{"id":8661,"date":"2020-07-08T12:26:38","date_gmt":"2020-07-08T10:26:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=8661"},"modified":"2020-07-08T12:27:05","modified_gmt":"2020-07-08T10:27:05","slug":"vatermilch-band-1-carlsen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=8661","title":{"rendered":"Vatermilch, Band 1 (Carlsen)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"281\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Vatermilch-1_WEB.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8662\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Vatermilch-1_WEB.jpg 281w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Vatermilch-1_WEB-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchen, irgendwann 2005: der Comic-K\u00fcnstler in spe Victor trifft seinen Vater Rufus Himmelstoss. Lange hat er ihn nicht gesehen, genauer gesagt nicht seit Jahrzehnten, da der Herr Papa 1975 urpl\u00f6tzlich sang- und klanglos aus dem Leben der Familie verschwand. Zur Rede stellen kann Victor seinen Vater nicht mehr, immerhin ist er tot, aber das muss auch gar nicht sein: Victor hat vor einigen Tagen endlich erfahren, was sich in jener Zeit zutrug. Ganz gro\u00df ist sein Vater in den 70ern im Gesch\u00e4ft, er macht in Markisen und ist der K\u00f6nig der M\u00fcnchner Provinz und Vororte: an einem guten Tag bereist er schon mal Olching, Neugermering, Puchheim und Gr\u00e4felfing und verkauft dabei zw\u00f6lf Gelenk-Markisen \u2013 ganz davon zu schweigen, dass er die jeweilige Dame des Hauses als Dreingabe begl\u00fcckt. Eigentlich m\u00fcsste der gute Herr Himmelstoss also ein gemachter Mann sein, aber er gef\u00e4llt sich so sehr in der Rolle des Bohemi\u00e8ns, dass er alles Geld verspielt und vers\u00e4uft. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu leiden haben darunter auch seine Frau Helga und sein Sohn Victor, die er str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt und mit immer absurderen Geschichten \u00fcber angeblich anstehenden Geldsegen abspeist. So tingelt er weiter durchs M\u00fcnchner Nachtleben, bis er im Szene-Nachtclub <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1588\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"\u201eYellow Submarine\u201c (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">\u201eYellow Submarine\u201c<\/a> mit seinem Chef aneinanderger\u00e4t, der ihn auf der Stelle feuert. Sturzbesoffen setzt sich Rufus in seinen Flitzer und baut im Rausch einen Unfall, bei dem er als einziger \u00fcberlebt, aber nur vage Erinnerungsfetzen hat. Er schafft sein Auto in einer Schrottpresse beiseite und wird zu Hause vor vollendete Tatsachen gestellt: Helga hat endg\u00fcltig die Schnauze voll und l\u00e4sst ihn gar nicht mehr erst in die Wohnung. So landet der ehemalige Dandy auf der Stra\u00dfe, wo er in der Sendlinger Stra\u00dfe bettelt, billigen Enzian s\u00e4uft und manchmal sehns\u00fcchtig vor seiner alten Wohnung steht, immer die Frage im verschwimmenden Geist, wie zur H\u00f6lle er dies alles buchst\u00e4blich verspielen konnte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick wirkt diese turbulente Vision eines Niedergangs aus der Feder von Hector Umbra-Sch\u00f6pfer <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5737\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Uli Oesterle (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Uli Oesterle<\/a> wie ein dunkles Zerrbild der M\u00fcnchner G\u2019schichten \u2013 so wie dort der \u201eTscharlie\u201c immer neue Hirngespinste entwickelt, immer auf der Suche nach der \u201eRiesensach\u201c, die ihm m\u00fchelos Reichtum bescheren soll \u2013 nat\u00fcrlich mit dem wahnsinnigen Stich bei Frauen inklusive. Und auch der andere gro\u00dfe M\u00fcnchner Lebensk\u00fcnstler schaut vorbei: immerhin landet auch Franz M\u00fcnchinger alias Monaco Franze am Ende ganz unten in der Gosse (wo in sein Spatzl nat\u00fcrlich rettet). Dazu passt das wunderbare <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=7912\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"M\u00fcnchner (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">M\u00fcnchner<\/a> Lokalkolorit, von dem ja auch Hector Umbra zehrt: der Weg des Lebensmanns Rufus f\u00fchrt durch alle Hotspots der 70er, vom \u201eYellow Submarine\u201c, wo ihm doch tats\u00e4chlich ein Schnauzbarttr\u00e4ger mit Namen Freddie in Begleitung einer drallen Muse Barbara englisch vergeblich ins Gewissen redet, bis in die Kneipe nebenan. Sp\u00e4ter, als er schon obdachlos ist, stellt Rufus sich vors Nobelrestaurant Tantris (\u201eKir Royal\u201c, Folge 1, erste Einstellung: eine Tantris-Rechnung, die Baby als Spesen einreicht), in der irrigen Annahme, an Silvester w\u00fcrde ihm einer der Schn\u00f6selg\u00e4ste vielleicht ein paar Mark zuwerfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass Oesterle allerdings\nhier nicht nur eine moderne Irrfahrt, wie der Titel suggeriert, entwirft, zeigt\nsich schon darin, dass immer wieder die Gegenwart (zumindest das Jahr 2005)\neingestreut ist, in dem der mittlerweile erwachsene Victor die Fehler seines\nVaters fast schon schicksalhaft wiederholt: auf der Suche nach Ruhe zur\nKreation seiner gro\u00dfen Graphic Novel flieht er (gemeinsam mit einer wohl\neingebildeten Wahnfigur) in ein Atelier, anstelle sich um Frau und Kind zu\nk\u00fcmmern. Saufen tut er genauso wie sein Vater, landet auch mal in der Ausn\u00fcchterungszelle\nund vergeigt den Familienausflug nach S\u00fcdtirol \u2013 der Apfel f\u00e4llt eben nicht\nweit vom Stamm. Diese Episoden sind schon farblich differenziert in blau\nangelegt, w\u00e4hrend die 70er-Szenen in schwarz wei\u00df gehalten sind \u2013 mit Ausnahme\ndes schicksalhaften Orange des Wagens, den Rufus im Suff rammt. Auch sonst\ndominiert der typische Oesterle-Strich: leicht abstrahiert, cartoonhaft, immer\natmosph\u00e4risch. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kommt eben der\nzweite Blick, im Nachwort, als man erf\u00e4hrt, dass diese Geschichte keinesfalls\nerfunden ist. Nein, Oesterle arbeitet darin sein eigenes Schicksal auf: der\nVater, seines Zeichens Markisenverk\u00e4ufer, lie\u00df die Familie 1973 ebenso sitzen\nund verschwand spurlos \u2013 erst 2010 erfuhr Oesterle aus einem Brief, dass der\nVater verstorben sei, nach Jahren als Alkoholiker, die ihn gezeichnet hatten.\nSo erfuhr Oesterle auch, dass sein Vater am Korsakow-Syndrom litt, einer\nBewusstseinsst\u00f6rung, die durch Alkoholismus hervorgerufen wird: die Welt\nbeginnt zunehmend zu verschwimmen, und die L\u00fccken f\u00fcllt der Betroffene mit frei\nerfundenen Dingen. Diese zunehmende geistige Verwirrung kennzeichnet auch den\nalso gar nicht so fiktiven Himmelstoss: immer weiter entfernt er sich von der\nRealit\u00e4t und gleitet ab in einen rauschhaften Sumpf. Wie das Ganze noch weitergehen\nsoll, mit der entfremdeten Familie und einem Himmelstoss, der auf den Eisbach\nblickt und sich wohl hineinst\u00fcrzen will, das hoffen wir in Teil 2 zu erfahren.\nUnd \u00fcbrigens: der Name ist gar nicht so entlegen, wie es scheint. Himmelstoss\nhei\u00dft schon der sadistische Unteroffizier in Remarques \u201eIm Westen nichts\nNeues\u201c. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Vatermilch, Band 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.carlsen.de\/hardcover\/vatermilch-die-irrfahrten-des-rufus-himmelstoss-vatermilch-1\/83033#\" target=\"_blank\">Vatermilch, Buch 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss<\/a><br>Text &amp; Bilder: Uli Oesterle <br>128 Seiten in Farbe, Hardcover <br>Carlsen Verlag <br>20 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-551-71158-8<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D8661\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=8661\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Vatermilch, Band 1 (Carlsen) &raquo; Comicleser #Carlsen #Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss #Gr [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fcnchen, irgendwann 2005: der Comic-K\u00fcnstler in spe Victor trifft seinen Vater Rufus Himmelstoss. 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