{"id":4854,"date":"2016-12-19T14:35:18","date_gmt":"2016-12-19T12:35:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4854"},"modified":"2016-12-19T14:38:53","modified_gmt":"2016-12-19T12:38:53","slug":"dorsay-variationen-avant","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4854","title":{"rendered":"d\u2019Orsay-Variationen (avant)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4855\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/dOrsay.jpg\" alt=\"d'Orsay-Variationen (avant)\" width=\"294\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/dOrsay.jpg 294w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/dOrsay-221x300.jpg 221w\" sizes=\"auto, (max-width: 294px) 100vw, 294px\" \/><\/p>\n<p>Vom Bahnhof zum Kunsttempel: durch das Mus\u00e9e d\u2019Orsay, 1980 aus dem zur Weltausstellung 1900 erbauten Verkehrsknotenpunkt Gare d\u2019Orsay entstanden, flanieren die Besuchermassen und bewundern, bewaffnet mit ihren Audioguides, die Exponate aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Nicht zuletzt sind das Gem\u00e4lde der Impressionisten und fr\u00fchen Surrealisten wie etwa \u201eDie Schlangenbeschw\u00f6rerin\u201c von Henri Rousseau, vor dem eine Museumsw\u00e4rterin leicht gelangweilt ihren Dienst tut. Als die Dame kurz eind\u00f6st, nimmt sie ihre offenkundig doch von den Bildern angeregte Phantasie mit auf eine Reise zur\u00fcck zu den Sch\u00f6pfern dieser Kunst und deren durchaus bewegter Geschichte: der gerade einmal 21j\u00e4hrige Edgar Degas besucht sein gro\u00dfes Idol Jean-Auguste-Dominique Ingres, um sich von ihm Rat f\u00fcr sein neues Projekt, ein Gem\u00e4lde der legend\u00e4ren K\u00f6nigin Semiramis, zu holen.<\/p>\n<p>Ingres empfiehlt dem jungen Kollegen, m\u00f6glichst viele Striche zu verwenden und definiert so den charakteristischen Stil des sp\u00e4ter gefeierten Degas ma\u00dfgeblich, bevor er sich an die Fertigstellung seines eigenen neuesten Werks \u201eDie Quelle\u201c macht. Gleichzeitig f\u00fchlt sich Degas ermutigt, mit einer bunt gew\u00fcrfelten und ihm teilweise verhassten Truppe von modernen Malern \u2013 darunter Renoir, C\u00e9zanne und Monet \u2013 im Atelier des Fotografen Nadar eine Ausstellung unter dem Motto \u201eDie Unbeugsamen\u201c zu arrangieren. Dort treffen die impressionistischen Kunstwerke fast ausnahmslos auf verst\u00e4ndnislose Ablehnung der sich mokierenden Zeitgenossen, und es kommt sogar zu Handgreiflichkeiten\u2026<\/p>\n<p>Manuel Fior beweist mit seinen Variationen auf die impressionistische Kunst erneut sein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr die Geistesgeschichte der Jahrhundertwende, die er schon in seiner <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=241\" target=\"_blank\">meisterhaften Adaption von Arthur Schnitzlers stilpr\u00e4gender Novelle \u201eFr\u00e4ulein Else\u201c<\/a> (deutsch bei Avant) mit ber\u00fcckender Wirkung einsetzte. In dem eher assoziativen Handlungsger\u00fcst zerflie\u00dfen hier die Zeitebenen, die Museumsangestellte sieht sich zunehmend als Teil der epochemachenden Gem\u00e4lde und firmiert selbst als Schlangenbeschw\u00f6rerin, w\u00e4hrend sich in schlaglichthaften Szenen der Kampf der fr\u00fchen Impressionisten um Anerkennung ebenso spiegelt wie der revolution\u00e4re Geist der Bewegung, eben nicht mehr realistisch-romantisch die Welt zu zeigen, sondern die Gef\u00fchle, die das Gesehene im Betrachter ausl\u00f6st, was \u00fcber den Impressionismus und Symbolismus letztlich zum Expressionismus f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Das sp\u00e4tere Schicksal der K\u00fcnstler (Paul Gauguins schmerzgeplagte Existenz und Tod in <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1066\" target=\"_blank\">Franz\u00f6sisch-Polynesien<\/a>, Edgar Degas\u2018 Vereinsamung und weitgehende Erblindung) klingt dabei ebenso an wie ihre sp\u00e4tere Ber\u00fchmtheit als Wegbereiter der Moderne. In einem fast schon anarchistischen Akt holen sich die Kunstobjekte am Ende des Traums ihre Existenz zur\u00fcck, bevor sich am Ende des Besuchertages wieder stille Bewunderung einstellt. Diesen Reigen inszeniert Fior mit der von ihm gewohnten Meisterschaft, in feinem Strich orientiert er sich an der dargestellten Epoche und integriert zahlreiche Kunstwerke (darunter eben \u201eDie Schlangenbeschw\u00f6rerin\u201c und \u201eDie Quelle\u201c, aber auch Paul Gauguins \u201eSelbstbildnis mit gelbem Christus\u201c und Paul C\u00e9zannes \u201eEine moderne Olympia\u201c, die w\u00e4hrend der Ausstellung im Atelier zum Stein des Ansto\u00dfes wird), wobei die Gem\u00e4lde stets in den Erz\u00e4hlfluss integriert sind anstelle nur blo\u00dfe Zitate abgeben zu m\u00fcssen. Eine Liebeserkl\u00e4rung an die Kunst und eine ihrer formativsten Epochen, die im titelgebenden Museum eine kongeniale Heimat gefunden hat. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.avant-verlag.de\/comic\/d_orsay_variationen\" target=\"_blank\">d\u2019Orsay-Variationen<\/a><br \/>\nText &amp; Bilder: Manuele Fior<br \/>\n72 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\navant-verlag<br \/>\n19,95 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-945034-47-7<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4854\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4854\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"d\u2019Orsay-Variationen (avant) &raquo; Comicleser #avant-verlag #d\u2019Orsay-Variationen #Einzelband  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Bahnhof zum Kunsttempel: durch das Mus\u00e9e d\u2019Orsay, 1980 aus dem zur Weltausstellung 1900 erbauten Verkehrsknotenpunkt Gare d\u2019Orsay entstanden, flanieren die Besuchermassen und bewundern, bewaffnet mit ihren Audioguides, die Exponate aus der Zeit um die Jahrhundertwende. 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