{"id":9453,"date":"2021-05-28T12:20:39","date_gmt":"2021-05-28T10:20:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=9453"},"modified":"2021-05-28T12:20:39","modified_gmt":"2021-05-28T10:20:39","slug":"ludwig-ii-muenchenverlag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=9453","title":{"rendered":"Ludwig II. (M\u00fcnchenVerlag)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"289\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Ludwig-II_WEB.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9454\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Ludwig-II_WEB.jpg 289w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Ludwig-II_WEB-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchen im M\u00e4rz des Jahres 1864: nach dem unerwarteten Tod des Vaters besteigt der erst 18j\u00e4hrige Ludwig mit dem klingenden Titel \u201evon Gottes Gnaden K\u00f6nig von Bayern, Pfalzgraf bey Rhein, Herzog von Bayern, Franken und in Schwaben\u201c den Thron des bajuwarischen K\u00f6nigreichs. So richtig wohl f\u00fchlt sich der junge Mann mit der neuen Rolle nicht, ist er doch viel mehr den K\u00fcnsten und der Baukunst zugetan als der Realpolitik. Aber es nutzt alles nichts, er ist der regul\u00e4re Thronfolger, der alsbald von seinen Kabinettsministern wie Ludwig von der Pfordten umringt und zunehmend kritisch be\u00e4ugt wird. Formell erf\u00fcllt Ludwig seine Regierungspflichten durchaus gewissenhaft, aber sein Herz h\u00e4ngt an Einzelpersonen wie seinem Fl\u00fcgeladjutant Paul von Thurn und Taxis, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft (aus der nach seinen W\u00fcnschen wohl auch mehr werden k\u00f6nnte) verbindet. Besonders aber schw\u00e4rmt der junge K\u00f6nig f\u00fcr den Komponisten Richard Wagner, der verschuldet bis \u00fcber die Ohren auf der Flucht vor seinen Gl\u00e4ubigern eine wilde Reise durch Europa hinter sich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig macht den durchaus nicht unstrittigen K\u00fcnstler ausfindig und holt ihn 1864 nach M\u00fcnchen, wo er ihn fortan tat- und finanzkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt, auch wenn er mit der offen antisemitischen Haltung Wagners nicht \u00fcbereinstimmt. Als die \u00d6ffentlichkeit zunehmend gegen die finanziellen Zuwendungen Ludwigs aufbegehrt, schickt er Wagner schweren Herzens in die Schweiz, wo er in Tribschen ein Haus bezieht (f\u00fcr das Ludwig selbstverst\u00e4ndlich die Miete zahlt). Am politischen Himmel ziehen finstere Wolken auf, als sich 1866 ein deutsch-deutscher Krieg zwischen dem zunehmend erstarkten <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3760\" data-type=\"post\" data-id=\"3760\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Preu\u00dfen<\/a> und \u00d6sterreich anbahnt. \u00d6sterreich fordert die vertraglich zugesicherte Loyalit\u00e4t ein, aber dem Romantiker Ludwig ist dies zuwider, er m\u00f6chte am liebsten neutral bleiben oder gleich abdanken, wovon ihn Wagner und Thurn und Taxis mit M\u00fche wieder abbringen. Auch wenn der preu\u00dfische Sieg f\u00fcr Bayern ohne ma\u00dfgebliche Blessuren abl\u00e4uft, gilt Ludwig dennoch als Zauderer, der nicht tatkr\u00e4ftig handeln kann (obwohl der desolate Zustand der bayrischen Armee nicht zuletzt auch auf die Einsparungen unter der Regentschaft seines Vaters zur\u00fcckgeht).<\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig zieht sich zunehmend zur\u00fcck, konzentriert sich auf das k\u00fcnstlerische Schaffen seines Prot\u00e9g\u00e9s Wagner und verliert sich zunehmend in einer Scheinwelt, die der Realit\u00e4t der konstitutionellen Monarchie entfliehen will. Als Thurn und Taxis eine Beziehung zu einer Theaterschauspielerin eingeht und von seinem Vater fallen gelassen wird, verlobt sich Ludwig aus einem Impuls heraus mit der Herzogin Sophie Charlotte, sagt die Hochzeit aber letztlich wieder ab, was als gesellschaftlicher Affront gilt. 1870 muss er erneut einen Befehl zur allgemeinen Mobilmachung unterschreiben, als Preu\u00dfen gegen Frankreich zieht. Der rasche Sieg f\u00fchrt zum ber\u00fchmten \u201eKaiserbrief\u201c, in dem Ludwig, von seinem alten Bekannten Bismarck diktiert, Wilhelm I. die deutsche Kaiserkrone antragen muss, was das endg\u00fcltige Aus f\u00fcr die bayrische Unabh\u00e4ngigkeit bedeutet. Mittlerweile zutiefst desillusioniert, gibt sich der zunehmend isolierte Ludwig vollends seinen Bauprojekten hin, die mit Prachtschl\u00f6ssern wie Linderhof oder Neuschwanstein seine Schulden in schwindelerregende H\u00f6hen treiben\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kini! M\u00e4rchenk\u00f6nig, Mondk\u00f6nig, Sagengestalt, liebstes Kind <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5945\" data-type=\"post\" data-id=\"5945\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">der Bayern<\/a>. Wer schon einmal den Starnberger See, zu Ludwigs Zeiten noch W\u00fcrmsee genannt (wie ihn die traditionsbewussten Anrainer auch heute noch bezeichnen), mit dem Radl umrundet hat \u2013 und das sei hier w\u00e4rmstens empfohlen -, der kommt gar nicht an dem gro\u00dfen Kreuz ein paar Meter vor dem Ufer vorbei, das die Stelle markiert, an der Ludwig II gemeinsam mit seinem Arzt Dr. Gudden in der Nacht des 13. Juni 1886 unter bis heute nicht ganz gekl\u00e4rten Umst\u00e4nden ums Leben kam. Da war der Mondk\u00f6nig, so benannt nach seinen zunehmend des Nachts stattfinden Kutsch- und Schlittenfahrten, schon l\u00e4ngst entm\u00fcndigt und vollends gedem\u00fctigt. Die wahrscheinlichste Version der Geschichte ist wohl, dass Ludwig Selbstmord beging und den Arzt, der ihn daran hindert wollte, in einem Handgemenge so schwer verletzte, dass auch dieser ertrank.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon zu Lebzeiten umwehte den K\u00f6nig wider Willen, der sich gegen Ende seines Lebens vollkommen isolierte, ein magischer Hauch, der durch diesen Tod noch befeuert wurde. Seine verschwenderischen Bauprojekte ruinierten ihn zwar, brachten der bayrischen Schl\u00f6sser- und Seenverwaltung aber die bis heute reichhaltigsten Einnahmequellen. Auch <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=8049\" data-type=\"post\" data-id=\"8049\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Walt Disney<\/a> lie\u00df sich vor allem von Ludwigs Bauten, allen voran Neuschwanstein, zu seinen Phantasiewelten in \u201eSnow White and the Seven Dwarfs\u201c, \u201eCinderella\u201c und \u201eSleeping Beauty\u201c inspirieren \u2013 bis hin zum Logo seiner Produktionsfirma, in der die Silhouette des Schlosses verewigt wurde (hierauf weist auch die durchaus fachkundige und scharfsinnige Einleitung zu diesem Band hin, die von einem gewissen Peter Gauweiler stammt). Ludwigs Wagner-Begeisterung verdankt die Musikwelt nicht nur Werke wie den Ring des Nibelungen, sondern auch die legend\u00e4re Spielst\u00e4tte in Bayreuth \u2013 auch wenn Ludwigs Begeisterung ihn zweifelsohne blind machte f\u00fcr die Absonderlichkeiten des Komponisten, der sich durch reaktion\u00e4re Politik und au\u00dfereheliche Aktivit\u00e4ten mit seiner sp\u00e4teren Frau Cosima zutiefst unbeliebt machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen bunten Reigen, den schon Filmschaffende wie Luchino Visconti 1972 oder Helmut K\u00e4utner 1954 in optischen Biografien umsetzten, gestaltet der Graphiker und Graphic Novel Autor Wolfgang Keller in dieser ersten umf\u00e4nglichen Bildgeschichten-Fassung genauso, wie es die Kunst tun muss: die dunklen Stellen werden mit kreativer Freiheit aufgef\u00fcllt, fiktive Figuren eingef\u00fchrt (wie etwa der Abk\u00f6mmling eines Vertrauten von Paul von Thurn und Taxis, der im Jahr 2021 einer jungen Studentin seine Version der Geschichte erz\u00e4hlt), Dialoge so gestaltet, wie sie sich h\u00e4tten zutragen k\u00f6nnen. Keller gestaltet Ludwig dabei vielschichtig: \u00fcberrannt von einem Schicksal, das er sich nicht ausgesucht hat, Halt suchend bei Freunden und schlie\u00dflich der Eigensucht eines Wagner erliegend, der seine Freundschaft zu Paul zerst\u00f6rt. Nur sehr dezent spielt Keller dabei auf die Homosexualit\u00e4t seines Protagonisten an, die hinter der Kunstsinnigkeit des K\u00f6nigs deutlich zur\u00fccktritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Bauwahn der sp\u00e4ten Jahre, den die moderne Psychologie als suchthaften Zustand diagnostiziert hat, zeichnet auch Keller als zwanghafte Realit\u00e4tsflucht, ohne die kulturelle Leistung zu verschweigen. So entsteht ein facettenreiches, mehrdimensionales Bild einer schillernden Figur, was sich auch in der optischen Gestaltung niederschl\u00e4gt: stilisiert, simplifiziert, fast schon zum expressionistischen Duktus neigend folgt Keller dem vorangestellten Motto von Paul Klee, demzufolge die Kunst nicht das Sichtbare wiedergibt, sondern sichtbar macht. Nicht platter Realismus also, sondern suggestive, emotionale Gestaltung \u2013 ganz im Sinne einer Figur, f\u00fcr die die Kunst der Realit\u00e4t deutlich \u00fcberlegen war. Ein mehr als gelungener Wurf, der \u2013 sch\u00f6n eingerichtet beim M\u00fcnchenVerlag aus dem Hause Langen M\u00fcller &#8211; weit \u00fcber reines <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=8661\" data-type=\"post\" data-id=\"8661\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Lokalkolorit<\/a> hinaus eine Interpretation eines bayrischen Mythos und seiner Wirkung zeichnet, die bis heute anh\u00e4lt. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.muenchenverlag.de\/catalog\/product\/view\/id\/11048\/s\/ludwig-ii\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.muenchenverlag.de\/catalog\/product\/view\/id\/11048\/s\/ludwig-ii\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ludwig II. &#8211; Ein Mythos in Bildern<\/a><br>Text &amp; Bilder: Wolfgang Keller<br>96 Seiten in Farbe, Hardcover<br>M\u00fcnchenVerlag<br>20 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-7630-4062-9<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D9453\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=9453\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Ludwig II. 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