{"id":1442,"date":"2014-04-23T14:19:48","date_gmt":"2014-04-23T12:19:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1442"},"modified":"2017-04-25T11:31:17","modified_gmt":"2017-04-25T09:31:17","slug":"herr-der-affen-john-arthur-livingstone-band-1-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=1442","title":{"rendered":"Herr der Affen, Band 1 (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1443\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Herr-der-Affen-1.jpg\" alt=\"Herr der Affen - John Arthur Livingstone, Band 1\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Herr-der-Affen-1.jpg 300w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Herr-der-Affen-1-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>London im ausgehenden 19. Jahrhundert. John Arthur Livingstone gilt als lebende Sensation, hat er doch als schiffbr\u00fcchiges Findelkind seine Jugend im Dschungel von Borneo unter der Obhut von Orang-Utans verbracht. Allabendlich beantwortet er geduldig die teilweise spottenden Fragen der Londoner Intellektuellen, deren Weltbild gerade durch die Lehren Charles Darwins diverse geh\u00f6rige Spr\u00fcnge bekommen hat. Aber Livingstone ist nicht der einzige Fremde, der die Stadt in Atem h\u00e4lt: eine Serie von brutalen Morden erinnert fatal an den ber\u00fcchtigten Aufschlitzer, der erst vor kurzem diversen Prostituierten in Whitechapel einen grausigen Garaus machte. Problem nur: die neuen Opfer werden zwar jeweils nach einem Sch\u00e4ferst\u00fcndchen ermordet, allerdings in keinster Weise verst\u00fcmmelt. Ganz im Gegenteil drapiert der T\u00e4ter jeweils die prachtvolle Oberweite der Damen in besonders geschmackvoller Weise. Hat man es mit einem Serienm\u00f6rder zu tun, der schmerzlich die Liebe einer menschlichen Mutter vermisst? Was hat es mit den Ger\u00fcchten auf sich, immer wieder werde eine Gestalt gesehen, die sich aus einem Gentleman in ein Monstrum und wieder zur\u00fcck verwandle? Livingstone, den bald zarte Bande zu einer seiner Zuh\u00f6rerinnen verbinden, erscheint dabei genauso zwielichtig wie der T\u00e4ter, den Scotland Yard alsbald pr\u00e4sentiert \u2013 was allerdings keinesfalls das Ende der Mordserie bedeutet\u2026<\/p>\n<p>Nur festzustellen, Philip Bonifay (Zoo, im Carlsen Verlag) veranstalte hier ein Feuerwerk von literarischen und geschichtlichen Verkn\u00fcpfungen, w\u00e4re eine ma\u00dflose Untertreibung. Dass Livingstone &#8211; der eigentlich Franzose ist und Saturnine Farandoul hei\u00dft &#8211; einen astreinen Blutsbruder von Lord Greystoke (auch genannt <a title=\"Tarzan, Band 3: 1935-1936 (Bocola)\" href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1235\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tarzan<\/a>) abgibt, muss nicht erw\u00e4hnt werden. Seine Geschichte entspricht dem ruppigen Kolonialismus der Engl\u00e4nder: man l\u00e4\u00dft das Kind nicht anders sein, sondern entrei\u00dft es seiner Dschungel-Heimat, seiner ersten Liebe und somit seiner Herkunft. Gegen jeden Widerstrand verfrachtet man es nach England, verpa\u00dft ihm einen f\u00fcr englischen Forscherdrang und Welteroberungsgel\u00fcste bedeutungsschwangeren Namen (komplett mit einem Zitat einer der wohl ber\u00fchmtesten Entdecker-Ausspr\u00fcche aller Zeiten, \u201eMr Livingstone, I presume?\u201c) und beraubt ihn somit seiner Identit\u00e4t. Wie der Elefantenmensch Joseph Merrick wird er zur Wissenschaftsattraktion, der der verlogenen Gelehrtenwelt den Spiegel vorh\u00e4lt: er selbst ist frei, vital und authentisch, die ihn als Kuriosum betrachtenden B\u00fcrger sind die eigentlich im K\u00e4fig ihrer Konventionen Gefangenen. Ungehemmt lebt er seine Sexualit\u00e4t aus und bekennt sich zur Sinnlichkeit \u2013 was ihn gleichzeitig verd\u00e4chtig macht, die Morde zu ver\u00fcben, die das Volk immer wieder dem literarischen Mr Hyde andichten m\u00f6chte. Was auf den letzten Seiten dieses ersten Bandes nun auch wieder als nicht so unm\u00f6glich erscheint wie man vielleicht denken m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Bonifay gelingt damit ein dichtes Netz von Anspielungen, Verweisen und ein intelligentes Spiel mit literarisch-geschichtlichen Elementen, die sich neben Fragen zu Freiheit und Identit\u00e4t, Kolonialismuskritik und Blo\u00dfstellung von Heuchlerei und Doppelmoral der viktorianischen Zeit zu einer packenden Story zusammenf\u00fcgen, die Fabrice Meddour (Ganarah, ebenfalls bei Splitter) in eine \u00fcppige, direkt kolorierte, \u00fcberwuchernde Bildersprache \u00fcbersetzt, in der der kleine Saturnine den Dschungel umhertollt und der junge Livingstone als ungez\u00e4hmtes Tier das n\u00e4chtliche London durchstreift. Eine mitrei\u00dfende Geschichte also, und ein f\u00fcrstliches Vergn\u00fcgen f\u00fcr Freunde der intelligenten Unterhaltung obendrein. Der abschlie\u00dfende Band 2 ist in Vorbereitung. (hb)<\/p>\n<p>Herr der Affen &#8211; John Arthur Livingstone, Band 1<br \/>\nText: Philippe Bonifay<br \/>\nBilder: Fabrice Meddour<br \/>\n56 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n14,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-86869-662-2<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D1442\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=1442\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Herr der Affen, Band 1 (Splitter) &raquo; Comicleser #Fabrice Meddour #Herr der Affen #John Arthur [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>London im ausgehenden 19. Jahrhundert. John Arthur Livingstone gilt als lebende Sensation, hat er doch als schiffbr\u00fcchiges Findelkind seine Jugend im Dschungel von Borneo unter der Obhut von Orang-Utans verbracht. 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