehen-uns-dort-oben.jpg\" alt=\"Wir sehen uns dort oben (Splitter)\" width=\"290\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Wir-sehen-uns-dort-oben.jpg 290w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Wir-sehen-uns-dort-oben-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/p>\n<p>Frankreich 1918. Die letzten Tage des Krieges in den m\u00f6rderischen Sch\u00fctzengr\u00e4ben. Unter einem falschen Vorwand \u2013 er erschoss zuvor zwei eigene M\u00e4nner und schob die Schuld den Deutschen zu \u2013 schickt der skrupellose Leutnant Pradelle seine kriegsm\u00fcden Soldaten noch einmal gegen den Feind. Dabei werden die einzigen Zeugen des Verrats, Maillard und P\u00e9ricourt, versch\u00fcttet, bzw. entsetzlich entstellt. Nach dem Krieg ist Maillard traumatisiert und k\u00fcmmert sich um den schwer verletzten P\u00e9ricourt, dem das Kinn weggeschossen wurde. Der will nicht zu seiner verm\u00f6genden Familie zur\u00fcck und Maillard verschafft ihm eine neue Identit\u00e4t. Als versehrte Kriegsheimkehrer f\u00fchlen sich die beiden, die sich nun in Paris eine karge Wohnung teilen, als Ausgesto\u00dfene und versuchen \u00fcber die Runden zu kommen. Inzwischen macht der Karrierist und Kriegsgewinnler Pradelle ein Verm\u00f6gen, indem er als Unternehmer in gro\u00dfem Stil Gefallene umbettet und Soldatenfriedh\u00f6fe anlegt. Er geht so einmal mehr im wahrsten Sinne des Wortes \u00fcber Leichen \u2013 Sorgfalt und Piet\u00e4t sind ihm egal, f\u00fcr ihn z\u00e4hlt nur der Gewinn. Und: P\u00e9ricourts Schwester ist inzwischen seine Frau. W\u00e4hrend Pradelle immer verm\u00f6gender wird, rigoros gegen jene vorgeht, die seinen Machenschaften auf die Spur kommen und dabei regelm\u00e4\u00dfig seine Frau betr\u00fcgt, kommt P\u00e9ricourt, der ein talentierter Zeichner ist, eine Idee. Eine Idee, sich an der Nachkriegs-Gesellschaft, von der er sich verraten f\u00fchlt, zu r\u00e4chen: er will einen Katalog mit Kriegsdenkm\u00e4lern anfertigen und diese dann den Gemeinden anbieten, das Geld kassieren und sich dann mit Maillard in die Kolonien, sprich, nach Nordafrika absetzen. Aber einer der potenziellen Kunden ist ausgerechnet P\u00e9ricourts Vater, der mit Hilfe seines Schwiegersohnes Pradelle dem Betrug auf die Schliche kommt&#8230;<\/p>\n<p>Geschichten, seien es Comics oder Filme, die den Krieg, ganz egal welchen, kritisch und anklagend verarbeiten, gibt es zuhauf. Die Schicksale der Soldaten, die nach Kriegsende heimkehren und die dann \u2013 versehrt oder\/und traumatisiert \u2013 mit sich und der Welt nichts mehr anfangen k\u00f6nnen, werden da schon seltener aufgearbeitet. Dies gilt auch f\u00fcr den <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1794\" target=\"_blank\">ersten Weltkrieg<\/a>. Maillard und P\u00e9ricourt waren in Verdun, schon damals Synonym f\u00fcr sinnloses T\u00f6ten, f\u00fcr Materialschlachten ohne Raumgewinn und heute eine ewige <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1604\" target=\"_blank\">Mahnung gegen den Krieg<\/a>. Nach dessen Ende f\u00fchlt sich Maillard seinem entstellten Freund verbunden und verpflichtet, war er es doch, der ihn gerettet hat und dabei einen so hohen Preis zahlen musste. In einer \u00e4rmlichen Behausung versuchen die beiden \u00fcber die Runden zu kommen. P\u00e9ricourt freundet sich mit der kleinen Louise an, die keine Angst vor ihm zeigt. Er tr\u00e4gt verr\u00fcckte Masken, die sein Gesicht verbergen, er kann nicht sprechen, lebt als eine Art Paradiesvogel entr\u00fcckt in seiner eigenen Welt, vom schmerzlindernden und bet\u00e4ubenden Morphium abh\u00e4ngig. Pradelle wird zur Nemesis der beiden. P\u00e9ricourt ahnt von dessen Verbindung mit seiner Familie nichts, w\u00e4hrend Maillard im Bilde ist und sogar eine Anstellung beim alten P\u00e9ricourt annimmt, um das Geld f\u00fcr den Katalog zusammen zu bekommen. Der Schluss \u2013 dies vorweg \u2013 verl\u00e4uft dann ganz anders als geplant. Denn das Leben macht allen Beteiligten einen Strich durch die vorgesehene Rechnung. Dabei finden alle \u2013 seien es die Guten oder die B\u00f6sen \u2013 ihre vom Schicksal geplante Erf\u00fcllung, so unterschiedlich diese auch ausschauen mag. Und am Ende schlie\u00dft sich ein Kreis, auf traurige wie dramatische Weise.<\/p>\n<p>Pierre Lemaitre adaptiert hier seinen eigenen Roman als Comic. Bekannt wurde der Autor durch Thriller und Krimis, f\u00fcr \u201eAu revoir l\u00e0-haut\u201c, so der Originaltitel, wurde er mit dem Prix Goncourt, einem bekannten franz\u00f6sischen Literaturpreis ausgezeichnet. Er zeigt eine Gesellschaft, die so schnell wie m\u00f6glich den Krieg und dessen Teilnehmer vergessen will, die wieder leben will und zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehren m\u00f6chte. Auf Kosten derer, die eben jede erstrebte Normalit\u00e4t verteidigt bzw. erm\u00f6glicht, die nun ihren alten Platz in der Gesellschaft verloren haben und die an deren Rand gedr\u00e4ngt auf sich alleine gestellt sind. Mit den Traumatisierten und Versehrten kommt die Erinnerung an den Krieg, und beides m\u00f6chte man aus den K\u00f6pfen verbannen. Leute wie Pradelle, aalglatt, verm\u00f6gend und skrupellos, l\u00e4sst man dagegen gew\u00e4hren. \u00dcberall werden Denkm\u00e4ler aufgestellt, die an den Krieg erinnern sollen, die aber auch dazu dienen, symbolisch Abbitte zu leisten. Mit dem Denkmal ist die Verpflichtung an den Krieg erledigt, das Gewissen beruhigt. Und genau diesen \u201eBoom\u201c wollen Maillard und P\u00e9ricourt ausnutzen und so all jene treffen, von denen sie sich im Stich gelassen f\u00fchlen. Zeichner Christian de Metter, in Angoul\u00eame bereits preisgekr\u00f6nt, ist ein Spezialist f\u00fcr Adaptionen. So setzte er bereits \u201eShutter Island\u201c und \u201eScarface\u201c in Szene, die beide auf Deutsch bei Schreiber &amp; Leser erscheinen. Auch hier besticht er mit ausdrucksstarken Gesichtern und Charakterisierungen und einer Farbgebung, die an zeitgen\u00f6ssisch Bildmaterial, wie eingef\u00e4rbte Postkarten, erinnert. (bw)<\/p>\n<p>Wir sehen uns dort oben<br \/>\nText: Pierre Lemaitre<br \/>\nBilder: Christian de Metter<br \/>\n164 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n29,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95839-393-6<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4182\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=4182\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Wir sehen uns dort oben (Splitter) &raquo; Comicleser #Christian de Metter #Einzelband #Erster Wel [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankreich 1918. Die letzten Tage des Krieges in den m\u00f6rderischen Sch\u00fctzengr\u00e4ben. 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