{"id":2678,"date":"2015-05-26T14:52:59","date_gmt":"2015-05-26T12:52:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2678"},"modified":"2015-05-26T14:52:59","modified_gmt":"2015-05-26T12:52:59","slug":"ein-schoner-kleiner-krieg-egmont","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=2678","title":{"rendered":"Ein sch\u00f6ner kleiner Krieg (Egmont)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2679\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Ein-sch\u00f6ner-kleiner-Krieg.jpg\" alt=\"Ein sch\u00f6ner kleiner Krieg (Egmont)\" width=\"280\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Ein-sch\u00f6ner-kleiner-Krieg.jpg 280w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Ein-sch\u00f6ner-kleiner-Krieg-210x300.jpg 210w\" sizes=\"auto, (max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/p>\n<p>Saigon. Hanoi. Ho Chi Minh. 1961. In diesem Spannungsfeld, das gerade an der Schwelle zur Explosion steht, kommt der kleine Marcelino Truong nach Vietnam. Sein Vater Khanh ist Diplomat und wird von der s\u00fcdvietnamesischen Regierung aus Washington zur\u00fcck nach Saigon versetzt, um dort Staatschef Ngo Dinh Diem mit Rat und Tat und vor allem \u00dcbersetzungsk\u00fcnsten zur Seite zu stehen. Khanhs franz\u00f6sischer Frau Yvette gef\u00e4llt das ganz und gar nicht, von Anfang hat sie Bedenken, in das Gebiet zu reisen, in dem sich die Weltm\u00e4chte USA und UdSSR zu einem Stellvertreterkrieg anschicken. Zuerst verl\u00e4uft alles noch einigerma\u00dfen ruhig, Khans Eltern k\u00fcmmern sich mit um die Kinder der sp\u00e4testens seit einer erneuten Schwangerschaft zunehmend gestressten Yvette, die sich an dem im Rahmen der Operation Beef Up gelieferten Kriegsger\u00e4t der Amerikaner nicht satt sehen k\u00f6nnen, an den Skyraiders, Bananenhubschraubern und sp\u00e4ter Hueys, die zu Sinnbildern des Krieges werden sollten. Nebenbei erlebt die Familie die zunehmende Zuspitzung des Konfliktes: auf der einen Seite eine radikalisierte Armee, die den als zu lasch empfunden Pr\u00e4sidenten Dinh und seine nur noch als \u201eMadame\u201c bezeichnete Ehefrau Madame Nhu in einem spektakul\u00e4ren Fliegerangriff auf den eigenen Pr\u00e4sidentenpalast am 27.02.1962 vergeblich zu entfernen versucht. Und auf der anderen Seite die von den Kommunisten aus dem Norden mit utopischen Zukunftsversprechen infiltrierte Widerstandsbewegung, die \u00fcber den Ho Chi Minh-Pfad mit Truppen und Waffen aufger\u00fcstet werden.<\/p>\n<p>Yvette versinkt immer mehr in ihren Stimmungsschwankungen, die sich in der R\u00fcckschau als manische Depression herausstellen, worunter die vier Kinder und die Bediensteten leiden, w\u00e4hrend Vater Khanh stets versucht, beschwichtigend einzuwirken, obwohl es immer h\u00e4ufiger zu Attentaten in Saigon kommt und die Propaganda-Maschinerie auf Hochtouren l\u00e4uft. Zum Wendepunkt kommt es schlie\u00dflich, als die Amerikaner 300 Vietcong aus dem Dorf Ap Bac vertreiben wollen und dabei eine herbe Schlappe einstecken m\u00fcssen. Yvette schlittert vollends in die Krise, die Familie flieht in die Ferien nach Nha Trang, aber die Realit\u00e4t ist unerbittlich: nachdem sich auch die Buddhisten, von den Kommunisten aufgehetzt, gegen das Diem-Regime Stellung beziehen und Madame dies eher sarkastisch w\u00fcrdigt, betreiben die USA die Absetzung der Regierung und steigen nach Kennedys Ermordung 1963 endg\u00fcltig in den Krieg ein. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich wenigstens Marcelino l\u00e4ngst in Sicherheit: Khanh ist von Diem, der die desolate Verfassung von Yvette erkannt hat, nach London geschickt worden und ist dort zwar ein Fremder, aber zumindest nicht mehr im Kriegsgebiet. Im Oktober 1964 quittiert sein Vater endg\u00fcltig den diplomatischen Dienst und erlebt als \u00dcbersetzer bei Reuters die weitere Eskalation der K\u00e4mpfe, die erst mit Nixons Besuch in China 1972 zumindest aus amerikanischer Sicht ein Ende fanden.<\/p>\n<p>Marcelino Truong zeichnet in dieser faszinierenden autobiographischen Graphic Novel seine eigene Kindheit nach: aus Gespr\u00e4chen mit seinen Eltern, die in flash forwards und Epilogen ins Geschehen eingebaut sind, sowie aus Briefen seiner Mutter, die er teilweise zitiert, rekonstruiert er die Ereignisse, die er im Kindesalter zwar erlebte, aber in der Regel nicht verstand. Dabei verwendet er in keinster Weise die literarische Technik, die Welt aus Sicht des Kindes entlarvend zu sehen \u2013 ganz im Gegenteil f\u00fcgt er durch r\u00fcckblickende Kommentare, Unterhaltungen und teilweise ausf\u00fchrliche Hintergrund-Darstellungen (die teilweise fast schon essay-haften Charakter annehmen) die ganze Komplexit\u00e4t des S\u00fcdostasien-Konfliktes zusammen und liefert so einen aufschlussreichen Zusammenprall zwischen der geschichtlichen Realit\u00e4t, der zwischen Hoffnung, Naivit\u00e4t und Bedrohung schwankenden Einsch\u00e4tzung der Erwachsenen und der Sicht der Heranwachsenden, die sich am Spektakel der Flugzeugtr\u00e4ger, Hubschrauber und Gewehre erfreuen und den Konflikt spielerisch nachstellen.<\/p>\n<p>Dabei vermeidet es Truong bewusst, Partei zu ergreifen \u2013 das kommunistische Regime in Hanoi und seine unkritischen westlichen Verteidiger erscheinen genauso fraglich wie die amerikanische Intervention, die nicht zuletzt von wirtschaftlichen Interessen geleitet war, und die Diem-Herrschaft, die ihre ganz eigene Form der Autokratie darstellt. Die Leidtragenden sind wie in jedem Krieg die einfache Bev\u00f6lkerung, die von der Entwicklung wie von den US-Panzern \u00fcberrollt werden. F\u00fcr diese Interpretation bedient sich Truong geschickt interkultureller Querverweise, \u00fcber Kurosawas \u201aSieben Samurai\u2018, die als Vorbild f\u00fcr die Befestigung der so genannten Wehrd\u00f6rfer angef\u00fchrt sind, bis hin zur Episode der Kultserie \u201aStar Trek\u2018, an die der Name der Graphic Novel angelehnt ist: in \u201aA Private Little War\u2018 (deutsch Der erste Krieg) muss Captain Kirk feststellen, dass die Klingonen auf einem eigentlich friedlichen Planeten eine Volksgruppe aufr\u00fcsten und damit das Gleichgewicht der Kr\u00e4fte ins Wanken bringt. Widerwillig beschlie\u00dft Kirk, seinerseits Waffen an die Gegenseite zu liefern und somit \u201eSchlangen im Garten Eden\u201c auszusetzen, wie er sich ausdr\u00fcckt \u2013 und wozu dieser Versuch der Abschreckung letztendlich f\u00fchrte, das erleben wir in Truongs bild- und wortgewaltiger Erz\u00e4hlung \u00fcber seine private Kindheit vor einem historischen Hintergrund mehr als deutlich. (hb)<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6ner kleiner Krieg<br \/>\nText &amp; Bilder: Marcelino Truong<br \/>\n272 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nEgmont Graphic Novel<br \/>\n24,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-7704-5517-1<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D2678\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=2678\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Ein sch\u00f6ner kleiner Krieg (Egmont) &raquo; Comicleser #ECC #Egmont Comic Collection #Egmont Graph [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Saigon. Hanoi. Ho Chi Minh. 1961. In diesem Spannungsfeld, das gerade an der Schwelle zur Explosion steht, kommt der kleine Marcelino Truong nach Vietnam. 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