{"id":5803,"date":"2017-08-24T12:08:50","date_gmt":"2017-08-24T10:08:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5803"},"modified":"2017-08-24T12:10:25","modified_gmt":"2017-08-24T10:10:25","slug":"poison-city-band-1-carlsen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5803","title":{"rendered":"Poison City, Band 1 (Carlsen)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-5804\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Poison-City-1.jpg\" alt=\"\" width=\"285\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Poison-City-1.jpg 285w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Poison-City-1-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 285px) 100vw, 285px\" \/><\/p>\n<p>Mangaka Mikio Hibino kann es kaum fassen. Nach reihenweise Ablehnungen schafft er es tats\u00e4chlich, Tadamine Higa, Redakteur des Manga-Heftes \u201eYoung Junk\u201c, zu begeistern: Higa will seine Horror-Serie \u201eDark Walker\u201c ins Magazin aufnehmen. Entz\u00fcckt eilt Mikio nach Hause und wird dort Zeuge einer geisterhaften Szene: ein aufgebrachter Mob, der sich \u201eS\u00e4uberungsfront\u201c nennt, demoliert eine Statue, die man offenkundig f\u00fcr unz\u00fcchtig h\u00e4lt. Bald zieht sich dieses Netz der angeblich moralischen Emp\u00f6rung immer enger: ein hochkar\u00e4tig besetzter Kulturausschuss legt seine Kompetenzen zur Umsetzung des \u201eSchriftenbereinigungsgesetzes\u201c drakonisch aus und setzt immer mehr Mangas auf schwarze Listen. Alles, was auch nur ansatzweise Gewalt, Erotik oder andere angebliche jugendgef\u00e4hrdende Z\u00fcge aufweist, wird als \u201ekritisch\u201c oder gleich \u201esch\u00e4dlich\u201c eingestuft und darf nur noch unter dem Ladentisch verkauft werden, was letztlich das kommerzielle Aus bedeutet. Auch \u201eYoung Junk\u201c wird bald von der Zensur erfasst, woraufhin Higa seinen jungen K\u00fcnstler auffordert, deutliche \u00c4nderungen an seinem Projekt anzubringen.<\/p>\n<p>Aber es ist schon zu sp\u00e4t: die erste Nummer von \u201eDark Walker\u201c ist kaum erschienen, da bekommt der Verlag einen Brief des ehemaligen Kultusministers Osamu Furudera, mittlerweile Kopf des Kulturausschusses, der sich \u00fcber die angeblich menschenverachtende Darstellung emp\u00f6rt. Der Verlag reagiert prompt und zieht alle Nummern aus dem Handel zur\u00fcck. Hibino ist am Boden zerst\u00f6rt und besucht den <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=739\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">legend\u00e4ren Mangaka<\/a> Shingo Matsumoto, dessen Geschichte auch im eingestampften Heft enthalten war. Er trifft einen desillusionierten, manipulierten Ex-K\u00fcnstler, der sich dem System unterworfen hat: alle Mangas werden nur noch von Autorenteams verfasst, um ja keine kreative Ausw\u00fcchse zuzulassen; Matsumoto paust nur noch Fotos von realen Personen ab, um auch in der Darstellung kein Risiko einzugehen. F\u00fcr Hibino scheint es allerdings in Form einer Internet-Ver\u00f6ffentlichung vielleicht noch Rettung zu geben \u2013 und in Form des US-Verlegers Alfred Brown, der \u201eDark Walker\u201c f\u00fcr sein Kamikaze-Manga-Magazin \u00fcbersetzen und herausbringen will\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_5806\" style=\"width: 264px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5806\" class=\"size-full wp-image-5806\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Poison-City-1_Panel.jpg\" alt=\"\" width=\"254\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Poison-City-1_Panel.jpg 254w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Poison-City-1_Panel-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 254px) 100vw, 254px\" \/><p id=\"caption-attachment-5806\" class=\"wp-caption-text\">Ein ratloser Hibino<\/p><\/div>\n<p>Tetsuya Tsutsui packt hier das ebenso brandhei\u00dfe wie uralte Thema Kunst versus Zensur an. Die Frage, ob Kunst oder auch popul\u00e4re Kultur f\u00fcr gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich sind oder sie nur spiegeln, besch\u00e4ftigt Sozialwissenschaftler, Journaille, Politik und die breite \u00d6ffentlichkeit seit Jahrhunderten. Kaum geschieht eine Gr\u00e4ueltat, wird umgehend nach Hinweisen auf Horrorfilme\/comics, Ballerspiele und gerne auch <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1993\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heavy Metal<\/a> gesucht, da diese geschmacklichen Verirrungen als probate Erkl\u00e4rung f\u00fcr Entgleisungen aller Art herhalten m\u00fcssen. Umgekehrt muss aber auch die Frage erlaubt sein, ob unter dem Deckmantel der k\u00fcnstlerischen Freiheit wirklich alles erlaubt sein muss und etwa makabre Ausstellungen von konservierten K\u00f6rperteilen mehr sind als nur sensationalistische Effekt- und Eintrittsgeld-Hascherei. Tsutsui darf man hierbei durchaus als gebranntes Kind bezeichnen, der die hier dargestellte Zensur am eigenen Leibe erfahren hat: sein Manga \u201eManhole\u201c wurde von der Pr\u00e4fektur Nagasaki schon 2009 ohne sein Wissen als jugendgef\u00e4hrdend eingestuft und aus dem Handel genommen. Erst 2013 erfuhr Tsutsui von der Indizierung, die im Rahmen einer bestenfalls kursorischen Bewertung durch eine \u201eKommission f\u00fcr Erziehung und Schutz Minderj\u00e4hriger\u201c erfolgt war und auf teilweise vollkommen unverst\u00e4ndlichen Bewertungen harmloser Szenen beruhte.<\/p>\n<p>So scheint seine <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1458\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vision eines Tokyos<\/a> im Jahr 2020, das sich auf die bevorstehenden olympischen Spiele vorbereitet, nicht so entlegen, wie dies im ersten Moment vielleicht aussieht: nicht umsonst verweist Alfred Brown den jungen Hibino auf den Comics Code, die freiwillige Selbstzensur, die durch Fredric Werthams pseudowissenschaftliche Hetzschrift \u201eSeduction Of The Innocent\u201c von 1954 ausgel\u00f6st wurde. Werthams Kernthese \u2013 Comics verherrlichen Gewalt und f\u00fchren so zur Verrohung der Jugend \u2013 st\u00fcrzte die gesamte US-Comicindustrie Mitte der 50er Jahre in eine schwere Krise, ganze Sammlungen wurden \u00f6ffentlich verbrannt, jegliche Darstellung von Verbrechen, Erotik oder Gewalt war auf Jahrzehnte verp\u00f6nt. Stellvertretend f\u00fcr diese Entwicklung steht das Schicksal des Mangaka Matsumoto: einst ein gefeierter Star mit sozialkritischen Anliegen, hat er sich vollst\u00e4ndig an den bigotten Puritanismus angepasst und bezeichnet sich folgerichtigerweise nur noch als Inker, der mit seiner industriellen Produktionsweise Geld verdient.<\/p>\n<p>Die Rahmenhandlung \u2013 das Tokyo des Jahres 2020 bereitet sich auf die Ausrichtung der olympischen Spiele vor \u2013 wirkt dabei ein wenig bem\u00fcht, die Ausf\u00fchrungen des US-Verlegers ein wenig oberlehrerhaft, die Motivation des ex-Kultusministers etwas konstruiert, aber die Integration der Fiktion in der Fiktion \u00fcberzeugt umso mehr: die Handlung von \u201eDark Walker\u201c entfaltet sich teilweise parallel zur eigentlichen Geschichte und dient \u2013 optisch durch eigenes Lettering abgesetzt &#8211; als Referenz und Kommentar auf das Geschehen, wodurch das entsteht, was Shakespeare gerne als \u201eplay within the play\u201c einsetzte. So entsteht ein spannender Denkansto\u00df, dessen Auslegung im Sinne Tsutsuis eindeutig sein d\u00fcrfte (Kampf jeder Zensur!), zu dem sich allerdings durchaus jeder seine Meinung bilden darf \u2013 immerhin darf die Frage gestellt werden, ob in jedem Tatort wirklich heftigerer Tobak enthalten sein muss als in allen Ab 18-Action-Vehikeln der 80er zusammen. Komplexe Gemengelage, gute Aufbereitung \u2013 und einladend f\u00fcr eine differenzierte Betrachtung. Der abschlie\u00dfende Band 2 ist ebenfalls bereits zu haben. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.carlsen.de\/taschenbuch\/poison-city-1\/78513\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Poison City, Band 1<\/a><br \/>\nText &amp; Bilder: Tetsuya Tsutsui<br \/>\n244 Seiten in schwarz-wei\u00df, Taschenbuch<br \/>\nCarlsen Verlag<br \/>\n7,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-551-71477-0<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D5803\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5803\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Poison City, Band 1 (Carlsen) &raquo; Comicleser #Carlsen #Manga #Poison City #Tetsuya Tsutsui\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mangaka Mikio Hibino kann es kaum fassen. 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