{"id":4913,"date":"2017-01-05T13:57:51","date_gmt":"2017-01-05T11:57:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4913"},"modified":"2017-01-05T14:09:36","modified_gmt":"2017-01-05T12:09:36","slug":"eine-studie-in-scharlachrot-piredda","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4913","title":{"rendered":"Eine Studie in Scharlachrot (Piredda)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4914\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot.jpg\" alt=\"\" width=\"274\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot.jpg 274w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot-206x300.jpg 206w\" sizes=\"auto, (max-width: 274px) 100vw, 274px\" \/><\/p>\n<p>London, Ende des 19. Jahrhunderts: der Milit\u00e4rarzt Dr. John Watson kehrt verletzt aus Afghanistan zur\u00fcck und ist auf der Suche nach einer Bleibe. Nachdem die Immobilienpreise in der Metropole schon damals recht happig sind, mietet er sich gemeinsam mit einem anderen Junggesellen in der Baker Street 221 B ein. Bald stellt sich heraus, dass er an einen Exzentriker allererster Klasse geraten ist: sein Mitbewohner, der auf den Namen Sherlock Holmes h\u00f6rt, empf\u00e4ngt gerne wildfremde Menschen im Wohnzimmer und sagt ihnen Details auf den Kopf zu, die er eigentlich gar nicht kennen kann. Er spielt Geige, verf\u00e4llt regelm\u00e4\u00dfig in Phasen melancholischer Apathie und verf\u00fcgt \u00fcber h\u00f6chst akribische, aber ebenso selektive wissenschaftliche Kenntnisse.<\/p>\n<p>Als Watson sich \u00fcber einen Zeitungsartikel am\u00fcsiert, dessen Verfasser behauptet, rein durch sorgf\u00e4ltige Beobachtung lie\u00dfe sich nahezu alles \u00fcber eine Person erfahren, er\u00f6ffnet ihm Holmes sein Geheimnis: der Artikel stammt von ihm und behandle lediglich seine berufliche T\u00e4tigkeit. Denn Holmes verdingt sich als \u201eberatender Detektiv\u201c, also als Auftragsermittler f\u00fcr private und auch \u00f6ffentliche Kundschaft, zu der auch die Inspektoren Lestrade und Gregson von Scotland Yard z\u00e4hlen. Dabei schw\u00f6rt er auf die Kunst der Deduktion \u2013 dem peniblen, akkuraten Beobachten aller Umst\u00e4nde und Details, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, die den Umstehenden wie Hellseherei anmuten. Als ein Telegramm von Inspektor Gregson eintrifft und Holmes um Mithilfe bei einem r\u00e4tselhaften neuen Fall bittet, kann Watson den Meister aus n\u00e4chster N\u00e4he beobachten. In einem leer stehenden Haus wurde von Streifenpolizisten die Leiche eines Mannes gefunden, das Zimmer mit Blut beschmiert, das allerdings keinesfalls von dem Toten stammen kann, der keine sichtbaren Verletzungen aufweist.<\/p>\n<p>Holmes zeigt sich begeistert und eilt an den Tatort, den staunenden Watson im Schlepptau, wo er sich zun\u00e4chst \u00fcber die Unf\u00e4higkeit der Polizisten am\u00fcsiert, die mit den Indizien rettungslos \u00fcberfordert sind. Bei dem Toten handelt es sich offenbar um Enoch Drebber aus Cleveland, in der Hand h\u00e4lt er einen Ehering umklammert, und an der Wand steht in Blut geschrieben das Wort \u201eRache\u201c, dessen deutsche Bedeutung Holmes den Umstehenden (die zun\u00e4chst auf den Namen \u201eRachel\u201c tippen) beim Hinausgehen s\u00fcffisant erkl\u00e4rt. Bei den weiteren Ermittlungen l\u00e4sst Holmes die Polizei freudig falsche F\u00e4hrten verfolgen und konzentriert sich darauf, aus seinem Wohnzimmer heraus die F\u00e4den zu ziehen. Als dann auch noch der Privatsekret\u00e4r von Drebber, Joseph Stangerson, ermordet aufgefunden wird, ebenfalls umgeben von Blut und das Wort \u201eRache\u201c an die Wand geschrieben, erkl\u00e4rt Holmes den Fall f\u00fcr gel\u00f6st\u2026<\/p>\n<p>Neben den vielen Varianten und Adaptionen, die der Archetyp des Meisterdetektivs derzeit erlebt \u2013 von der nur noch als brillant zu bezeichnenden TV-Serie mit Benedict Cumberbatch bis hin zu <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4386\" target=\"_blank\">Sylvain Corduri\u00e9s<\/a> ganz eigenem <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4308\" target=\"_blank\">viktorianischen Erz\u00e4hlkanon<\/a> \u2013 schadet es definitiv in keinster Weise, wieder einmal den Blick auf das Original zu richten, das 1887 unter dem Titel \u201eA Study In Scarlet\u201c erstmals das literarische Licht der Welt erblickte (und zun\u00e4chst keinen allzu gro\u00dfen Erfolg f\u00fcr sich verbuchen konnte). Der Arzt Arthur Conan Doyle wollte mit seiner (urspr\u00fcnglich Sherrinford Holmes benannten) Figur die gro\u00dfen Detektive der Literaturgeschichte (u.a. <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2668\" target=\"_blank\">Edgar Allan Poes<\/a> Auguste Dupin aus den \u201eMorden in der Rue Morgue\u201c) auf eine neue, solidere Basis stellen \u2013 nicht mehr Intuition oder Zufall, sondern moderne Psychologie und Naturwissenschaft sollten der Schl\u00fcssel zum Erfolg der Ermittlungen sein. Doyle entwickelte seinen Protagonisten dabei nach dem Vorbild seines eigenen Dozenten Professor Joseph Bell, der auf jede Kleinigkeit in Erscheinungsbild und Benehmen seines Gegen\u00fcbers achtete und daraus erstaunliche R\u00fcckschl\u00fcsse auf Lebensumst\u00e4nde und Gewohnheiten auch fremder Personen zu ziehen vermochte. Daraus entwickelte Doyle das, was in der \u201eStudie in Scharlachrot\u201c ein ganzes Kapitel einnimmt: \u201ethe science of deduction\u201c, die Wissenschaft der Deduktion.<\/p>\n<div id=\"attachment_4916\" style=\"width: 390px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4916\" class=\"size-full wp-image-4916\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot_Panel.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"273\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot_Panel.jpg 380w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot_Panel-300x216.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><p id=\"caption-attachment-4916\" class=\"wp-caption-text\">Holmes&#8216; erster Auftritt<\/p><\/div>\n<p>Erkenntnistheoretisch siedelt sich Doyle dabei in den Diskurs ein, der vom Theoretiker Charles Sander Peirce gegen den des 19. Jahrhunderts forciert wurde: dabei unterscheidet man zwischen den klassischen Methoden der Abduktion (auf Basis einer bestehenden Hypothese werden \u201evon oben nach unten\u201c Prognosen einer feststehenden Regelm\u00e4\u00dfigkeit unternommen, wie etwa in medizinischer Diagnostik) und der Induktion, die auf der Grundlage von einzelnen Details quasi von \u201eunten nach oben\u201c versucht, eine Regelm\u00e4\u00dfigkeit zu etablieren. Die Deduktion steht als Bindeglied zwischen beiden Methoden und etabliert auf der Basis von beobachteten Details (Holmes\u2018 akribische Indiziensuche) eine Arbeitshypothese (in der Kriminalistik eine Theorie \u00fcber Hergang und T\u00e4ter), der dann alle weiteren Beobachtungen zwingend entsprechen m\u00fcssen \u2013 falls ein Detail nicht hineinpasst, ist die Hypothese falsch, und der Prozess beginnt von neuem. Auf dieser Basis entwickelt <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4009\" target=\"_blank\">Holmes<\/a> seine klassische Aussage, dass \u2013 wenn alle anderen Theorien ausgeschlossen werden k\u00f6nnen \u2013 die letztverbleibende die richtige sein muss, so unwahrscheinlich sie zun\u00e4chst auch scheinen m\u00f6ge.<\/p>\n<p>Auf diesen zeitgen\u00f6ssischen Diskurs setzte Doyle dann seinen ebenso unterhaltsamen wie verst\u00f6renden Charakter, den die aktualisierte BBC-Fernsehfassung \u00e4u\u00dferst zutreffend als \u201ehigh functioning sociopath\u201c bezeichnet. Holmes ist ein wandelndes Kriminalistik-Lexikon, verf\u00fcgt \u00fcber bemerkenswerte chemische und anatomische Kenntnisse und blendet ansonsten alles f\u00fcr ihn nutzlose Wissen aus \u2013 seine \u201eSpeicherkapazit\u00e4t\u201c sei schlie\u00dflich begrenzt, erkl\u00e4rt er Watson. Durch den Kunstgriff des Ich-Erz\u00e4hlers Watson, der den Eskapaden seines Mitbewohners staunend folgt, n\u00e4hert Doyle den Leser geschickt an dieses intellektuelle Monster an, das sich kaum um soziale Bindungen k\u00fcmmert, zu nachtschlafener Zeit Geige spielt, ganz offenkundig diversen Rauschmitteln fr\u00f6nt und mit den <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=410\" target=\"_blank\">Baker Street<\/a> Irregulars auch eine Bande von Kindern aus den Armenvierteln Londons unbek\u00fcmmert f\u00fcr seine Zwecke einsetzt. Der phasenweise Melancholiker Holmes sieht neue F\u00e4lle in erster Linie als willkommene Stimulation seines Intellekts im ansonsten tristen Alltag: \u201eIch muss Ihnen danken! Denn ohne Ihr Zureden h\u00e4tte ich diese Kriminalstudie verpasst! Eine Studie in Scharlachrot! Da ist dieser rote Faden des Mordes, der sich durch das farblose Kn\u00e4uel des Lebens zieht, und unsere Aufgabe ist es, selbiges zu entwirren und zu separieren und jeden Inch davon freizulegen!\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_4919\" style=\"width: 282px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4919\" class=\"size-full wp-image-4919\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot_Luxus.jpg\" alt=\"\" width=\"272\" height=\"380\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot_Luxus.jpg 272w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Studie-in-Scharlachrot_Luxus-215x300.jpg 215w\" sizes=\"auto, (max-width: 272px) 100vw, 272px\" \/><p id=\"caption-attachment-4919\" class=\"wp-caption-text\">Die limitierte Vorzugsausgabe im HC-Format<\/p><\/div>\n<p>Auch wenn Methodik, Charakter und auch einige wiederkehrende Figuren schon im Erstling angelegt sind (Watson, Lestrade, Gregson, die Wohnung in der Baker Street, die Irregulars), w\u00fcrde Doyle in den kommenden weiteren drei Romanen und vor allem den folgenden 56 Kurzgeschichten bis zum letzten Auftritt 1927 das <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3403\" target=\"_blank\">Holmes-Universum<\/a> mit Holmes\u2018 Bruder Mycroft, der Nemesis Moriarty, aber auch der Haush\u00e4lterin Mrs. Hudson deutlich ausweiten. Auch erz\u00e4hltechnisch gilt die \u201eStudie in Scharlachrot\u201c als nicht g\u00e4nzlich gelungen: zu abrupt wechselt der Roman in der Mitte hin zu einem ausgedehnten Flashback zu den (damals durchaus notorischen) Mormonen in die USA, deren Geschicke letztlich den Hintergrund der Morde in London liefern. Sp\u00e4tere Romane vom Schlag eines \u201eHound of the Baskervilles\u201c und vor allem Erz\u00e4hlungen wie \u201eA Scandal in Bohemia\u201c zeigten Doyle dann auch literarisch auf der H\u00f6he seines Schaffens.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihre <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3627\" target=\"_blank\">Comic-Adaption<\/a> haben sich Autor Ian Edginton und Zeichner I.N.J. Culbard (der schon diverse Dark Horse-Titel sowie Judge Dredd inszenierte), die schon bei einer Comicfassung des Oscar Wilde-Klassikers \u201eThe Picture of Dorian Gray\u201c gemeinsame Sachen machten, Doyles gesamte Roman-Tetralogie vorgenommen und legen in ihrer Version der \u201eStudie\u201c schon einmal h\u00f6chst gelungen vor: Edginton (dessen Spezialit\u00e4t Roman- und Filmadaptionen sind, u.a. zu <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3740\" target=\"_blank\">Star Wars<\/a>, Predator, Terminator oder auch H.G. Wells\u2018 \u201eKrieg der Welten\u201c f\u00fcr Dark Horse) gelingt das kleine Kunstst\u00fcck, nicht nur die zentralen Handlungselemente zu transportieren, sondern auch Holmes\u2018 ausschweifende, selbstverliebte Erl\u00e4uterungen und das oft nicht nur innerliche Kopfsch\u00fctteln seines anfangs befremdeten Gef\u00e4hrten Watson trefflich einzufangen.<\/p>\n<p>Culbards Zeichnungen sind dabei ganz bewusst stilisiert, reduziert, teilweise cartoonhaft (bei Culbards Hintergrund als Zeichentrickfilmregisseur kaum verwunderlich), was Doyles Charakterisierung der Figuren in wenigen, starken erz\u00e4hlerischen Strichen durchaus entspricht. Anders als bei <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3861\" target=\"_blank\">Corduri\u00e9<\/a>, der den Schauplatz London gerne zum weiteren Protagonisten erhebt, geht es wie in den Vorlagen weniger um den historisch m\u00f6glichst genauen Kontext, sondern um die visuelle Umsetzung des intellektuellen Genusses, den Holmes aus der Verbrecherjagd ebenso zieht wie aus seiner s\u00fcffisanten Verh\u00f6hnung der restlichen Ermittelnden. Mit einem Nachwort und einem Skizzenbuch versehen, erscheint diese Ausgabe im handlichen, aber durchaus edlen Taschenbuch-Format in der Qualit\u00e4t, wie man sie von Piredda gewohnt ist. Die deutsche Fassung der restlichen drei Adaptionen \u2013 Das Zeichen der Vier, Der Hund der Baskervilles und Das Tal der Furcht \u2013 sind in Vorbereitung. Es existiert auch eine auf 200 Exemplare limitierte HC-Vorzugsausgabe inkl. Druck, die aber bereits weitgehend vergriffen sein d\u00fcrfte. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.piredda-verlag.de\/product_info.php?info=p128_Sherlock-Holmes-Band-1--Eine-Studie-in-Scharlachrot.html&amp;XTCsid=d5255ceb44d438882612fb7b69043c7c\" target=\"_blank\">Sherlock Holmes: Eine Studie in Scharlachrot<\/a><br \/>\nText: Ian Edginton<br \/>\nBilder: Ian Culbard, nach Arthur Conan Doyle<br \/>\n144 Seiten in Farbe, Softcover, Kleinformat<br \/>\nPiredda Verlag<br \/>\n19,95 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-941279-76-6<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4913\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4913\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Eine Studie in Scharlachrot (Piredda) &raquo; Comicleser #Arthur Conan Doyle #Eine Studie in Schar [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>London, Ende des 19. 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