{"id":4835,"date":"2016-12-12T12:33:19","date_gmt":"2016-12-12T10:33:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4835"},"modified":"2016-12-12T12:33:19","modified_gmt":"2016-12-12T10:33:19","slug":"die-schachnovelle-knesebeck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4835","title":{"rendered":"Die Schachnovelle (Knesebeck)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4836\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Schachnovelle.jpg\" alt=\"Die Schachnovelle (Knesebeck)\" width=\"290\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Schachnovelle.jpg 290w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Schachnovelle-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/p>\n<p>New York, 1941: allerlei illustres Publikum schifft sich auf dem Ozeandampfer Kopernikus ein, der alsbald in Richtung Buenos Aires ausl\u00e4uft. Emma, die Tochter des Kapit\u00e4ns, reist wieder einmal mit, in ihrem \u201egoldenen K\u00e4fig\u201c, wie sie das Schiff bezeichnet, in dem sie die Kabine ihrer verstorbenen Mutter bewohnt und ihren Vater um die Welt begleitet. Aber da bahnt sich Unbill an: der renommierte Schachgro\u00dfmeister Mirko Czentovic l\u00e4sst sich per Flugzeug aufs Schiff bringen, um zu den anstehenden Schachweltmeisterschaften nach S\u00fcdamerika zu reisen. Aufgeregt will der Schiffseigner dem publikumswirksamen Gast nat\u00fcrlich die beste Kabine an Bord anbieten \u2013 zum Entsetzen von Emma, die es gar nicht spa\u00dfig findet, dass der affektierte Egomane ihre R\u00e4umlichkeiten \u00fcbernimmt. Frech schl\u00e4gt sie dem Spielerk\u00f6nig einen Handel vor: eine Partie Schach. Wenn es ihr gelingt, ihn zu schlagen, bekommt sie ihre Kabine zur\u00fcck \u2013 falls nicht, darf sie Czentovic auf einen Rundflug mitnehmen. Mit gro\u00dfem Aufwand findet das Spiel statt, das Czentovic nat\u00fcrlich im Handumdrehen gewinnt. G\u00f6nnerhaft bietet er eine Revanche an, die allerdings g\u00e4nzlich anders verl\u00e4uft als geplant: aus den Zuschauern taucht pl\u00f6tzlich eine geheimnisvolle Gestalt auf und gibt Emma entscheidende Hinweise, mit denen sie die fast schon verlorene Partie noch zu einem Remis wenden kann.<\/p>\n<p>Begeistert fordert die Menge, dass der Fremde, der sich nur B. nennt, direkt gegen den konsternierten Czentovic antreten soll \u2013 B. aber scheint fast erschrocken \u00fcber sich selbst, schiebt den Erfolg auf einen Zufall und zieht sich zur\u00fcck. Aber Emma gibt nicht so schnell auf und stellt B. zur Rede, der ihr anfangs widerwillig, dann immer offener seine Geschichte erz\u00e4hlt. Im Wien war er vor dem so genannten \u201eAnschluss\u201c als Verm\u00f6gensverwalter f\u00fcr diverse Kl\u00f6ster t\u00e4tig, nach deren Hab und Gut die neuen Machthaber schon bald gierig die Finger ausstreckten. Um ihm die entsprechenden Papiere und Informationen zu entlocken, setzen die Nazis B. nach seiner Verhaftung einer perfiden Folter aus: sie sperren ihn monatelang in Einzelhaft und zerren ihn jeweils unangek\u00fcndigt zu Verh\u00f6ren. Die Isolation setzt B. allm\u00e4hlich so zu, dass er bereit ist, alles preiszugeben \u2013 als ihm durch Zufall ein Buch in die H\u00e4nde f\u00e4llt, das f\u00fcr ihn zum Rettungsanker wird. Behandelt werden 150 ber\u00fchmte Schachpartien, die B. im Kopf wieder und wieder durchspielt und sich so zun\u00e4chst vor dem Wahnsinn rettet. Bald allerdings verf\u00e4llt er in eine tiefe Pers\u00f6nlichkeitsspaltung: weil er mangels Brett und Figuren die Partien vollst\u00e4ndig im Geiste nachstellt, ist er bei jedem Zug Spieler und Gegner zugleich \u2013 was zu einer schizophrenen Psychose f\u00fchrt, die auch anh\u00e4lt, als man ihn letztlich aus der Haft entl\u00e4sst. Trotz dieser bewegten Historie l\u00e4sst sich B. von Emma dazu \u00fcberreden, die Herausforderung von Czentovic anzunehmen und eine Partie gegen den Gro\u00dfmeister zu spielen, bei der es dann zur offenen Eskalation kommt\u2026<\/p>\n<p>Mit der Schachnovelle (nicht zu verwechseln mit dem \u201eSchach von Wuthenow\u201c, der ist von Fontane) <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=784\" target=\"_blank\">lieferte Stefan Zweig 1941 sein bis heute bekanntestes Werk<\/a>, das Generationen von Sch\u00fclern als Lekt\u00fcre plagte und nicht zuletzt in Gestalt der Verfilmung mit Curd J\u00fcrgens und Mario Adorf aus dem Jahr 1960 in den Allgemeinbildungskanon aufr\u00fcckte. Die Geschichte des Gestapo-H\u00e4ftlings B., der sich mittels Blindschach (einer Technik, die von realen Gro\u00dfmeistern durchaus gepflegt wird) zun\u00e4chst vor dem Wahnsinn rettet und dann in eine tiefe Krise st\u00fcrzt, liefert als Erz\u00e4hlung ein beeindruckendes fr\u00fches Beispiel f\u00fcr die literarische Aufbereitung des <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2857\" target=\"_blank\">Nazi-Regimes<\/a>, seiner perfiden Methoden und der Auswirkungen auf die Opfer. Ebenso allerdings bietet Zweig ein faszinierendes Psychogramm zweier manischer Pers\u00f6nlichkeiten: der im wahrsten Sinne besch\u00e4digte B. (symbolisch f\u00fcr seine Versehrung ist die Narbe, die er am Hals tr\u00e4gt und an deren Herkunft er sich nicht erinnern kann) leidet unter der Psychose, die ihn in \u201eich schwarz\u201c und \u201eich wei\u00df\u201c spaltet und ihn in angespannten Situationen in ein obsessives Verhalten dr\u00e4ngt, in dem er sein Martyrium immer wieder gewaltt\u00e4tig durchleidet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4837\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Schachnovelle_Panel-1.jpg\" alt=\"Die Schachnovelle Panel\" width=\"500\" height=\"180\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Schachnovelle_Panel-1.jpg 500w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Schachnovelle_Panel-1-300x108.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/>Dagegen steht der misanthropische Egozentriker Czentovic, dessen Ziehvater, ein Pfarrer, vor der vollkommenen Abneigung des ungehobelten Landburschen gegen jegliche Bildung und Erziehung resignierte. Nur auf dem Schachbrett entfaltet sich die einseitige intellektuelle Begabung Czentovics, dessen antisoziale Z\u00fcge dadurch nur schwach kaschiert werden: sobald er sich vom Spiel erhebt, ist er wieder der langsame, tumbe Junge, \u00fcber den sich alle Welt lustig machen w\u00fcrde, w\u00e4re er nicht Schachweltmeister. So stehen sich also zwei gespaltene Pers\u00f6nlichkeiten gegen\u00fcber \u2013 die eine von der Gesellschaft in Form der Gewaltherrscher erst geschaffen, die andere von einer publicity-s\u00fcchtigen, sensationshungrigen Masse nicht nur toleriert, sondern hochgejubelt und mit Reicht\u00fcmern \u00fcbersch\u00fcttet. In seiner Adaption hangelt sich Thomas Humeau an den Grundz\u00fcgen der Zweigschen Novelle entlang, \u00fcbernimmt viele Passagen wortgetreu (z.B. in den Beschreibungen des sp\u00e4teren Schachgro\u00dfmeisters als \u201emaulfaules, dumpfes, breitstirniges Kind\u201c, das sich durch \u201etotale Teilnahmslosigkeit\u201c auszeichnet), ersetzt dabei aber eine in der Vorlage zentrale Figur: ist es bei Zweig der \u00d6lmillion\u00e4r McConnor, der aus Ruhm- und Gewinnsucht gegen Czentovic antritt, \u00fcbernimmt diese Funktion bei Humeau die Kapit\u00e4nstochter Emma.<\/p>\n<p>Diese tritt an die Stelle des Ich-Erz\u00e4hlers, dem B. in der Novelle seine Geschichte anvertraut, und symbolisiert den Konflikt zwischen menschlichem Gefangensein und Oberfl\u00e4chlichkeit der Glamour-Welt (verk\u00f6rpert in den Reisenden), der bei Zweig in den Gedanken des Erz\u00e4hlers transportiert wird. Vor allem aber beeindruckt die Comicfassung durch ihre optische Ausf\u00fchrung: reduziert, oft auch metaphorisch \u00fcberh\u00f6ht best\u00fcrmen einen die Zeichnungen, in denen die Haft von B. teilweise wie ein Begr\u00e4bnis dargestellt wird und die Flucht und die folgende Verirrung in die Gedankenwelt wie symbolistische Gem\u00e4lde eines Dali anmuten. Der plakative Farbeinsatz setzt die Stimmung der jeweiligen Szene optisch kongenial um, und in einem besonderen Kunstgriff erscheint B. in der Gegenwart jeweils ohne Mund gezeichnet \u2013 seine eigene Stimme wurde ihm in der Haft genommen, so die visuelle Botschaft. Auch wenn das Ende der Geschichte bei Humeau um einiges pointierter ausf\u00e4llt als in der Erz\u00e4hlung (Spoiler vermeiden wir nat\u00fcrlich tunlichst), gelingt ihm dennoch eine mehr als legitime \u00dcbertragung ins Medium Comic, die zeigt, wie zeitlos wirksam und g\u00fcltig die Novelle doch ist. Und den Film mit dem guten Curd sollte man sich sowieso auch wieder einmal ansehen. (hb)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.knesebeck-verlag.de\/die_schachnovelle\/t-1\/485\" target=\"_blank\">Die Schachnovelle<\/a><br \/>\nText &amp; Bilder: Thomas Humeau, nach Stefan Zweig<br \/>\n128 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nKnesebeck Verlag<br \/>\n22 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-86873-965-7<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4835\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4835\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Die Schachnovelle (Knesebeck) &raquo; Comicleser #Die Schachnovelle #Einzelband #Graphic Novel #Kn [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>New York, 1941: allerlei illustres Publikum schifft sich auf dem Ozeandampfer Kopernikus ein, der alsbald in Richtung Buenos Aires ausl\u00e4uft. 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