{"id":6665,"date":"2018-04-10T12:08:33","date_gmt":"2018-04-10T10:08:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=6665"},"modified":"2018-04-10T12:19:24","modified_gmt":"2018-04-10T10:19:24","slug":"herz-der-finsternis-hinstorff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=6665","title":{"rendered":"Herz der Finsternis (Hinstorff)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6666\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Herz-der-Finsternis.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Herz-der-Finsternis.jpg 283w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Herz-der-Finsternis-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><\/p>\n<p>Belgischer Kongo, Ende des 19. Jahrhunderts: den abgeh\u00e4rteten Kapit\u00e4n Marlow zieht es in d\u00fcsterer Gem\u00fctslage in den noch in weiten Teilen unerforschten Kontinent. In einem gottverlassenen Au\u00dfenposten der Anglo-Belgian India Rubber Company nimmt er daher einen dubiosen Auftrag entgegen: seit geraumer Zeit ist der Kontakt zu einem der erfolgreichsten Elfenbein-Agenten abgerissen. Kurtz, so der Name des sagenumwobenen wei\u00dfen Eroberers, sendet zwar nach wie vor Unmengen des wei\u00dfen Goldes in Richtung Zivilisation \u2013 aber man munkelt, seine \u201eMethoden\u201c seien unorthodox, ja abgr\u00fcndig geworden. Marlow macht sich in einem wackligen Kahn mit einer zusammengew\u00fcrfelten Mannschaft auf die Reise immer weiter den schwarzen Flu\u00df Kongo hinauf und trotzt dabei Natur und Angriffen von Eingeborenen aus dem Dschungel. Als er tats\u00e4chlich den Au\u00dfenposten erreicht, er\u00f6ffnet sich ihm ein apokalyptisches Bild: Kurtz regiert gottgleich in einer Schreckensherrschaft, die auch Marlow direkt in das Herz der Finsternis blicken l\u00e4sst\u2026<\/p>\n<p>Joseph Conrads epochale Novelle aus dem Jahr 1899 nur als <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1094\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kolonialismus-Kritik<\/a> zu verstehen, kratzt noch nicht einmal an der Oberfl\u00e4che. Nat\u00fcrlich geht es dem Polen Conrad, der jahrelang zur See fuhr, bevor er Englisch erlernte und zu einem der wortgewaltigsten Romanciers seiner Zeit avancierte, um eine Blo\u00dfstellung der Zust\u00e4nde in Belgisch Kongo, jener \u201ePrivatkolonie\u201c des belgischen K\u00f6nigs Leopold II., die Conrad selbst 1890 auf einer Schiffsfahrt auf dem Kongo erfahren musste. Gnadenlose, unverhohlen kommerziell motivierte Ausbeutung erlebt auch Conrads Alter Ego Marlow an jeder Stelle seiner Reise: die Eingeborenen vegetieren als Sklaven dahin, ihre Bodensch\u00e4tze und Rohstoffe werden ihnen wie selbstverst\u00e4ndlich entrissen \u2013 man hat Conrad vorgeworfen, er selbst beschreibe die Eingeborenen traditionell, als Wilde, aber diese Kritik ist verfehlt: fremdartig erscheinen sie vielmehr, die teilweise kannibalischen Z\u00fcgen fr\u00f6nenden Ureinwohner, aber Marlow selbst ertappt sich bei dem Gedanken, dass es sich nicht um Tiere, sondern um Menschen handelt. So weit, so gut gemeint, gegen den damaligen Kolonialismus-Diskurs eines Rudyard Kipling (\u201eEast is East and West is West, and never the twayn shall meet\u201c) und ganz im Sinne eines George Orwell in \u201eBurmese Days\u201c.<\/p>\n<p>Kurtz ist in seinem Au\u00dfenposten seinem Machtrausch verfallen: einst mit hehren Zielen, poetischer Kraft und vision\u00e4ren Ideen eines zumindest v\u00e4terlichen Zusammenlebens gesegnet (\u201eby the simple exercise of our will, we can exert a power for good practically unbounded\u201c), hat er quer \u00fcber seine Aufzeichnungen gekritzelt: \u201eExterminate all the brutes!\u201c Offenbar haben die f\u00fcrchterlichen Dinge, die er im Dschungel erblickt, \u201eseine Seele verr\u00fcckt gemacht\u201c, wie es Marlow beschreibt: aber hier nur die Binsenweisheit hineinzulesen, dass Kolonialismus und Gier entmenschlicht, kann den nachhaltigen Einfluss dieser Erz\u00e4hlung wohl kaum erkl\u00e4ren. Vielmehr nutzt Conrad die Folie des Kolonialismus f\u00fcr eine Erforschung der moralischen Unbehaustheit des modernen Menschen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert: das Herz der Finsternis ist das eigene Herz, in das auch Marlow hineinsieht, ebenso wie <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=6537\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Reise entlang des Flusses<\/a> nichts anderes ist als eine Reise ins eigene Bewusstsein.<\/p>\n<p>Kurtz hat sich vollkommen von allen ethischen Bindungen gel\u00f6st und so die vollst\u00e4ndige Freiheit ganz im existenzialistischen Sinne errungen: \u201ethe man had kicked himself loose of the earth!\u201c, wie Marlow feststellen muss. So wird er zu dem, was T.S. Eliot Jahre sp\u00e4ter als die wertelosen, inhaltsleeren, eben \u201eHollow Men\u201c bezeichnete \u2013 nicht umsonst ist diesem Signatur-Gedicht der Moderne ein Zitat aus Conrads Novelle vorangestellt: \u201eMistah Kurtz \u2013 he dead\u201c, so die lapidare Aussage eines Eingeborenen, die hier zum Motto erhoben wird. Kurtz hat sich selbst zum Gott stilisiert und scheitert letztlich an dem Fehlen jeglicher moralischer Koordinaten \u2013 letztlich bleibt ihm nur seine finale Erkenntnis \u00fcber die menschliche Natur: \u201eThe horror! The horror!\u201c (in letzter Konsequenz wird auch Marlowe in die Dunkelheit gesogen: zu Hause in London verheimlicht er der Verlobten von Kurtz dessen Ende und behauptet, seine letzten Worte h\u00e4tten ihr gegolten \u2013 eine gn\u00e4dige L\u00fcge, die die Realit\u00e4t nur unzul\u00e4nglich verdr\u00e4ngt).<\/p>\n<p>Die moderne Welt, in der bei T.S. Eliot die anonymen Massen durch das \u201eWaste Land\u201c wanken, darbt und wartet auf die Erl\u00f6sung durch einen Mythos, einen Fischerk\u00f6nig aus der <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5017\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grals-Saga<\/a> wie bei Eliot &#8211; oder eine Apocalypse wie bei Francis Ford Coppola, der die Zeitlosigkeit von Conrads Novelle klar erkannte und das Geschehen daher m\u00fchelos in das ultimative Dehumanisierungs-Szenario des Vietnam-Kriegs \u00fcbertragen konnte (wobei im Gegensatz zur g\u00e4ngigen Deutung, dass Marlon Brando als Kurtz in der Schluss-Sequenz nur Unfug faselt, vielmehr durch Referenzen auf T.S. Eliot eben genau jene Br\u00fccke geschlagen wird).<\/p>\n<p>In seiner Textadaption f\u00fcr diese Graphic Novel fokussiert sich David Zane Mairowitz vielleicht ein wenig zu stark auf den historischen Kontext: das Geschehen ist auch durch Zitate aus Conrads Reise-Tagebuch von 1890 klar verortet und deutet somit kaum \u00fcber sich hinaus, wie auch das Vorwort den Aspekt der Kolonialismus-Kritik betont und somit einen zweifelsohne wichtigen, aber nicht elementaren Bestandteil in den Mittelpunkt r\u00fcckt. In diesem Kontext konzentriert sich Mairowitz allerdings auf die zentralen Szenen und skizziert Kurtz Weg in den Wahnsinn durchaus treffend. Kongenial dagegen ist die optische Gestaltung durch Catherine Anyango, die die Geschehnisse alptraumhaft, teilweise wie Visionen inszeniert, in durchg\u00e4ngig d\u00fcsterem Duktus, der oft wie Kohlezeichnungen oder Radierungen wirkt. Insbesondere die unwirklichen Szenen im Dschungel oder das anf\u00e4nglich-symbolische Tableau eines Kriegsschiffs, das blind ins Dickicht feuert, werden damit beklemmend eingefangen. Somit eine legitime, optisch beeindruckende Umsetzung eines Werks, das in seinen Einsichten \u00fcber die moderne conditio humana nichts von seiner Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft hat. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hinstorff.de\/graphic-novel\/697\/herz-der-finsternis-9783356021721.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Herz der Finsternis<\/a><br \/>\nText: David Zane Mairowitz, nach Joseph Conrad<br \/>\nBilder: Catherine Anyango<br \/>\n128 Seiten in Schwarz-Wei\u00df, Softcover, Buchformat<br \/>\nHinstorff Verlag<br \/>\n18 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-356-02172-1<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D6665\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=6665\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Herz der Finsternis (Hinstorff) &raquo; Comicleser #Catherine Anyango #David Zane Mairowitz #Graph [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belgischer Kongo, Ende des 19. 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