{"id":5664,"date":"2017-07-20T12:06:18","date_gmt":"2017-07-20T10:06:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5664"},"modified":"2017-07-20T12:10:38","modified_gmt":"2017-07-20T10:10:38","slug":"h-g-wells-die-zeitmaschine-splitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5664","title":{"rendered":"H.G. Wells: Die Zeitmaschine (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-5666\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/HG-Wells-DIe-Zeitmaschine.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/HG-Wells-DIe-Zeitmaschine.jpg 290w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/HG-Wells-DIe-Zeitmaschine-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/p>\n<p>London, 1895: ein nicht namentlich benannter Wissenschaftler hat seine Freunde zu einer kleinen Demonstration eingeladen. Kurz vorher hatte er dem staunenden Kreise erkl\u00e4rt, neben den bekannten drei Dimensionen L\u00e4nge, Breite und H\u00f6he weise ein Objekt doch zweifellos eine weitere Eigenschaft auf: die Existenz in der Zeit. Diese <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4645\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vierte Dimension<\/a> will der Forscher nun f\u00fcr sich erobert haben \u2013 was er an einem Modell vorf\u00fchrt: er l\u00e4sst eine kleine, futuristische Maschine kurzerhand verschwinden. Das reicht den skeptischen Kollegen nat\u00fcrlich nicht aus, aber damit hat der Zeitreisende gerechnet: er verschwindet kurz im Nebenzimmer und kehrt \u2013 vermeintlich nur Sekunden sp\u00e4ter \u2013 vollkommen derangiert, verdreckt und ausgehungert zur\u00fcck. Den verdutzten Kollegen erkl\u00e4rt er, was ihm in der Zwischenzeit widerfahren ist: er hat die Zeitmaschine nat\u00fcrlich auch in voller Gr\u00f6\u00dfe konstruiert und schwingt sich mit ihr auf in eine fantastische Reise in die Zukunft. Endstation der rasenden Fahrt ist das Jahr 802701, in dem der Zeitreisende unsanft von seinem Gef\u00e4hrt st\u00fcrzt und sich in einer verfallenen Zivilisation wiederfindet.<\/p>\n<p>London ist verschwunden, einige marode Bauwerke, darunter eine <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3121\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sphinx und ein Tempel<\/a>, stehen im Urwald, und selbst die Themse hat ihre Position leicht ge\u00e4ndert. Aber <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4617\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Zeitreisende<\/a> ist nicht alleine: bald trifft er auf die Eloi \u2013 junge, fast kindliche Kreaturen, die ihre Zeit damit zubringen, Fr\u00fcchte zu essen, herumzutollen und zu schlafen. Angst scheint man nur vor der Dunkelheit zu haben, in der seltsame Kreaturen den Urwald durchstreifen. Selbst als eine der Eloi beim Baden zu ertrinken droht, entwickeln ihre Artgenossen keinerlei Aktivit\u00e4t, so dass der Zeitreisende Weena (so hei\u00dft die Dame wohl) retten muss, die ihm seitdem wie ein Scho\u00dfh\u00fcndchen folgt. Nachdem er entsetzt feststellen muss, dass seine Zeitmaschine weggeschafft wurde, geht der Reisende den mysteri\u00f6sen Dingen noch mehr auf den Grund. \u00dcberall in der Landschaft verteilt finden sich Sch\u00e4chte, aus denen L\u00e4rm t\u00f6nt und Abluft str\u00f6mt. Auf dem Weg in diese Unterwelt offenbart sich dann das ganze Grauen: in der Unterwelt hausen die Morlocks, die ihren Herren offenbar einst ein sorgenfreies Leben bereiteten und nun auf n\u00e4chtlichen Raubz\u00fcgen gnadenlose Jagd auf die Eloi machen. Knapp kommt der Zeitreisende davon, aber dann wird Weena von den Morlocks entf\u00fchrt\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_5669\" style=\"width: 408px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5669\" class=\" wp-image-5669\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Zeitmaschine_Seite-8.jpg\" alt=\"\" width=\"398\" height=\"263\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Zeitmaschine_Seite-8.jpg 450w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Zeitmaschine_Seite-8-300x198.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 398px) 100vw, 398px\" \/><p id=\"caption-attachment-5669\" class=\"wp-caption-text\">Da ist das Ding!<\/p><\/div>\n<p>Herbert George Wells gilt zu Recht als Vater der modernen Science Fiction (wobei er sich diesen Titel wohl mit Jules Verne teilen muss) und lieferte Ende des 19. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Klassikern des Genres, von denen das Duo Dobbs und Mathieu Moreau gleich drei nicht in die vierte Dimension, sondern die Welt der Bildgeschichten \u00fcberf\u00fchren. Schon im Erstlingswerk \u201eThe Time Machine\u201c, erschienen 1895, finden sich die Grundelemente, mit denen Wells in fast allen seinen Romanen spielte. Das Science Fiction Gewand dient (anders als bei Verne, bei dem gerne Technikbegeisterung und Optimismus im Vordergrund stehen) dabei oft lediglich als Aufh\u00e4nger, um das zeitgen\u00f6ssische England blo\u00dfzustellen und bei\u00dfende Kritik zu \u00fcben. Ganz in der Tradition der englischen Satire vom Schlage eines Jonathan Swift, dessen Gulliver auf seinen vier Reisen verschiedene Aspekte der zeitgen\u00f6ssischen englischen Gesellschaft anprangert, liefert Wells im \u201eKrieg der Welten\u201c z.B. einen vernichtenden Kommentar auf die ruppige Kolonialpolitik des Weltreiches Britannia zu seinen Lebzeiten.<\/p>\n<p>In seiner \u2013 nebenbei nat\u00fcrlich auch spannend zu lesenden \u2013 Zukunftsvision von der Zeitmaschine begr\u00fcndete Wells zus\u00e4tzlich den Prototyp der <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3008\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Antiutopie<\/a> \u2013 dem finster-pessimistischen Blick auf das, was er sp\u00e4ter als things to come bezeichnete. Die Teilung der Gesellschaft in eine dekadente, nichtstuerische Oberschicht und eine verunmenschlichte, arbeitende Unterschicht beobachtete Wells im England der Industrialisierung als t\u00e4gliche Realit\u00e4t, die er lediglich konsequent \u00fcberspitzt zu Ende dachte: die Eloi, symbolisch an der Oberfl\u00e4che lebend, sind in v\u00f6llige Unf\u00e4higkeit zu verantwortlichem Tun degeneriert, w\u00e4hrend die in den Untergrund gedr\u00e4ngten Morlocks zu wilden Tieren verkommen sind, die seit Jahrhunderten in der Finsternis dahinvegetieren und dem Kannibalismus verfallen sind. In der klassischen Rollenverkehrung von Herr und Diener haben sich die Morlocks zu den Herrschern aufgeschwungen und halten sich die Eloi wie Vieh: der Kapitalismus frisst seine Kinder, so die Botschaft des Sozialisten Wells, wenn er nicht durch soziale Z\u00fcgel geb\u00e4ndigt wird. Passend dabei, dass sich der Zeitreisende selbst mehrfach entsetzt dar\u00fcber \u00e4u\u00dfert, wie es soweit kommen konnte, und das Grauen \u201edieser Utopie\u201c konstatiert.<\/p>\n<div id=\"attachment_5672\" style=\"width: 381px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5672\" class=\" wp-image-5672\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Zeitmaschine-Doppelseite.jpg\" alt=\"\" width=\"371\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Zeitmaschine-Doppelseite.jpg 450w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Zeitmaschine-Doppelseite-300x210.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 371px) 100vw, 371px\" \/><p id=\"caption-attachment-5672\" class=\"wp-caption-text\">Die Reise beginnt&#8230;<\/p><\/div>\n<p>Der Nachhall des Romans zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der popul\u00e4ren Kultur: Thea von Harbou riss sich die Grundidee unter den Nagel und fabrizierte daraus in uns\u00e4glicher Trivialisierung das Handlungsger\u00fcst von Fritz Langs \u201eMetropolis\u201c, wo die Arbeiter ebenso unter der Erde hausen und den Reichen oben ein sch\u00f6nes Leben bescheren, was allerdings durch einen h\u00f6chst dubiosen \u201eMittler\u201c kurzerhand gel\u00f6st wird (ein dreister Diebstahl, der den Filmkritiker Wells derart erboste, dass er 1927 schrieb, Metropolis sei der d\u00fcmmste Film aller Zeiten). Die beiden Verfilmungen des Stoffs, allen voran die George Pal-Fassung von 1960, blenden den sozialkritischen Aspekt weitestgehend aus, liefern daf\u00fcr aber wundervolles Design und schmissige Unterhaltung. Literaturprofi Dobbs schlie\u00dflich, der schon in <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2233\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eScotland Yard\u201c<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3594\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eMister Hyde vs. Frankenstein\u201c<\/a> (beide bei Splitter) sein Gesp\u00fcr f\u00fcr Ikonen der phantastischen Literatur des 19. Jahrhunderts bewiesen hat, bleibt in seiner Handlungsf\u00fchrung recht nah am Roman, wobei einige kleinere Aspekte (im Roman erf\u00e4hrt der Zeitreisende aus einer Aufzeichnung in einer Bibliothek die Hintergr\u00fcnde, hier f\u00e4llt ihm dieses Wissen relativ leicht zu) modifiziert werden.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Handlungsbogen, in dem der Zeitreisende aus dem Jahr 802701 noch weiter in die Zukunft flieht, dort das Ende der Welt sieht und wieder zur\u00fcckkehrt, nur um erneut aufzubrechen, all das ist werkgetreu enthalten \u2013 und um eine kleine Szene klug erg\u00e4nzt, in der wir den Zeitreisenden mit einem Fotoapparat in einem Urweltszenario beobachten, aus dem er nicht zur\u00fcckkehrt. Besonders zu gefallen vermag diese Adaption auch durch ihre zeichnerische Gestaltung, die von Mathieu Moreau liebevoll, in teilweise gro\u00dffl\u00e4chigen Panels umgesetzt ist, in leicht stilisiertem, franko-belgischen Stil, mit kr\u00e4ftigen Farben und vielen Details \u2013 was einen spannenden Vergleich zu <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5059\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thilo Krapps monochromer, ebenso detailfreudiger Fassung des \u201eKrieg der Welten\u201c<\/a> bildet. Wunderbar auch die produktionstechnische Einrichtung des Bandes: wie ein Buch aus der Bibliothek kommt das Album daher, mit Pr\u00e4gedruck und sch\u00f6nen Verzierungen auf dem Umschlag \u2013 als ob man sich gerade eben die Erstausgabe der \u201eTime Machine\u201c aus der British Library geholt h\u00e4tte. Stilecht! Demn\u00e4chst d\u00fcrfen wir uns dann auf Versionen des \u201eKrieg der Welten\u201c (2 B\u00e4nde, ab August), des \u201eUnsichtbaren\u201c (auch 2 B\u00e4nde) und der \u201eInsel des Dr. Moreau\u201c freuen. Fehlt nur noch \u201eThings to Come\u201c, Wells Antwort auf den \u201edeutschen Kuddelmuddel\u201c Metropolis. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/h-g-wells-die-zeitmaschine.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">H.G. Wells: Die Zeitmaschine<\/a><br \/>\nText: Dobbs, nach H.G. Wells<br \/>\nBilder: Mathieu Moreau<br \/>\n56 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n15,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95839-500-8<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D5664\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5664\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"H.G. Wells: Die Zeitmaschine (Splitter) &raquo; Comicleser #Die Zeitmaschine #Dobbs #H.G. Wells #L [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>London, 1895: ein nicht namentlich benannter Wissenschaftler hat seine Freunde zu einer kleinen Demonstration eingeladen. 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