{"id":2668,"date":"2015-05-20T14:23:03","date_gmt":"2015-05-20T12:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2668"},"modified":"2015-05-20T14:25:48","modified_gmt":"2015-05-20T12:25:48","slug":"geister-der-toten-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=2668","title":{"rendered":"Geister der Toten (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2669\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Geister-der-Toten.jpg\" alt=\"Geister der Toten (Splitter)\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Geister-der-Toten.jpg 300w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Geister-der-Toten-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Wirkliche Gro\u00dfmeister des Horrors gibt es wenige, aber ihr vollkommen unbestrittener Meister ist Edgar Allan Poe. In haarstr\u00e4ubenden Erz\u00e4hlungen, schaurigen Gedichten, scharfsinnigen Essays und einem faszinierenden Romanfragment (das Jules Verne in seinem Roman \u201aDie Eissphinx\u2018 vollendete) schuf er einen Kosmos, in dem das Abseitige, Entsetzliche und grauenhaft Sch\u00f6ne regiert und setzte Ma\u00dfst\u00e4be, die in der Horrorliteratur bis heute gelten. Dabei geht es oft weniger um folgerichtige Handlungsabl\u00e4ufe, sondern um die Schattenseite der menschlichen Psyche und schockierende, bizarre Effekte \u2013 in Poes eigenen Worten das \u201aArabeske\u2018, das Vexierspiel, den Moment des reinen Terrors, was so Paradigmen f\u00fcr die schwarze Romantik und die Gothic Novels lieferte. In Poes Gedichten, die wie \u201aThe Raven&#8216; oft von zunehmend wahnhaften Protagonisten vorgetragen werden, zeigte er sich oft als Vorl\u00e4ufer des Symbolismus.<\/p>\n<p>Ganz nebenbei erfand er \u2013 ganze vierzig Jahre bevor Arthur Conan Doyle einen gewissen Pfeifenraucher auf eine Studie in Scharlachrot schickte \u2013 nahezu eigenh\u00e4ndig das Genre der Detektivgeschichte: in Erz\u00e4hlungen wie \u201aThe Purloined Letter\u2018 (Der entwendete Brief) oder \u201aMurders In The Rue Morgue\u2018 (Der Doppelmord in der Rue Morgue) finden scharfsinnige Beobachter \u00fcber genaue Analyse und R\u00fcckschl\u00fcsse, bei Sherlock Holmes dann Deduktion genannt, zu \u00fcberraschenden L\u00f6sungen vertrackter F\u00e4lle. Der mit gerade einmal 40 Jahren viel zu fr\u00fch verstorbene, selbst gequ\u00e4lte Poe hinterlie\u00df ein gewaltiges Opus, das neben Filmversionen \u2013 vor allem die stilisierten, farbsymbolischen Versionen eines Roger Corman aus den 60ern mit einem kongenialen Vincent Price \u2013 schon h\u00e4ufig auch die Phantasie von Comic-K\u00fcnstlern anregte: so etwa legte Berni Wrightson in den 70er Jahren ein ganzes Edgar Allen Poe-Portfolio sowie eine Umsetzung der Erz\u00e4hlung \u201aThe Black Cat\u2018 vor.<\/p>\n<p>In diese gute Tradition stellte sich 2012 und 2014 auch der umtriebige Richard Corben, der auf ein mindestens ebenso umfangreiches Werk wie Meister Poe blicken kann \u2013 von den Anf\u00e4ngen im Underground \u00fcber die Erfolge im franz\u00f6sischen Metal Hurlant-Magazin Mitte der 70er bis hin zu seinen Beitr\u00e4gen zu Mainstream-Superhelden-Titeln spielte sich Corben stets gerne in der Schnittmenge zwischen Horror und SF, schuf mit seinem Den-Zyklus eine an H.P. Lovecraft angelehnte Parallelwelt und lieferte mit \u201aBloodstar\u2018 eine der ersten so bezeichneten Graphic Novels. Im Rahmen der Serie Dark Horse Presents legte er mit Edgar Allan Poe\u2019s \u201aSpirits of the Dead\u2018 seine ganz eigene Interpretation der Poeschen Gedankenwelt vor. Der Bogen spannt sich dabei von Gedichten (Geister der Toten, Allein, Die Schlafende, Der Rabe) \u00fcber die klassischen, weithin bekannten Horror-Erz\u00e4hlungen (die meisterhafte \u201aMaske des roten Todes\u2018, der klaustrophobisch-psychopathische \u201aUntergang des Hauses Usher\u2018) bis hin zu dem \u201aDoppelmord in der Rue Morgue\u2018.<\/p>\n<p>Dabei setzt Corben die Gedichte nicht nur visuell, sondern auch erz\u00e4hlerisch um: \u201aDie Stadt im Meer\u2018 \u2013 in der literarischen Vorlage ein Werk des vollkommen durchgeknallten Roderick Usher \u2013 dient nur als Ausl\u00f6ser f\u00fcr eine Geistererz\u00e4hlung um einen verbrecherischen Kapit\u00e4n, der in einem Sturm seine \u201eFracht\u201c Sklaven \u00fcber Bord wirft und von ihnen heimgesucht wird. Die Erz\u00e4hlungen werden dabei auf ihre zentralen Effekte verdichtet: die Phase der Beweisaufnahme in der Rue Morgue, innerhalb derer in der Short Story sich die Hinweise auf einen buchst\u00e4blich unmenschlichen T\u00e4ter zunehmend verdichten, erscheint stark gek\u00fcrzt, w\u00e4hrend der grausam ausgebreiteten Schluss-Sequenz viel Raum gegeben wird. Die atmosph\u00e4rischen, elegisch-symbolischen Beschreibungen von Prosperos Fest in der Maske des roten Todes treten gegen den Einbruch der bedeutungsschweren Titelfigur zur\u00fcck, w\u00e4hrend Prosperos unger\u00fchrt-zynische Feierlaune durch moderne Elemente verst\u00e4rkt wird: \u201eWas k\u00f6nnen wir tun?\u201c, fragt er angesichts der tobenden Pest. \u201eIch schmei\u00dfe eine Party!\u201c<\/p>\n<p>Insgesamt bricht Corben bewusst die Illusionsebene auf, indem er einen mysteri\u00f6sen Erz\u00e4hler einf\u00fchrt, der wie weiland in den seligen Gespenstergeschichten durch die Seiten f\u00fchrt und bisweilen auch innerhalb der Geschichten auftritt oder diese als Au\u00dfenstehender kommentiert (\u201eEr hat Gl\u00fcck, mit heiler Haut davonzukommen\u201c, entl\u00e4sst er den Besucher des untergegangenen Hauses Usher in den Regen). So entsteht eine Underground-beeinflusste, postmoderne Note, zu der sich Corbens typischer Zeichenstil gesellt: plastisch \u00fcberformte, teilweise grotesk anmutende K\u00f6rper, gerne auch barbusige Damen, durchwandern stilisierte Landschaften, die innere Degeneration dringt \u2013 wie etwa bei Roderick Usher oder Morella \u2013 nach au\u00dfen, die lebendig Begrabenen erwachen verzerrt zu neuem Leben, und der Eroberer Wurm regiert am Ende alles. Somit entsteht eine furiose Neuinterpretation einiger Schl\u00fcsselwerke Poes, die gen\u00fcgend nahe am Original bleibt, um Freunde der Originale zu faszinieren, aber auch kongenial moderne Elemente benutzt und in dieser Kombination die zentralen Schockmomente (alptraumhaft z.B. in \u201aBerenice\u2018) und bizarr-wahnhaften Zust\u00e4nde der Figuren (Roderick Usher, der Erz\u00e4hler in \u201aDer Rabe\u2018) meisterhaft kristallisiert.<\/p>\n<p>Der vorliegende Band versammelt die Dark Horse-Presents-Ausgaben 9 sowie 16-20 von 2012 und 28-29 von 2014 und sortiert die Beitr\u00e4ge nach dem Erscheinungsjahr der Vorlagen (von \u201aGeister der Toten\u2018 aus dem Jahr 1827 bis zu \u201aDas Fass Amontillado\u2018 von 1846), wodurch auch noch ein chronologischer \u00dcberblick \u00fcber die Entwicklung des Poeschen Schaffens entsteht. Sehr sch\u00f6n. (hb)<\/p>\n<p>Geister der Toten<br \/>\nText &amp; Bilder: Richard Corben, nach Edgar Allan Poe<br \/>\n216 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n29,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95839-145-1<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D2668\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=2668\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Geister der Toten (Splitter) &raquo; Comicleser #Edgar Allan Poe #Geister der Toten #Graphic Novel [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wirkliche Gro\u00dfmeister des Horrors gibt es wenige, aber ihr vollkommen unbestrittener Meister ist Edgar Allan Poe. 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