{"id":11088,"date":"2023-01-31T13:08:51","date_gmt":"2023-01-31T11:08:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=11088"},"modified":"2023-01-31T13:11:26","modified_gmt":"2023-01-31T11:11:26","slug":"falco-knesebeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=11088","title":{"rendered":"Falco (Knesebeck)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"304\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_WEB.jpg\" alt=\"Falco -Leben und Sterben des Hans H\u00f6lzel (Knesebeck Verlag)\" class=\"wp-image-11089\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_WEB.jpg 400w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_WEB-300x228.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Dominikanische Republik, 06. Februar 1998: als ein Gel\u00e4ndewagen vom Parkplatz einer schummrigen Diskothek auf die Hauptstra\u00dfe einbiegt, kommt es zum Zusammensto\u00df mit einem Bus, bei dem der Fahrer des Wagens auf der Stelle get\u00f6tet wird. Sein Name: Johann H\u00f6lzel, der Welt deutlicher besser bekannt als die Kunstfigur Falco, die Anfang der 80er den Pop-Olymp bestieg. Diesen schicksalhaften Tag, der sich heuer zum 25. Mai j\u00e4hrt, nimmt der \u00f6sterreichische Illustrator und Performance-K\u00fcnstler Arnulf R\u00f6dler als Ausgangspunkt seiner h\u00f6chst eigenwilligen Biographie dieses Ph\u00e4nomens. Wir erleben dabei Falcos Karriere in Schlaglichtern, die sich entwickeln, als sich \u201eder H\u00f6lzel\u201c, der auf der Flucht vor Kritikern und der Klatschpresse in der Dominikanischen Republik an einem Comeback-Album feilt, in einer \u00f6rtlichen Kaschemme mit ordentlich Koks versorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er sich eine Prise zieht, steigt pl\u00f6tzlich eine Gestalt aus der Toilette, die er selbst treffsicher als sein eigenes schlechtes Gewissen identifiziert und die deutliche Z\u00fcge seines ehemaligen Weggef\u00e4hrten Stefan Weber tr\u00e4gt. Diese d\u00e4monische Figur \u00fcberzieht den staunenden Johann mit Vorw\u00fcrfen: totaler Ausverkauf, er sei vom ehemals brillanten Provokateur zur Witzfigur geworden, die in Kaufh\u00e4usern j\u00e4mmerliche Konzerte absolviert und von einer Getr\u00e4nkemarke gesponsert wird. Das will der Beschimpfte nicht so stehen lassen und erz\u00e4hlt der Barkeeperin, die sich schon Sorgen um den seltsamen Gesellen in der Toilette macht, sein Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch war ihm klar, dass er ber\u00fchmt werden will, daher nutzt er die Chance, aus seiner Rolle als Bassist der Anarcho-Kombo \u201eDrahdiwaberl\u201c herauszutreten, um in Umbaupausen Solo den Szene-Geheimtipp \u201eGanz Wien\u201c vortragen zu k\u00f6nnen. Dann erkennt er das Potenzial eines eigentlich abgelehnten Songs, \u201eantiautorit\u00e4res f\u00fcr die Szene\u201c w\u00fcrde der Entwurf enthalten \u2013 f\u00fcr nicht sonderlich gelungen h\u00e4lt er das St\u00fcck, das dennoch zum Hit avanciert. F\u00fcr den \u201eKommissar\u201c entwirft H\u00f6lzel erstmals eine B\u00fchnen-Persona, eine Kunstfigur, die er nach dem DDR-Skispringer Falko Wei\u00dfpflog benennt und selbst als \u201earroganten Zeitreisenden aus den 30er Jahren\u201c bezeichnet: provokant, hintersinnig, gr\u00f6\u00dfer als er selbst.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"268\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_Seite_20_WEB.jpg\" alt=\"Falco - Panel 1\" class=\"wp-image-11091\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_Seite_20_WEB.jpg 400w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_Seite_20_WEB-300x201.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das mit enormen Erwartungen verkn\u00fcpfte zweite Album \u201eJunge R\u00f6mer\u201c ger\u00e4t zum massiven Flop, \u201edas Album hatte seine Zeit verschlafen\u201c, stellt H\u00f6lzel selbst fest, der daraufhin seine gesamte Mannschaft auswechselt. Seine Freunde habe er im Stich gelassen, gibt er selbst zu, aber wer die Mittel und den Einfluss hat, der kann doch wohl auch andere f\u00fcr sich arbeiten lassen? Das sieht der teuflische Weber nat\u00fcrlich wieder ganz anders, mit \u201eFalco 3\u201c sei er vollends zur Diva geworden, zur Hitmaschine, in der zu viel Falco und zu wenig H\u00f6lzel steckte, aber der Erfolg gibt ihm Recht \u2013 er steht auf dem Gipfel des Ruhms.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Barkeeperin goutiert das alles gar nicht, r\u00fcckt mit zwei Polizisten an und wirft den verbl\u00fcfften H\u00f6lzel in den Knast \u2013 und auf die Frage, wer sie denn sei, antwortet die dubiose Dame nur \u201eJanina\u201c, worauf H\u00f6lzel ausruft: \u201eJeanny!\u201c In seiner dunklen Zelle trifft er nun eine andere verh\u00fcllte Figur, die offenbar aus Salzburg stammt und sich schlie\u00dflich als ein Skelett entpuppt, das H\u00f6lzels gro\u00dfem Vorbild Mozart mehr als \u00e4hnlich sieht. Diese gr\u00e4uliche Erscheinung bietet an, H\u00f6lzel nach Methode seines Zeitgenossen Franz Anton Mesmer zur\u00fcckzuf\u00fchren zu den Urspr\u00fcngen seiner \u00c4ngste. Auf dieser Reise sieht sich H\u00f6lzel immer weiter in seine Vergangenheit versetzt, zur\u00fcck zu den Anf\u00e4ngen in Wien, als ihn Stefan Weber f\u00fcr seine anarchistische Kombo anheuert, die den Spie\u00dfern Paroli bieten will, bis hin zu seiner Kindheit, die schon gepr\u00e4gt ist von der Angst, in der Masse zu versinken und nur einer von vielen zu sein\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Erster deutschsprachiger Rapper. Erster (und immer noch einziger) deutschsprachiger K\u00fcnstler, der es schaffte, den Spitzenplatz der amerikanischen <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1588\" data-type=\"post\" data-id=\"1588\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Billboard Charts<\/a> zu besetzen. Musik- und Sprachvirtuose. Gleichzeitig tragische Figur, die ein unr\u00fchmliches Ende nahm und vielleicht gerade daher wieder mythenhaft verehrt wird. Die Lebensgeschichte des Johann H\u00f6lzel bietet wahrlich mehr als gen\u00fcgend Material f\u00fcr eine Graphic Novel, die Arnulf R\u00f6dler hier dankenswerterweise bewusst ungew\u00f6hnlich angeht. \u201eMitgef\u00fchl hab ich nicht mal f\u00fcr mich selbst\u201c, l\u00e4sst er seine Figur gegen Ende bitter feststellen: die Kunstfigur hat ihn aufgefressen, so wie er es in einem Interview beschrieb \u2013 wenn er gefragt werde, ob er mehr Falco oder mehr Johann sei, dann treibe ihn das in die Schizophrenie.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Basis f\u00fcr diese Getriebenheit lokalisiert R\u00f6dler die Angst, nichts Besonderes zu sein, den kreativen Funken zu verlieren und die Anerkennung seiner Mutter, zu der er ein inniges Verh\u00e4ltnis pflegte, zu erringen zu k\u00f6nnen \u2013 diese Erkenntnis reift in den Stationen der Hypnose, an die ihn sein Alter Ego Mozart ihn mit der Mesmer-Methode der R\u00fcckf\u00fchrung bringt (weshalb man im englischsprachigen Raum \u201ehypnotisieren\u201c oder \u201everzaubern\u201c \u00fcbrigens auch als \u201emesmerize\u201c bezeichnet). Gesegnet mit einem \u201eabsoluten Geh\u00f6r\u201c, also der seltenen Gabe, jeden Ton ohne Hilfsmittel exakt zu lokalisieren, lernt der junge Johann spielend Instrumente, zeigt sich aber wenig ausdauernd: Schule, Berufsausbildung zum B\u00fcrokaufmann und Studium bricht er jeweils ab, um ein \u201erichtiger Musiker\u201c zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wiener Underground fasst er schnell Fuss, R\u00f6dler betont hier vor allem die Beziehung zu Drahdiwaberl-Gr\u00fcnder Weber, der dem Kleinb\u00fcrgertum die \u201eModerne\u201c voller \u201eRadau\u201c vor die Haust\u00fcr kippen will. Mit seinem klugen Wortwitz bediente er sich bei der Wiener Gruppe um Ernst Jandl und Gerhard R\u00fchm mit ihren stakkatohaften neo-expressionistischen Ausbr\u00fcchen ebenso wie bei der Zotigkeit eines Charles Bukowski und den psychedelischen Ausfl\u00fcgen eines William S. Burroughs, die sich hier in H\u00f6lzels fiebriger Phantasie allesamt ein Stelldichein geben. Thematisch changierte H\u00f6lzel zwischen Provokation, Satire, Persiflage und Hommagen, die sich immer wieder um seine Heimatstadt Wien drehen, die Bigotterie, Doppelmoral und den selbstgef\u00e4lligen Drogenkonsum, den er \u2013 f\u00fcr uns als naive Zuschauer von Dieter Thomas Hecks Hitparade 1981 nat\u00fcrlich v\u00f6llig unerkannt \u2013 vor allem im \u201eKommissar\u201c thematisierte (\u201eDer Schnee, auf dem wir alle talw\u00e4rts fahr\u2019n, kennt heute jedes Kind\u201c).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"268\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_Seite_62_WEB.jpg\" alt=\"Falco - Panel 2\" class=\"wp-image-11093\" srcset=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_Seite_62_WEB.jpg 400w, https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Falco_Seite_62_WEB-300x201.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Mit der h\u00f6chst charakteristischen Sprachmischung aus Englisch, Deutsch und Wiener Schm\u00e4h, bekannt geworden als \u201eManhattan Sch\u00f6nbrunner Deutsch\u201c, spielte er mit Tabus und nutzte die Medien geschickt aus, wie etwa beim kalkulierten Skandal um \u201eJeanny\u201c: der Bayrische Rundfunk spielte den Song nat\u00fcrlich nicht, in den \u201eSchlagern der Woche\u201c nannte man versch\u00e4mt nur den Titel, das Video wurde nicht gezeigt und nur als schummrige Kopie herumgereicht, und Tagesschausprecher Wilhelm Wieben lieferte den \u201enewsflash\u201c \u2013 mit dem gew\u00fcnschten Ergebnis des \u201eStreisand Effects\u201c, demzufolge ein Verbot die Popularit\u00e4t nat\u00fcrlich nur noch steigert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles spart R\u00f6dler aus und legt den Fokus viel mehr auf die Tatsache, dass die Kunstfigur Falco quasi in diesem Erfolgsmuster gefangen war und von Jeanny in den Knast geworfen wird. Die Anw\u00fcrfe seines alten Kumpels Weber, er habe seine Freunde verraten, reflektiert den Richtungswechsel, mit dem Falco nach dem Flop seines zweiten Albums seine Mannschaft auswechselte und die niederl\u00e4ndische Hitschmiede Bolland &amp; Bolland engagierte, die ihm mit \u201eRock Me Amadeus\u201c tats\u00e4chlich seinen gr\u00f6\u00dften Erfolg bescherten. Viele Anspielungen, wenig direkten Raum verleiht R\u00f6dler dann auch den Fehlschl\u00e4gen der sp\u00e4ten 80er, als Platten floppten und Tourneen aufgrund mangelnden Publikumsinteresses abgesagt wurden, oder auch dem Comeback der 90er mit Elektrotiteln wie dem launigen \u201eMama, der Mann mit dem Koks ist da\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gar nicht zum Tragen kommt H\u00f6lzels turbulentes Verh\u00e4ltnis zur Boulevard-Presse, die er anfangs nutzte, die ihn dann allerdings nicht zuletzt aufgrund seiner skandalumwitterten Kurzehe mit Isabella Vitkovic, die in eine \u00f6ffentlich ausgetragene Schlammschlacht um eine letztlich widerlegte Vaterschaft m\u00fcndete, massiv mit H\u00e4me \u00fcberzog \u2013 in R\u00f6dlers Auslegung tut dies offenbar nichts zur Sache, bis auf die Tatsache, dass ihn diese Feindseligkeit im eigenen Lande ins freiwillige Exil trieb, in dem er schlie\u00dflich tragisch ums Leben kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Optisch inszeniert R\u00f6dler das Geschehen fast schon ebenso alptraumhaft-hypnotisch wie den Inhalt: \u00fcber mehrere Panels erstrecken sich die Bilder, teilweise collagenartig, oft muss man sich die Zusammenh\u00e4nge erst erschlie\u00dfen, bevor sich die ganze Bildwelt umso m\u00e4chtiger entfaltet. Somit ein wilder, ambitionierter Rausch, der sich an Songtiteln wie \u201eTitantic\u201c, \u201eAmadeus\u201c oder \u201eVienna\u201c chronologisch r\u00fcckw\u00e4rts entlanghangelt und um ein Vielfaches faszinierender ist als eine \u201eherk\u00f6mmlich\u201c Biographie. Wie R\u00f6dler feststellt, war \u201eder H\u00f6lzel\u201c f\u00fcr ihn eine eher bedauerliche Figur, f\u00fcr die die Worte des \u00f6sterreichischen Satirikers Helmut Qualtinger gelten: \u201eWenn Du in \u00d6sterreich ewig leben willst, dann musst Du zuerst sterben. Dann aber kannst recht lange leben.\u201c Und das ist Johann Falco H\u00f6lzel zweifelsohne gelungen. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/falco\/t-1\/1141\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/falco\/t-1\/1141\" target=\"_blank\">Falco &#8211;<\/a><a href=\"https:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/falco\/t-1\/1141\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/falco\/t-1\/1141\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> <\/a><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/falco\/t-1\/1141\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/falco\/t-1\/1141\" target=\"_blank\">Leben und Sterben des Hans H\u00f6lzel<\/a><br>Text &amp; Bilder: Arnulf R\u00f6dler<br>96 Seiten in Farbe, Hardcover, Querformat<br>Knesebeck Verlag<br>22 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-95728-701-4<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=https%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D11088\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=11088\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Falco (Knesebeck) &raquo; Comicleser #Arnulf R\u00f6dler #Biografie #Comic-Biografie #Einzelband #Falc [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dominikanische Republik, 06. 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