{"id":3528,"date":"2015-12-29T18:26:41","date_gmt":"2015-12-29T16:26:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3528"},"modified":"2015-12-29T18:28:28","modified_gmt":"2015-12-29T16:28:28","slug":"demokratie-atrium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=3528","title":{"rendered":"Demokratie (Atrium)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3529\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Demokratie.jpg\" alt=\"Demokratie (Atrium Verlag)\" width=\"289\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Demokratie.jpg 289w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Demokratie-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/p>\n<p>Nahe Marathon, im Jahr 490 vor Christus: die Perser belagern Athen. K\u00f6nig Darius will die freiheitsliebenden Griechen unterwerfen, aber ein F\u00e4hnlein der Aufrechten leistet Widerstand (gute Sitte, das hat K\u00f6nig Leonidas immerhin auch getan). Die Zeichen stehen nicht allzu gut, und so herrscht im Lager der Griechen am Vorabend der alles entscheidenden Schlacht nicht gerade Feierstimmung. Da beginnt der unscheinbare Leander seine Lebensgeschichte zu erz\u00e4hlen, die eng verwoben ist mit der Entstehung der griechischen Idee von Freiheit und Selbstbestimmung. Als Kind in Athen muss Leander mit ansehen, wie seine Eltern w\u00e4hrend eines (vermeintlichen) Aufstandes gegen den Tyrannen Hipparchos von dessen Leibwache, den rabiaten <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2362\" target=\"_blank\">Skythen<\/a>, get\u00f6tet werden und ihr Haus niedergebrannt wird. Er l\u00e4sst seinen Freund Gavrion und die Dienerin Nefert zur\u00fcck und findet Unterschlupf bei Antenor, einem alten Bekannten seines Vaters, der in Delphi wohnt. Dort verdient sich der Junge als Tempeldiener seinen Unterhalt, der die zuhauf f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2401\" target=\"_blank\">ber\u00fchmte Orakel<\/a> angeschleppten Opfergaben lagert, putzt und katalogisiert. Schnell wird ihm klar, dass die Sache mit den Weissagungen nichts anderes ist als Lug und Trug: die Spr\u00fcche, die alles und nichts bedeuten k\u00f6nnen, sind durch reichliche Gaben k\u00e4uflich \u2013 was der mysteri\u00f6se Alkmainoide Kleisthenes denn auch weidlich ausnutzt, als er als Kopf einer griechischen Delegation kurzerhand behauptet, das Orakel habe vorhergesagt, die Athener m\u00fcssten sich mit den Spartanern verb\u00fcnden, um das Joch der Gewaltherrschaft abzuwerfen.<\/p>\n<p>Indes verliebt sich Leander rettungslos in Hero, die junge Tempelpriesterin, die als n\u00e4chste Pythia ausgebildet wird. Von Kleisthenes erf\u00e4hrt Leander, dass sein Vater keinesfalls einem politischen Umsturz, sondern einem Eifersuchtsdrama zum Opfer fiel, das von gewissen politischen Kr\u00e4ften, die die Tyrannei abwerfen wollen, nur allzu gerne zum Staatsstreich umgedeutet wurde. Von Pallas Athene, die Leander verschiedentlich erscheint, erh\u00e4lt der Junge schlie\u00dflich die Inspiration, sich als Vasenmaler zu versuchen, worauf Kleisthenes ihm nahelegt, doch k\u00fcnstlerisch die Rebellion voranzutreiben. Er solle doch Szenen eines Tyrannenmordes malen, denn \u201eKunst ist eine Darbietung. Wie Politik\u201c. In Athen teilen sich inzwischen Isagoras und Echekrates die Macht, die den nur noch pro forma existierenden Rat gegeneinander ausspielen und mehr oder weniger autokratisch herrschen. In einem immer mehr eskalierenden Wahlkampf entwickelt Kleisthenes dann eine radikal anmutende Idee: wenn man die drei Regionen Athens \u2013 K\u00fcste, Stadt und Ebene -, in denen jeweils Adlige herrschen und Vertreter in den Rat entsenden, neu ordnet, entsteht eine g\u00e4nzlich neuartige Staatsform, in der pl\u00f6tzlich jeder B\u00fcrger eine Stimme hat \u2013 \u201eJeder k\u00e4me in den Besitz der B\u00fcrgerrechte\u201c, und die Macht ginge wirklich vom Volk aus. Diese rebellische These schmeckt den Herrschern Isagoras und Echekrates nat\u00fcrlich gar nicht: Isagoras paktiert mit dem Spartaner-K\u00f6nig Kleomenes, um sich an der Macht zu halten, Echekrates erkennt die aufr\u00fchrerischen Tendenzen in Leanders Kunst und verletzt ihn schwer \u2013 w\u00e4hrend alle Alkmainoiden aus der Stadt verbannt werden und der offene B\u00fcrgerkrieg droht\u2026<\/p>\n<p>\u201eWir haben alles gesehen und alles probiert: Monarchie, Tyrannei, Die Macht der Wenigen. Sie alle st\u00fctzen sich auf dasselbe: Kontrolle. Alle haben einen Schwachpunkt: Instabilit\u00e4t.\u201c Mit dieser Erkenntnis beschreibt Kleisthenes die wechselhafte Entwicklung von Staatsformen, die die Weltgeschichte universell begleiten. Die durchaus schmerzhafte Geburt der Volksherrschaft entwickelt sich am Beispiel des K\u00fcnstlers Leander hier durchaus symboltr\u00e4chtig: die Macht der Kunst, vor allem der Bildenden, steht gegen Herrschsucht, Bestechlichkeit (in Form des Orakels), fragw\u00fcrdige Ethik und Opportunismus (die angeblich so freigeistige Het\u00e4re Danae kuscht schnell vor den Herrschenden, als es brenzlig wird) \u2013 ebenso wie die Athener sich gegen die anrennenden Perser in der Schlacht von Marathon zur Wehr setzen m\u00fcssen. F\u00fcr diesen bunten geschichtlichen Reigen greifen die Sch\u00f6pfer Abraham Kawa, Alecos Papadatos und dessen Frau Annie Di Donna neben dem fiktiven Leander (dessen N\u00e4he zur Sage von Hero und Leander offen thematisiert wird) auf eine durchaus umstrittene historische Figur zur\u00fcck: der zentrale Denker Kleisthenes, gemeinhin als \u201eVater der Demokratie\u201c bekannt, erscheint teilweise zwielichtig, teilweise wahrhaft vision\u00e4r und wird somit \u00e4hnlich zwiesp\u00e4ltig gezeichnet wie von den Historikern, die ihn wahlweise als radikalen Reformer oder als haltlosen Opportunisten deuten.<\/p>\n<p>Die Grundthese, dass in Athen das goldene Zeitalter der Demokratie anbrach, scheint zwar aus heutiger Sicht etwas fragil, da selbstverst\u00e4ndlich nur die B\u00fcrger wahlberechtigt waren und die Heerscharen von Sklavenarbeitern nat\u00fcrlich weiterhin weitgehend rechtlos dahin fristeten. Dennoch erstrahlt die Grundidee der Herrschaft des Volkes gerade vor dem Hintergrund der universellen Ungleichheit und Politikverdrossenheit moderner Tage umso heller und relevanter, was \u201aDemokratie\u2018 zu einer zwar ausufernden, aber immer unterhaltsamen und auch nachdenklichen Geschichtsstunde macht. Zeichner Alecos Papadatos, dessen reduzierte, teilweise cartoonhafte Inszenierungen der inhaltlichen Komplexit\u00e4t und Schwere angemessen erscheint, gelang 2010 schon mit \u201aLogicomix\u2018, einer Biographie des Wissenschaftlers und Logikers Bertrand Russell, eine faszinierende Reise, die er nun mit Abraham Kawa, der neben seiner Professur f\u00fcr Kulturwissenschaften auch als Roman- und Drehbuchautor t\u00e4tig ist, in Richtung Antike fortsetzt. In kleinen Vignetten und gro\u00dfen Schlachtgem\u00e4lden gleicherma\u00dfen entfaltet sich somit die Historie einer Idee, f\u00fcr die es sich zu k\u00e4mpfen lohnt \u2013 gegen alle Widerst\u00e4nde, so \u00fcberm\u00e4chtig sie auch scheinen m\u00f6gen. (hb)<\/p>\n<p>Demokratie<br \/>\nText: Abraham Kawa<br \/>\nBilder: Alecos Papadatos, Annie Di Donna<br \/>\n240 Seiten in Farbe, Softcover<br \/>\nAtrium Verlag<br \/>\n24,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-85535-595-2<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D3528\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=3528\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Demokratie (Atrium) &raquo; Comicleser #Abraham Kawa #Alecos Papadatos #Annie Di Donna #Atrium #At [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nahe Marathon, im Jahr 490 vor Christus: die Perser belagern Athen. K\u00f6nig Darius will die freiheitsliebenden Griechen unterwerfen, aber ein F\u00e4hnlein der Aufrechten leistet Widerstand (gute Sitte, das hat K\u00f6nig Leonidas immerhin auch getan). 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