{"id":5059,"date":"2017-02-13T16:03:01","date_gmt":"2017-02-13T14:03:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5059"},"modified":"2021-10-06T12:07:41","modified_gmt":"2021-10-06T10:07:41","slug":"der-krieg-der-welten-egmont","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5059","title":{"rendered":"Der Krieg der Welten (Egmont)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-5060\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Krieg-der-Welten.jpg\" alt=\"\" width=\"287\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Krieg-der-Welten.jpg 287w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Krieg-der-Welten-215x300.jpg 215w\" sizes=\"auto, (max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/><\/p>\n<p>Mars Attacks! Nein, nicht die spa\u00dfige Tim Burton-Persiflage haben wir hier vor uns, sondern das honorige Original, schlichtweg den Prototypen also jeder \u201eInvasion der Au\u00dferirdischen\u201c-Geschichte: mit seinem \u201eWar Of The Worlds\u201c erfand H.G. Wells, der 1895 schon mit der \u201eTime Machine\u201c einen Klassiker der utopischen Literatur geliefert hatte, im Jahr 1898 endg\u00fcltig die moderne Science Fiction. Im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts sieht sich dabei der Philosoph Robert mit nichts anderem konfrontiert als dem Ende der Zivilisation. In einer br\u00fctend hei\u00dfen Sommernacht beobachtet er mit den Astronomen Ogilvy zahlreiche Explosionen <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2300\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">auf dem Mars<\/a>, der gerade in n\u00e4chster N\u00e4he zur Erde steht. Einige Tage sp\u00e4ter schlagen seltsame Zylinder in den Landstrichen nahe <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4009\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">London<\/a> ein, die neugierig betrachtet werden \u2013 bis ein alles zerst\u00f6render Hitzstrahl die Umgebung in Schutt und Asche legt und fast alle Umstehenden t\u00f6tet, darunter auch Ogilvy.<\/p>\n<p>Robert, der seine Frau Emma nach Leatherhead in Sicherheit bringt, beginnt eine halsbrecherische Flucht, immer entlang der Schneise der Verw\u00fcstung, die die Marsianer ziehen: in ihren dreibeinigen Kampfmaschinen bringen sie Tod und Zerst\u00f6rung, verwandeln London in ein Tr\u00fcmmermeer, versenken das anst\u00fcrmende <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1066\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kanonenboot<\/a> \u201eThunder Child\u201c an der K\u00fcste und l\u00f6sen einen Massenexodus aus der Metropole aus, bei dem sich auch Roberts Bruder Henry durchschl\u00e4gt, der auf dem Weg die junge Miss Elphinstone trifft und sie handgreiflich verteidigt. Getrieben von dem Wunsch, zu seiner Frau zur\u00fcckzukehren, durchstreift Robert das \u00f6de Land und trifft dabei auf allerlei wunderliche Gestalten: so etwa einen Kuraten, mit dem er sich tagelang in einem Haus versteckt und den Marsianern nur um Haaresbreite entrinnt, und einen Artilleristen, der ihm seine phantastische Vision von einem R\u00fcckzug der geschlagenen Menschheit unter die Erde berichtet. Vollkommen demoralisiert kehrt Robert schlie\u00dflich ins zerst\u00f6rte London zur\u00fcck und beschlie\u00dft, seinem Leben ein Ende zu machen\u2026<\/p>\n<p>Mit seinem epochemachenden Werk lieferte der Sch\u00f6pfer des modernen Zukunftsromans H.G. Wells wie gewohnt nur an der Oberfl\u00e4che eine spannende, actiongeladene utopische Erz\u00e4hlung, die mit Kampfmaschinen und Hitzstrahlen (heute w\u00fcrde man das wohl Laser nennen) durchaus technische Weitsicht zeigt. Wie schon in der \u201e<a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4617\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zeitmaschine<\/a>\u201c ging es dem Sozialisten Wells vielmehr um die Darstellung gesellschaftlicher und menschlicher Z\u00fcge und Verhaltensweisen in pointierter Form. In der geteilten k\u00fcnftigen Welt der Zeitmaschine, in der die dekadenten Eloi von den unterirdisch schuftenden Morlocks dezimiert werden, steckt eine kaum kaschierte Fortschreibung der sozialen Teilung, wie sie Wells in seiner Gegenwart des industrialisierten England tagt\u00e4glich erlebte. Im \u201eInvisible Man\u201c bietet die Idee des Unsichtbarkeitsserums nur den erz\u00e4hlerischen Aufh\u00e4nger f\u00fcr eine psychopathologische Darstellung der Gewaltt\u00e4tigkeit, die unbegrenzte Macht (symbolisiert in den unsichtbaren und somit unges\u00fchnt bleibenden Taten) unweigerlich ausl\u00f6st \u2013 absolute power corrupts absolutely.<\/p>\n<p>In seiner Geschichte des Weltenkriegs schlie\u00dflich f\u00fchrt Wells unerbittlich vor, wie schnell sich in einer Extremsituation die d\u00fcnne H\u00fclle der Zivilisation aufl\u00f6st und wieder das Recht des St\u00e4rkeren herrscht (hier insbesondere in den Attacken, die Peters Bruder Henry per Revolver abwehrt \u2013 ein Aspekt, den vor allem die Spielberg-Verfilmung des Stoffs akzentuiert herausarbeitet). Vollkommen eindeutig f\u00fcr seine Zeitgenossen kehrt Wells zudem ein weltpolitisches Thema auf den Kopf: w\u00e4hrend seine Landsleute wie Rudyard Kipling noch das hohe Lied des segensreichen englischen Empires sangen, konfrontierte Wells seine Leser mit einer schreckenerregend realen Vision der Opfer eben jenes <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3570\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kolonialismus<\/a>. Gnadenlos wie die britischen Herrscher fallen die Marsianer \u00fcber die Erdlinge her und machen sich ihre Heimat untertan, zu keinem anderen Zweck als radikaler Ausbeutung, die den eigentlich rechtm\u00e4\u00dfigen Bewohnern buchst\u00e4blich das Blut aussaugt. Dass die Marsianer schlie\u00dflich \u2013 Spoiler ahead, aber das geh\u00f6rt zur Allgemeinbildung \u2013 an ganz banalen Bakterien und Viren sterben, gegen die die Menschheit l\u00e4ngst immun ist (was Roland Emmerich in seiner knallbunten Version des Stoffs \u201eIndependence Day\u201c augenzwinkernd zu einem Computervirus werden l\u00e4sst), das spiegelt folgerichtig das Schicksal, das die britischen Invasoren in den Dependancen in \u00dcbersee zuhauf erlitten.<\/p>\n<p>Diese Geschichte, deren mediale Adaptionen ihrerseits zu Klassikern ihres Genres wurden \u2013 1938 erschreckte ein gewisser Orson Welles damit eine ganze Generation von Radioh\u00f6rern, 1953 f\u00fcgte Produzent George Pal eine Kinoversion im typischen 50er-Jahre-Paranoia-Stil hinzu, und auch die musikalische Fassung von Jeff Wayne aus dem Jahr 1978 hat ihre Reize \u2013 wurde bereits mehrfach auch als Comic vorgelegt, nicht zuletzt in Band 2 der \u201e<a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2160\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">League Of Extraordinary Gentlemen<\/a>\u201c, in der <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2517\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alan Moore<\/a> und Kevin O\u2019Neill ihre literarischen Helden direkt in den Krieg der Welten hineinversetzen. Thilo Krapp (der vom Stoff verfolgt wird, seit er als Kind einer Wiederauff\u00fchrung des Welles-H\u00f6rspiels lauschte) bietet in seiner Version eine sehr eng an der Romanvorlage gehaltene Fassung, die alle zentralen Handlungselemente (Landung der Zylinder, erste Attacken, die Zerst\u00f6rung Londons, der Kampf der \u201eThunder Child\u201c, Flucht Roberts und seine Zusammentreffen mit den verschiedenen kuriosen Gestalten) aufnimmt und Dialoge und Erz\u00e4hlerkommentare weitgehend w\u00f6rtlich von Wells \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Zum echten Genuss wird diese Graphic Novel aber insbesondere durch ihre nur noch liebevoll zu bezeichnende Gestaltung: Krapp erschafft eine glaubhafte <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=957\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">viktorianische Welt<\/a>, durchg\u00e4ngig in atmosph\u00e4rischen monochromen Bildern, in denen Details wie Architektur und Ausstattung punktgenau und stilecht erscheinen. Um dieses zeitgen\u00f6ssische Flair zu gew\u00e4hrleisten, durchreiste Krapp S\u00fcdengland und fertigte Skizzen von Fassaden, T\u00fcren, Fenstern und Einrichtungsgegenst\u00e4nden an (die dort seit dem 19. Jahrhundert ja weitgehend unver\u00e4ndert sind, was jeder Leidgepr\u00fcfte wei\u00df, der jemals in einem englischen Haus wohnen musste); zus\u00e4tzlich st\u00fctzte er sich auf Illustrationen der Einrichtungs- und Kunst-Zeitschrift \u201eThe Studio\u201c, die zur Entstehungszeit des Romans in gutb\u00fcrgerlichen Kreisen beliebt war und somit als repr\u00e4sentativer Spiegel des zeitgen\u00f6ssischen Geschmacks dienen konnte.<\/p>\n<p>Abgerundet von gro\u00dfformatigen, teilweise symbolisch \u00fcberh\u00f6hten Zeichnungen, entsteht somit der Eindruck einer reich bebilderten zeitgen\u00f6ssischen Romanausgabe, wie sie bei Autoren wie Wells oder auch Jules Verne an der popul\u00e4ren Tagesordnung waren. Im hochwertigen Hardcover-Format, mit jugendstilhaften Verzierungen und einem Skizzenbuch als Anhang, muss man diese Graphic Novel jedem Freund der phantastischen Literatur w\u00e4rmstens ans utopische Herz legen. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ecc.ehapa-shop.de\/der-krieg-der-welten.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Krieg der Welten <\/a><br \/>\nText &amp; Bilder: Thilo Krapp, nach H.G. Wells<br \/>\n144 Seiten in schwarz-wei\u00df, Hardcover<br \/>\nEgmont Graphic Novel<br \/>\n28 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-7704-5522-5<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D5059\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=5059\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Der Krieg der Welten (Egmont) &raquo; Comicleser #Der Krieg der Welten #Egmont #Ehapa #Graphic Nov [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mars Attacks! Nein, nicht die spa\u00dfige Tim Burton-Persiflage haben wir hier vor uns, sondern das honorige Original, schlichtweg den Prototypen also jeder \u201eInvasion der Au\u00dferirdischen\u201c-Geschichte: mit seinem \u201eWar Of The Worlds\u201c erfand H.G. 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