{"id":3594,"date":"2016-01-19T11:35:37","date_gmt":"2016-01-19T09:35:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3594"},"modified":"2016-01-19T14:20:51","modified_gmt":"2016-01-19T12:20:51","slug":"mister-hyde-vs-frankenstein-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=3594","title":{"rendered":"Mister Hyde vs. Frankenstein (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-3595\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Hyde-vs-Frankenstein.jpg\" alt=\"Mister Hyde vs. Frankenstein (Splitter)\" width=\"294\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Hyde-vs-Frankenstein.jpg 294w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Hyde-vs-Frankenstein-221x300.jpg 221w\" sizes=\"auto, (max-width: 294px) 100vw, 294px\" \/><\/p>\n<p>Faustine Clerval ist Haush\u00e4lterin. Das ist im sp\u00e4tviktorianischen London nichts Besonderes. Spannend wird die Sache aber dadurch, dass sie zum einen vor Jahren als Krankenschwester einen gewissen John Merrick auf dessen eigenes Bitten hin von seinen Leiden erl\u00f6st hat. Und zum anderen arbeitet sie mittlerweile im Haushalt eines ebenso illustren Herrn \u2013 niemand anders als Dr. Henry Jekyll, der f\u00fcr seine absurden Theorien von der Dualit\u00e4t des Charakters von der Londoner Wissenschaft verh\u00f6hnt und ge\u00e4chtet wurde. Aber Jekyll l\u00e4sst sich dadurch nicht aufhalten, sondern treibt seine Forschungen weiter als jemals zuvor. Durch fortlaufende Selbstexperimente zu einem beachtlichen Kraftpaket herangewachsen, ist er von den Wirkungen seiner Droge k\u00f6rperlich und auch geistig gezeichnet, geplagt von Wahnvorstellungen und dem \u201eAnderen\u201c, den er immer weniger kontrollieren kann. Da kommt es ihm gerade recht, dass das Institut Walton, das ihn mit mysteri\u00f6sen Substanzen beliefert, aufgrund eines Stromausfalls von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten ist. Flugs macht er sich mit Faustine im Gefolge auf den Weg in die Schweiz, um vor Ort nach Nachschub sicherzustellen.<\/p>\n<p>Dort allerdings machen die beiden einen grausigen Fund: das Institut ist verw\u00fcstet, die Belegschaft buchst\u00e4blich zerfetzt \u2013 der letzte \u00dcberlebende kann ihnen gerade noch mitteilen, dass die Legenden um den hier umherschweifenden Oger wohl wahr sind, als eben diese Kreatur angreift. Dabei handelt es sich um nichts anderes als das Gesch\u00f6pf des seligen Victor Frankenstein, das sich der <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3357\" target=\"_blank\">Polarforscher<\/a> Robert Walton klug unter den Nagel gerissen hat, um es einzufrieren, aus seiner K\u00f6rperbeschaffenheit allerlei Ingredienzien zu gewinnen und dann an finstere Kan\u00e4le wie Dr. Jekyll zu verkaufen. Dank Stromausfall aufgetaut, pfl\u00fcgt sich das Wesen seine blutige Bahn, w\u00e4hrend Jekyll und Faustine nur knapp entkommen. In Wien begibt sich Jekyll \u2013 der mittlerweile wei\u00df, das Faustine ein Nachfahre von Henri Clerval ist, dem engsten Vertrauten von Victor Frankenstein und einem der ersten Opfer des Gesch\u00f6pfs &#8211; in Behandlung beim angesagten Psychologen Siegmund Freud, dem er seine Pl\u00e4ne offenbart: wenn er dem k\u00fcnstlichen Wesen sein Serum injiziert oder gar das Blut des Wesens f\u00fcr seine eigenen Experimente benutzt, dann, ja dann w\u00e4ren seine Forschungen endlich gekr\u00f6nt. In einem Safe, in dem das Verm\u00f6gen des Instituts Walton verwahrt wird, findet Jekyll tats\u00e4chlich einen abgetrennten Arm des Gesch\u00f6pfs, mit Hilfe dessen es ihm gelingt, die Kreatur zu sich zu locken. Das l\u00e4sst sich allerdings nur kurz b\u00e4ndigen und geht wieder auf Zerst\u00f6rungstour, worauf sich Jekyll und Faustine auf die entlegenen Orkney Inseln begeben, wo Frankensteins letzte Wirkungsst\u00e4tte und somit auch sein letztes Geheimnis zu finden sein soll\u2026<\/p>\n<p>Autor Dobbs gelang schon in <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2233\" target=\"_blank\">\u201aScotland Yard\u2018<\/a> ein faszinierendes Wechselspiel der fiktiven Welten, indem Bram Stoker die \u201erealen\u201c Geschehnissen in London nur leicht kaschiert in seinen weltber\u00fchmten Roman um den <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3525\" target=\"_blank\">transsilvanischen Blutsauger<\/a> umwandelt. Auch hier verschmilzt Dobbs wieder Fakt und Fiktion: vor dem sehr realen Hintergrund des viktorianischen London, in dem \u2013 wieder einmal, fast schon ein Dauergast \u2013 der <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1442\" target=\"_blank\">\u201eElefantenmensch\u201c John Merrick<\/a> als Verortung dient, entfaltet er das spannende Gedankenspiel, was geschehen w\u00fcrde, wenn ein besessener Forscher (Jekyll) die Ergebnisse eines ebenso obsessiven Vorg\u00e4ngers (Frankenstein) in die Finger bekommt. Eine Versuchsanordnung, auf die zwar nicht einmal die Universal-Monster-Serien-Schaffer verfielen (wobei \u201aFrankenstein meets Mr Hyde\u2018 massiv zugkr\u00e4ftig gewesen w\u00e4re, keine Frage), die aber durchaus inhaltlich naheliegt. Schlie\u00dflich leben beide f\u00fcr die Idee, k\u00fcnstlich eine Existenz hervorzubringen, der eine in <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=367\" target=\"_blank\">Prometheus<\/a>-Rolle in Konkurrenz zum allm\u00e4chtigen Sch\u00f6pfer, der andere als Schizophrenie-Inkarnation, bevor Freud dieses Krankheitsbild salonf\u00e4hig machte.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Stevensons Erz\u00e4hlung, in der Jekyll von echtem Forscherdrang beseelt und von seinem Wesen Hyde (nicht zuletzt als Kritik bigotter Doppelmoral) letztlich \u00fcbermannt wird, geb\u00e4rdet sich Jekyll bei Dobbs in menschenverachtenden Allmachtsphantasien, die zunehmend auch seine b\u00fcrgerliche Persona \u00fcberschwemmen und durch seine fortschreitende Deformation auch nach au\u00dfen treten. Faustine, die von John Merrick erf\u00e4hrt, was das Institut Walton alles treibt, begibt sich ganz bewusst in die Dienste von Jekyll, da sie hofft, auf diesem Weg das Verm\u00e4chtnis ihres Urahns antreten zu k\u00f6nnen, was eine weitere geschickte Vermengung der beiden fiktiven Erz\u00e4hlwelten bietet. Auch streut Dobbs weitere literarische Querverweise ein, etwa in Flashbacks in die Erlebnisse des Victor Frankenstein oder in einer Szene, als Jekyll sich in Genf als Verm\u00f6gensverwalter f\u00fcr die Familie Walton ausgibt und daf\u00fcr den Namen Renfield benutzt (was dann allerdings explizit aufgel\u00f6st wird und die Entdeckungsfreude so etwas schm\u00e4lert).<\/p>\n<p>Den entscheidenden Twist der Vorlage bewerkstelligt Dobbs durch einen klugen Kniff: anders als die literarische Figur Walton, der sich <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2822\" target=\"_blank\">im ewigen Eis eingeschlossen<\/a> vom Schicksal Frankensteins, der ihm sterbend seine Geschichte erz\u00e4hlt, gemahnt f\u00fchlt und seine ebenso vermessene Expedition abbricht, wittert der <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2628\" target=\"_blank\">Polarforscher<\/a> bei Dobbs seine Chance, t\u00f6tet Frankenstein und schnappt sich das Monster f\u00fcr seine eigenen Zwecke. Der aufgetaute Eisblock im Institut scheint direkt aus der ersten \u201eDing aus einer anderen Welt\u201c-Filmversion entsprungen, ebenso wie ein Zusammentreffen der Kreatur mit einem kleinen M\u00e4dchen am See ein klares Zitat aus der klassischen Frankenstein-Verfilmung mit Boris Karloff bringt. Selbst die oft zu beklagende Namensvermengung wird gekl\u00e4rt \u2013 auf die Frage, wie man es denn nennen solle, antwortet das Gesch\u00f6pf: Frankenstein, wie seinen Vater. So entsteht eine furiose Mischung aus literarischen Stoffen, historischen Hintergr\u00fcnden und psychologischen Abgr\u00fcnden, die eine faszinierende neue Facette in der stetig wachsenden viktorianischen Erz\u00e4hlwelt um <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3403\" target=\"_blank\">Sherlock Holmes<\/a>, Dracula, <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3481\" target=\"_blank\">Jack the Ripper<\/a> sowie Jekyll und Hyde liefert \u2013 auch wenn gegen Ende ein wenig die kreative Energie ausgeht und der Kampf der Giganten fast wirkt, als wenn der Hulk auf Abomination losgeht. Der vorliegende <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?tag=double\" target=\"_blank\">Splitter-Double-Band<\/a> kombiniert die Originalausgaben \u201eLa derni\u00e9re nuit de dieu\u201c und \u201eLa chute de la maison Jekyll\u201c und kredenzt somit einen abgeschlossenen Lese-Genuss. (hb)<\/p>\n<p>Mister Hyde vs. Frankenstein<br \/>\nText: Dobbs<br \/>\nBilder: Antonio Marinetti<br \/>\n96 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n19,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95839-277-9<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D3594\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=3594\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Mister Hyde vs. Frankenstein (Splitter) &raquo; Comicleser #Antonio Marinetti #Dobbs #Doktor Jekyl [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Faustine Clerval ist Haush\u00e4lterin. Das ist im sp\u00e4tviktorianischen London nichts Besonderes. Spannend wird die Sache aber dadurch, dass sie zum einen vor Jahren als Krankenschwester einen gewissen John Merrick auf dessen eigenes Bitten hin von seinen Leiden erl\u00f6st hat. Und zum anderen arbeitet sie mittlerweile im Haushalt eines ebenso illustren Herrn \u2013 niemand anders als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[1887,1088,1891,861,147,1890,186,1889,1888,1488],"class_list":["post-3594","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-splitter","tag-antonio-marinetti","tag-dobbs","tag-doktor-jekyll","tag-double","tag-fantasy","tag-frankenstein","tag-horror","tag-mister-hyde","tag-mister-hyde-vs-frankenstein","tag-splitter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3594","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3594"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3594\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3598,"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3594\/revisions\/3598"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.comicleser.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}