{"id":13477,"date":"2025-03-26T14:45:44","date_gmt":"2025-03-26T12:45:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=13477"},"modified":"2025-03-26T14:46:25","modified_gmt":"2025-03-26T12:46:25","slug":"thomas-mann-1949-knesebeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=13477","title":{"rendered":"Thomas Mann \u2013 1949 (Knesebeck)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"290\" height=\"400\" src=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Thomas-Mann_1949_WEB.jpg\" alt=\"Thomas Mann \u2013 1949: R\u00fcckkehr in eine fremde Heimat (Knesebeck Verlag)\" class=\"wp-image-13478\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Thomas-Mann_1949_WEB.jpg 290w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Thomas-Mann_1949_WEB-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nachkriegsdeutschland, 1949: einer der ber\u00fchmtesten S\u00f6hne des Landes, Thomas Mann, kehrt in die Heimat zur\u00fcck. Wenn auch nur auf eine kurze Stippvisite. Der Literaturnobelpreistr\u00e4ger hatte das Land 1933 verlassen, nachdem ihm eine durchaus kritische Rede zu Richard Wagner und den sich formierenden neuen Machthabern endg\u00fcltig den Zorn der Nazis eingebracht hatte, die Mann ohnehin als Vertreter der liberal-intellektuellen Haltung und damit \u201evolkszersetzenden Judentums\u201c diffamiert hatten. Manns Sohn Klaus hatte den Vater schon 1945 eindringlich vor einer Heimreise gewarnt: in Diensten der amerikanischen Armee besuchte Klaus kurz <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=10006\" data-type=\"post\" data-id=\"10006\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">nach Kriegsende unter anderem M\u00fcnchen<\/a>, wo er entsetzt feststellte, dass das ehemalige Haus der Familie von den Machthabern zu einem \u201eLebensborn\u201c umfunktioniert worden war \u2013 und dass nicht wenige Deutsche wenig gelernt zu haben scheinen, so etwa der Komponist Richard Strauss, der sich im Gespr\u00e4ch mit Klaus v\u00f6llig uneinsichtig zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Thomas Mann jedoch erf\u00e4hrt, dass man ihm den Goethe-Preis verleihen m\u00f6chte, schiebt er alle Bedenken beiseite und kommt mit Ehefrau Erika am 24.07.1949 in Frankfurt am Main an. Dort nimmt ihn sein alter Bekannter Georges Motschan in Empfang, der die Manns f\u00fcr die Dauer ihres Aufenthalts als Fahrer betreut. Von Anfang an schl\u00e4gt den Manns nicht nur ungeteilte Begeisterung entgegen, manch einer r\u00fcmpft \u00fcber den vermeintlichen Verr\u00e4ter die Nase. In M\u00fcnchen verzichtet Mann nach der Warnung des Sohns auf einen Besuch im alten Wohnhaus, man reist weiter nach N\u00fcrnberg, wo einige Jahre zuvor Manns Tocher Erika als BBC-Reporterin die aufsehenerregenden Kriegsverbrecher-Prozesse begleitet hatte. Thomas Mann spricht in der v\u00f6llig zerst\u00f6rten Stadt als Ehrengast zu neu gegr\u00fcndeten ersten Thomas Mann Gesellschaft, aber vor allem Katja f\u00fchlt sich unheilvoll an die Aufm\u00e4rsche zu den Reichstagen erinnert. Am Wagner-Wallfahrtsort Bayreuth zeigt sich Mann durchaus entsetzt, als er im G\u00e4stebuch des Hotels die Eintragungen aller Nazi-Granden sieht, auf die man offenbar durchaus stolz ist. In Weimar schlie\u00dflich besucht er das Goethes Wohnhaus, nimmt einen weiteren Preis entgegen und sieht sich auch hier skeptischen Blicken nicht zuletzt der russischen Besatzungsmacht ausgesetzt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Mann geh\u00f6rt zweifelsohne zu den epochalsten Figuren der deutschen Literaturgeschichte. Schon der Erstling \u201eBuddenbrooks\u201c geriet zum durchschlagenden Erfolg und f\u00fchrte letztendlich zum Nobelpreis, der Mann 1929 verliehen wurde. In unnachahmlich gediegener Sprache portraitierte Mann die deutsche Gesellschaft, vom Verfall der L\u00fcbecker Kaufmannsfamilie \u00fcber empfindsame Novellen wie \u201eTod in Venedig\u201c bis hin zum monumentalen \u201eZauberberg\u201c, in dem Mann 1924 vor dem Hintergrund eines <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=11422\" data-type=\"post\" data-id=\"11422\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Schweizer<\/a> Sanatoriums die europ\u00e4ische Welt der Jahrhundertwende kaleidoskophaft seziert, die sich schlie\u00dflich begeistert in den vermeintlich gloriosen <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=1794\" data-type=\"post\" data-id=\"1794\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eGro\u00dfen Krieg\u201c<\/a> st\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"281\" height=\"400\" src=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Thomas-Mann_Panel_WEB.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13480\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Thomas-Mann_Panel_WEB.jpg 281w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Thomas-Mann_Panel_WEB-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig war der \u201eZauberer\u201c, wie er sich selbst und auch seine Familie ihn gern nannte, stets ein politischer Mensch. Die zunehmende Verrohung und Korrumpierung durch die Faschisten kommentierte er stets klug und hinreichend deutlich, dass er schnell zur persona non grata geriet. Nach einer Anordnung zur \u201eSchutzhaft\u201c durch die SS verlie\u00df Mann mit seiner Familie 1933 das Land und reiste nach verschiedenen Stationen 1938 <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=9839\" data-type=\"post\" data-id=\"9839\" target=\"_blank\">nach Hollywood<\/a>, wo er im Gegensatz zu vielen deutschen Exilanten, die in der neuen Heimat scheiterten (darunter auch sein Br\u00fcder Heinrich Mann, der nie mehr ans seine Erfolge ankn\u00fcpfen konnte und unter handfesten materiellen Sorgen litt), weiterhin ein feudales Leben f\u00fchrte. Bei der in dieser Graphic Novel verarbeiteten Episode der R\u00fcckkehr nach Deutschland ereilte Mann ein \u00e4hnliches Schicksal wie <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=10174\" data-type=\"post\" data-id=\"10174\" target=\"_blank\">Marlene Dietrich<\/a> \u2013 auch die Filmdiva wurde dank ihres Engagements f\u00fcr die amerikanische Armee in der Heimat durchaus diffamiert und angefeindet.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=10443\" data-type=\"post\" data-id=\"10443\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Julian Voloj<\/a> (der sich mit Marlene Dietrich in der Graphic Novel \u201eAugenblicke eines Lebens\u201c befasste) und Friedhelm Marx entfalten die zehn Tage der Reise Manns chronologisch aufgebrochen, durchzogen mit kurzen Episoden und Flashbacks an die Zeit vor 1933 \u2013 so etwa ziehen Szenen der Nazi-Aufm\u00e4rsche vor dem geistigen Auge der Besucher vorbei, man w\u00e4hnt sich wieder zu Hause in der M\u00fcnchner Villa, Mann erinnert sich daran, dass er 1929 zun\u00e4chst den Nobelpreis feierte, nur um dann 1933 aus dem M\u00fcnchner Rotary-Club ausgeschlossen zu werden. Die Erlebnisse der Mann-Kinder Klaus und Erika werden ebenfalls eingeflochten, so auch die ersch\u00fctternde Nachricht das Selbstmords von Klaus, die die Eltern im Mai 1949 erreicht und fast zur Absage der gesamten Reise gef\u00fchrt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Erinnerung an die N\u00fcrnberger Prozesse er\u00f6ffnet Mann seinen staunenden Zuh\u00f6rern, dass das vermeintliche Goethe-Zitat des Chefankl\u00e4gers gar nicht von Goethe sei, sondern dem Dichterf\u00fcrsten vielmehr von Mann selbst in seinem Roman \u201eLotte in Weimar\u201c in den Mund gelegt worden war. Nachdem auch in Ostdeutschland nicht nur Sympathie herrscht (hier be\u00e4ugt man den Wahl-Amerikaner als \u201eKnecht der Wall Street\u201c und vermutet, er sei ein Spion), muss Mann ern\u00fcchtert feststellen \u2013 eine R\u00fcckkehr ist nicht m\u00f6glich, die Welt ist nicht mehr die, die er einmal kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>So entsteht eine vielschichtige Interpretation des vielleicht gr\u00f6\u00dften kulturellen Ereignisses des frisch geteilten Deutschlands, das Magdalena Adomeit in ihrem Comic-Erstling gekonnt in einer Mischung aus aquarellartiger Stilisierung und atmosph\u00e4rischer Impression, oft angelehnt an Fotografien der Reise der Manns, inszeniert. Zentral ist dabei die Farbgebung, die von pastellhaft bis hin zu finsteren T\u00f6nen in den Flashbacks zu den Nazi-Tagen, insbesondere dem zentralen doppelseitigen Panel von den N\u00fcrnberger Parteitagen im Kameraauge ihrer Filmhexerin Leni Riefenstahl. Passend zum Thomas Mann Jahr, erscheint der Band bei Knesebeck gewohnt hochwertig aufgemacht mit einem Quellenverzeichnis, das auf die verarbeiteten Quellen (Tageb\u00fccher und Fotos) verweist. Vielleicht sollte man sich doch noch einmal auch \u201eMario und der Zauberer\u201c n\u00e4her zu Gem\u00fcte f\u00fchren, wo ein Variet\u00e9-Magier einen Zuschauer mittels Hypnose beherrscht. Das kennen wir n\u00e4mlich auch irgendwo her. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/thomas_mann_1949\/t-1\/1328\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/thomas_mann_1949\/t-1\/1328\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Thomas Mann \u2013 1949: R\u00fcckkehr in eine fremde Heimat<\/a><br>Text: Julian Voloj, Friedhelm Marx<br>Bilder: Magdalena Adomeit<br>96 Seiten in Farbe, Hardcover<br>Knesebeck Verlag<br>24 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-95728-896-7<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D13477\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=13477\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Thomas Mann \u2013 1949 (Knesebeck) &raquo; Comicleser #1949 #Einzelband #Friedhelm Marx #Graphic Nov [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachkriegsdeutschland, 1949: einer der ber\u00fchmtesten S\u00f6hne des Landes, Thomas Mann, kehrt in die Heimat zur\u00fcck. 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