{"id":14658,"date":"2026-04-20T11:49:57","date_gmt":"2026-04-20T09:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=14658"},"modified":"2026-04-20T11:52:00","modified_gmt":"2026-04-20T09:52:00","slug":"der-totenkopf-aus-schweden-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=14658","title":{"rendered":"Der Totenkopf aus Schweden (Splitter)"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"288\" height=\"400\" src=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Totenkopf-aus-Schweden_WEB.jpg\" alt=\"Der Totenkopf aus Schweden (Splitter Verlag), von Daria Schmitt\" class=\"wp-image-14659\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Totenkopf-aus-Schweden_WEB.jpg 288w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Totenkopf-aus-Schweden_WEB-216x300.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Nachts im Museum: im Paris des Jahres 1937 erwacht der Sch\u00e4del des legend\u00e4ren Philosophen Ren\u00e9 Descartes in der Galerie f\u00fcr Pal\u00e4ontologie zum Leben. So genau wei\u00df er nicht mehr, wer er ist, seine vage Vermutung: er muss zu Lebzeiten wohl den Menschen in den Mittelpunkt gestellt haben und sucht nun den Beleg f\u00fcr seine Thesen. Vehement fordern die Tierskelette, allen voran ein gewaltiger Blauwal, seine Geschichte, die der Sch\u00e4del auspackt, soweit er sie eben noch zusammenbekommt. 1650 starb der ruhelose Geist in Schweden, wurde 16 Jahre sp\u00e4ter allerdings exhumiert und als Reliquie \u00fcber verschlungene Wege heim nach Frankreich gebracht. Dort inszeniert man ein zweites Begr\u00e4bnis und feiert Descartes als Begr\u00fcnder einer neuen Philosophie, die radikal das Primat der Vernunft und des Menschen postuliert, der in Descartes Geist das einzige Wesen ist, das mit Geist und Seele gleicherma\u00dfen gesegnet ist &#8211; \u201eCogito ergo sum\u201c, ich denke also bin ich, diese allseits bekannte Zeile aus Descartes \u201eDiskurs \u00fcber die Methode\u201c von 1637 avanciert nicht umsonst zu seiner Kernaussage und einer Basis der modernen Philosophie.<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere hingegen waren f\u00fcr Descartes reine Maschinen ohne jede Ratio und Empfindungen, eine irrige Annahme, die ihm die Skelette im Museum geh\u00f6rig um die Ohren hauen und ihm vorwerfen, f\u00fcr ihr Leid verantwortlich zu sein. Zu Zeiten der <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=11592\" data-type=\"post\" data-id=\"11592\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">franz\u00f6sischen Revolution<\/a> l\u00e4sst Alexandre Lenoir die \u00dcberreste von Descartes erneut wegschaffen, man bettet ihn mehrfach um, bis es 1819 zum sage und schreibe 4. Begr\u00e4bnis kommt. Aber auch damit hat die liebe Seele keineswegs ihre Ruh: als der Pal\u00e4ontologe George Cuvier in den Besitz des Sch\u00e4dels kommt, feiert er diesen als veritable Sensation, aber sein Zeitgenosse Jean-Baptiste Delambre zweifelt vehement an der Echtheit der Reliquie. Cuvier holt zum Gegenschlag aus und versucht anhand von Vergleichen mit Descartes-Portraits von Franz Hals und S\u00e9bastien Bourdon zu belegen, dass sein Schatz echt ist. Zwischen diesen Schilderungen breitet dann auch der Wal seine eigene Geschichte aus, um Descartes Thesen zu Tieren zu widerlegen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Phantasie- und gehaltvoller kann man eine Biographie wohl kaum gestalten. Daria Schmitt (die sich mit \u201eDas Traumbestiarium des Mr. Providence\u201c schon <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=13720\" data-type=\"post\" data-id=\"13720\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">H. P. Lovecraft<\/a> ann\u00e4herte) entfaltet in diesem wunderlichen Reigen auf zutiefst originelle Art die Lebensgeschichte von Ren\u00e9 Descartes (\u201eDiscours de la m\u00e9thode\u201c 1637, \u201ePrincipia philosophiae\u201c 1644), oft bezeichnet als Vater der modernen Philosophie, dessen Betonung der Ratio und des systematischen Zweifelns einen Neuanfang begr\u00fcndete, auch wenn sein extrem anthropozentrisches, ansonsten mechanisches Weltbild (nur der Mensch hat eine Seele, Tiere und Pflanzen sind eher wie Automaten) etwas \u00fcbers Ziel hinausschoss. Tatsache ist, dass der Totensch\u00e4del beim Transport von Schweden nach Frankreich abhandenkam und nach vielen Wirrungen im Mus\u00e9e de l\u2019Homme in Paris landete, reichlich verziert mit Gravuren seiner Vorbesitzer (die hier salopp als \u201eGraffiti\u201c bezeichnet werden) und gerne in seiner Echtheit angezweifelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rivalit\u00e4t des \u201eBesitzers\u201c, des Pal\u00e4ontologen Cuvier mit seinem Zeitgenossen Delambe (Mathematiker, Mitbegr\u00fcnder des Langema\u00dfes Meter) ist ebenso verb\u00fcrgt, und sogar der Wal, mit dem sich Descartes Wortgefechte liefert, basiert auf realen Ereignissen: 1827 strandete im belgischen Ostende ein von Cuvier so klassifizierter Blauwal, der von einem gewissen Kessel gekauft und als Touristenattraktion vermarktet wurde (so etwa f\u00fchrte man eine ganze Woche lang im Skelett des Wals ein Festbankett durch). Der Bericht des Wals \u00fcber die Wanderschaft seiner Knochen er\u00f6ffnet dabei eine erstaunliche Parallele zu Descartes\u2018 Schicksal als Reliquie, bietet aber auch den Kontrapunkt zu seiner These der \u201eTiermaschine\u201c: \u201elies <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=8267\" data-type=\"post\" data-id=\"8267\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Darwin<\/a>!\u201c, fordern die Tiere ihn auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Panorama entfaltet Schmitt in teils realistischen, teils traumhaften Szenen, etwa vom durch das verschneite Schweden irrenden Descartes oder des Wals, der in Fleisch und Blut mit seinem kn\u00f6chernen Gast die Weltmeere durchschwebt. Gestalterisch wechselt dabei eine monochrome Stimmung ab mit atmosph\u00e4rischer Farbgebung, wobei auch eine Prise Humor nicht fehlen darf: die Schweden behalten sich gerne den Zeigefinger von Descartes, da er damit ja seine gro\u00dfen Werke geschrieben habe. Bei Splitter erscheint der Band, der im Original \u201eLe Bestiaire du Cr\u00e9puscule\u201c, also \u201eDas Bestiarium der D\u00e4mmerung\u201c, somit \u00e4hnlich wie die Lovecraft-Biographie betitelt ist, mit einem ausf\u00fchrlichen Anhang mit Essays zu Descartes und den hier auftretenden Figuren. Etwas f\u00fcr den Geist, f\u00fcrwahr \u2013 aber es gilt ja: wir denken, also sind wir. (bw)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/totenkopf-aus-schweden.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/totenkopf-aus-schweden.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der Totenkopf aus Schweden<\/a><br>Text &amp; Bilder: Daria Schmitt<br>120 Seiten in Farbe, Hardcover<br>Splitter Verlag<br>25 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-68950-141-9<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D14658\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=14658\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Der Totenkopf aus Schweden (Splitter) &raquo; Comicleser #Biografie #Daria Schmitt #Der Totenkopf  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachts im Museum: im Paris des Jahres 1937 erwacht der Sch\u00e4del des legend\u00e4ren Philosophen Ren\u00e9 Descartes in der Galerie f\u00fcr Pal\u00e4ontologie zum Leben. 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