{"id":12946,"date":"2024-09-24T13:35:45","date_gmt":"2024-09-24T11:35:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=12946"},"modified":"2024-09-24T13:35:45","modified_gmt":"2024-09-24T11:35:45","slug":"don-quijote-von-der-mancha-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=12946","title":{"rendered":"Don Quijote von der Mancha (Splitter)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"287\" height=\"400\" src=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Don-Quijote-von-der-Mancha_WEB.jpg\" alt=\"Don Quijote von der Mancha (Splitter Verlag)\" class=\"wp-image-12947\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Don-Quijote-von-der-Mancha_WEB.jpg 287w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Don-Quijote-von-der-Mancha_WEB-215x300.jpg 215w\" sizes=\"auto, (max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Literatur bildet. So viel best\u00e4tigen wir gerne. Zu viel Literatur kann aber auch auf Irrwege f\u00fchren: Tr\u00e4umerei, Weltfremdheit und leichte Exzentrik, auch das kennen wir von so manchem Hochschulgelehrten. So weit wie der tattrige, verarmte Landedelmann Don Quijano allerdings kam bislang wohl noch keiner vom Weg ab: der spa\u00dfige Alte verschlingt Ritterromanzen am laufenden Band, bis er die Grenze zwischen Realit\u00e4t und \u00fcberbordender Fiktion nicht mehr wahrnimmt. Er entwickelt die fixe Idee, selbst als fahrender Rittersmann \u00fcber die Lande zu ziehen, und macht sich flugs mit seinem alten Klepper Rosinante auf den Weg. In einer Taverne trifft er auf den Barbier Meister Nicolas, dem er die Rasiersch\u00fcssel entwendet, diese als Helm aufsetzt und sich im Dienste der holden Dulcinea (die eigentlich gar nicht so hold ist, auf einen g\u00e4nzlich anderen Namen h\u00f6rt und die Dienste gar nicht so recht will) weiter auf seinen Kreuzzug ins Gl\u00fcck begibt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Gasthaus l\u00e4sst er sich von am\u00fcsierten Zuschauern zum Ritter schlagen, nennt sich fortan obstinat <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=3841\" data-type=\"post\" data-id=\"3841\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Don Quijote von der Mancha<\/a> und wird durch sein verwirrt-gro\u00dfspuriges Auftreten in diverse Schl\u00e4gereien verwickelt, die dem alten Herrn gar nicht guttun. Einmal mehr im Stra\u00dfengraben gelandet, findet ihn sein Nachbar, der Bauer Sancho Panza, den er nach einer kurzen Erholungsphase daheim als Knappe engagiert und dem \u00f6rtlichen Pater, der es eigentlich nur gut mit ihm meint, wieder ausb\u00fcxt. Auf einer staubigen Ebene vermeint Don Quijote, angreifende Riesen zu ersp\u00e4hen, denen er sich furchtlos entgegenwirft \u2013 alle Versicherungen Sancho Panzas, es handele sich um schn\u00f6de Windm\u00fchlen, verhallen ungeh\u00f6rt, und die Sache endet f\u00fcr den guten der Don wieder mit erheblichen Blessuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach weiteren \u201eAbenteuern\u201c, die die Runde machen, sorgt sich der Pater derart um sein Sch\u00e4flein, dass er gemeinsam mit dem Barbier auf die Suche nach dem selbst erkl\u00e4rten Ritter geht. Man findet ihn auch tats\u00e4chlich, als er gerade einen L\u00f6wen aus einem Zirkus befreit und so den Zorn der fahrenden Truppe auf sich gezogen hat. Nachdem Don Qujote vorher noch einen Gefangenentransport der k\u00f6niglichen Polizeigarde gest\u00f6rt und den Str\u00e4flingen zur Flucht verholfen hat, heftet sich nun auch noch die Staatsgewalt an die Fersen des Tattergreises, dem gar nicht klar ist, in welcher Gefahr er schwebt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ritter von der traurigen Gestalt. Rosinante. Sancho Panza. Diese Konstellation kennt man, das geh\u00f6rt gleichsam zum Weltkulturerbe \u2013 was kein Wunder ist: immerhin lieferte Miguel de Cervantes 1605 mit seinem \u201eEl ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha\u201c (von dem er 1615 noch einen zweiten Teil nachschob) eigenh\u00e4ndig den ersten modernen Roman \u00fcberhaupt, der mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit auf den Listen der besten B\u00fccher aller Zeiten landet und in die allgemeing\u00fcltige Ikonografie der Kulturgeschichte eingegangen ist. Der \u201eKampf gegen Windm\u00fchlen\u201c wurde zum gefl\u00fcgelten Wort, zahllose Verfilmungen und Adaptionen verbreiten Cervantes\u2018 bitterb\u00f6se Parodie eines literarischen Ph\u00e4nomens seiner Zeit: der Markt wurde um 1600 geradezu mit immer abstruseren <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=4881\" data-type=\"post\" data-id=\"4881\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Rittergeschichten<\/a> geflutet, man spann immer fantastischere Geschichten rund um angebliche Heldentaten von fiktiven Figuren, aber auch den pseudohistorischen Charakteren wie <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=11999\" data-type=\"post\" data-id=\"11999\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">K\u00f6nig Artus<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem alten verwirrten Mann, der einer l\u00e4ngst \u00fcberkommenen und eigentlich nie real gewesenen, zutiefst romantisierten Darstellung von fahrenden Rittern, keuscher Minne, selbstlosen Heldentaten und dem B\u00e4ndigen von Riesen, Hexen und Zauberern aufsitzt und sich dadurch permanent zum Gesp\u00f6tt macht, liefert Cervantes in erster Linie eine Satire, die es an Gift und Galle mit dem quasi-Zeitgenossen <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=10087\" data-type=\"post\" data-id=\"10087\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jonathan Swift<\/a> durchaus aufnehmen kann. Dabei kreiert Cervantes (der in den durchaus zotigen Szenen auch auf Chaucers \u201eCanterbury Tales\u201c zur\u00fcckgriff) fast eigenh\u00e4ndig das Genre des Schelmenromans, in dem ein Picaro (spanisch f\u00fcr Gauner, daher eben auch pikaresk) allerlei bunte Episoden durchlebt, wie das in deutschen Landen zuvorderst dann rund siebzig Jahre sp\u00e4ter der \u201eSimplicissimus\u201c des Herrn von Grimmelshausen (mit dem man uns im Deutsch-Leistungskurs maltr\u00e4tierte) zur Meisterschaft brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Liegt dabei allerdings der Blick auf einer Kritik der Gesellschaft, verpr\u00fcgelt Cervantes seinen Anti-Helden nach allen Regeln der Kunst, um sich dergestalt \u00fcber absurde literarische Moden zu am\u00fcsieren. Genau hier w\u00e4hlen die Br\u00fcder <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=11699\" data-type=\"post\" data-id=\"11699\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Paul und Ga\u00ebtan Brizzi<\/a> einen etwas anderen Blickwinkel: anders als im d\u00fcster-melancholischen Vorg\u00e4ngerwerk, einer Adaption von <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=12069\" data-type=\"post\" data-id=\"12069\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dantes \u201eInferno\u201c<\/a>, betonen die beiden nach eigenen Worten hier zwar durchaus die Heiterkeit der Geschehnisse, die sich auch im cartoon-karikaturhaften, beschwingten Strich niederschl\u00e4gt. Den Hauptcharakter allerdings sehen die Herren Brizzi durchaus weniger als beklagenswerten Narren, sondern eher als hoffnungslosen Romantiker, in dessen Augen die Welt ebenso ist, wie er sie sieht \u2013 weshalb die zentralen Szenen wie Angriff auf die Windm\u00fchlen in Farbe und in genau der Form erstrahlen, die Don Quijote sich zusammenfantasiert: wir erleben seinen heldenhaften Ansturm auf die Riesenarmee in mehreren, weitgehend dialoglosen, gro\u00dfformatig farbigen Seiten, bis dann die Sicht von Sancho Panza den armen, an einem Windm\u00fchlenfl\u00fcgel h\u00e4ngenden Alten wieder in skizzenhaftem Schwarz-Wei\u00df erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Sch\u00f6nheit der Dulcinea (eigentlich eine h\u00e4ssliche Vettel), die stolze Trutzburg (eine verfallene Taverne) und Quijotes edle Stute (der Klepper Rosinante), all dies erscheint jeweils gedoppelt in der tristen Realit\u00e4t und in Quijotes Idealwelt \u2013 die, so beschleicht den Leser die Erkenntnis, doch eigentlich um einiges besser ist als die echte, was ja auch die Deutung der Romantiker um Heinrich Heine war. Daf\u00fcr nutzen die Brizzis (ehrenhafte Leute, keine Frage) den Kunstgriff, das Geschehen nach Quijotes Tod vom Pater berichten zu lassen, der sich voller Respekt \u00fcber den haltlosen Idealisten \u00e4u\u00dfert, der einfach zu gut f\u00fcr diese Welt war. Somit erneut eine volumin\u00f6se, rundum ebenso unterhaltsame wie tiefsch\u00fcrfend-durchdachte Adaption eines Klassikers der Weltliteratur, wie ihn die Brizzis auch schon mit den <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=11699\" data-type=\"post\" data-id=\"11699\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eTolldreisten Geschichten\u201c nach Balzac<\/a> hinzauberten. Hoffen wir mal, dass sie weitermachen &#8211; der Fundus ist ja nahezu unersch\u00f6pflich. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/don-quijote-brizzi.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/don-quijote-brizzi.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Don Quijote von der Mancha<\/a><br>Text &amp; Bilder: Ga\u00ebtan Brizzi, Paul Brizzi,<br>nach Miguel de Cervantes<br>200 Seiten in Schwarz-Wei\u00df &amp; Farbe, Hardcover<br>Splitter Verlag<br>45 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-98721-381-6<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D12946\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=12946\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Don Quijote von der Mancha (Splitter) &raquo; Comicleser #Don Quijote #Don Quijote von der Mancha  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Literatur bildet. 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