{"id":4272,"date":"2016-07-13T13:15:00","date_gmt":"2016-07-13T11:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4272"},"modified":"2016-07-13T16:48:57","modified_gmt":"2016-07-13T14:48:57","slug":"munchhausen-carlsen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4272","title":{"rendered":"M\u00fcnchhausen (Carlsen)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4273\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/M\u00fcnchhausen.jpg\" alt=\"M\u00fcnchhausen (Carlsen)\" width=\"280\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/M\u00fcnchhausen.jpg 280w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/M\u00fcnchhausen-210x300.jpg 210w\" sizes=\"auto, (max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/p>\n<p>London im Kriegsjahr 1939: der Geheimdienst seiner Majest\u00e4t ist in Aufruhr. Nicht wegen des anhaltenden Blitzkriegs der Deutschen, das kennt man ja schon. Nein, es ist etwas viel Seltsameres passiert: ein offenbar geistig verwirrter alter Mann ist mit einem wunderlichen Flugger\u00e4t auf dem Dach des Buckingham Palastes gelandet. Und die Geschichte, die er auftischt, ist mehr als nur abenteuerlich: er sei auf dem Mond gewesen, und m\u00fcsse nun ganz dringend zum Kaiser. Genauer gesagt zu Wilhelm II. Das l\u00e4sst nur drei Schl\u00fcsse zu: der Alte hat einfach nicht mehr alle Lichter auf dem Weihnachtsbaum \u2013 dann aber bleibt die Frage, wie kommt er aufs Dach? Oder \u2013 und das scheint die wahrscheinlichste Erkl\u00e4rung des Geschehens \u2013 er ist ein deutscher Spion, der ein Attentat oder Schlimmeres vorhatte. Und zu guter Letzt: was, wenn er doch die Wahrheit sagt? Dann k\u00f6nnte er den Engl\u00e4ndern im wogenden Luftkrieg eventuell den entscheidenden strategischen Vorteil verschaffen. Es gilt also den Geist des alten Wirrkopfs, dessen Papiere auf den Namen B\u00fcrger lauten, zu ergr\u00fcnden. Und daf\u00fcr ist kein anderer besser geeignet als Sigmund Freud, der Pionier und Gottvater der Psychoanalyse, der das eine oder andere zu Psychosen zu sagen hat und der seinen Lebensabend in London verbringt.<\/p>\n<p>Bei Nacht und Nebel schnappt man sich also den anfangs protestierenden Freud, der das Gespr\u00e4ch mit dem Sonderling aufnimmt, um zu erfahren, was ihn dazu bringt, diese doch offenkundigen Ammenm\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen. Er hei\u00dfe gar nicht B\u00fcrger, das sei die erste falsche Annahme, berichtet der und beginnt, seine Lebensgeschichte auszubreiten. Als junger Mann, genannt Ronny, geht er mit seinem gro\u00dfen Bruder auf die Jagd und erlegt dort einen Hirschen mit einer Ladung Kirschkerne. Der allerding ist alles andere als tot, sondern donnert heran und spie\u00dft den Bruder auf. Ronny eilt verzweifelt nach Hause \u2013 und als er sich aufmacht, den Arzt zu holen, trifft ein Blitz das Elternhaus, in dem Mutter, Bruder und andere Angeh\u00f6rige verbrennen. Die Polizei greift Ronny auf und glaubt ihm seine Geschichte nicht \u2013 ganz im Gegenteil wird er beschuldigt, seine Familie umgebracht zu haben. Mit seinem treuen Pferd sperrt man ihn in eine Scheune, um das Verfahren abzuwarten, aber Ronny gelingt es, sich mitsamt Pferd buchst\u00e4blich am eigenen Schopf aus der Misere und der Scheune zu ziehen. Auf der Flucht entwickelt er sich zum Frauenheld, erlegt achtbeinige Hasen und trifft einen wunderlichen Alten, dessen Worte in der klirrenden Winterk\u00e4lte gefroren sind und erst am Feuer wieder auftauen.<\/p>\n<p>Der berichtet ihm davon, was seine Mutter als Astronomin herausgefunden hat &#8211; die uns abgewandte Seite des Mondes beherberge einen wunderbaren Garten, auf dem die Zeit anders laufe als bei uns und in dem die kl\u00fcgsten Wesen des Universums wohnen. Das sollte man sich doch einmal anschauen, aber auf dem Weg durch die Winterlandschaft trennen sich die Wege: der junge Ronny muss dringend zum Kaiser, um eine Begnadigung zu erwirken, und die Geschichten des Alten \u00fcber den Mond glaubt er sowieso nicht. Reichlich verzweifelt wandert er alleine weiter, und sp\u00e4testens als er bei der sattsam bekannten Erz\u00e4hlung vom Pferd angekommen ist, das er an einem verschneiten Pfahl festbindet, nur um am n\u00e4chsten Tag festzustellen, dass das der Kirchturm war, an dem das Tier jetzt baumelt, platzt Freud der Kragen: niemals kann Ronny den Gaul heruntergeschossen haben, das Pferd w\u00e4re zerschmettert. Freud konfrontiert seinen Patienten mit einer durchaus schl\u00fcssigen These: hat er sich seine ganzen Abenteuer vielleicht nur zusammenphantasiert, weil er seine Familie wirklich umgebracht hat\u2026?<\/p>\n<p>Der deutsche Szeneveteran Flix wendet bei seiner Interpretation der klassischen M\u00fcnchhausen-Geschichte einen Kunstgriff an, den er auch in leicht anderer Form bei seinen Fassungen von Goethes Faust und <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3841\" target=\"_blank\">Cervantes Don Quijote<\/a> platzierte: die Grundz\u00fcge der Handlung bleiben gleich, die Geschehnisse werden aber aktualisiert und damit in einen neuen Kontext gesetzt. Gottfried August B\u00fcrgers fast schon sprichw\u00f6rtliche Erz\u00e4hlung um den L\u00fcgenbaron l\u00e4dt er mit psychologischer und historischer Brisanz auf, indem er die Ereignisse vom 19. ins 20. Jahrhundert versetzt und die Theorie zu ergr\u00fcnden sucht, ob denn eine chronische Hochstapelei nicht nur Ausdruck einer tieferen Psychose sein k\u00f6nnte. In der symbolischen Figur des Sigmund Freud stellt dabei die moderne Psychologie die Frage, ob traumatische Erlebnisse eine Abspaltung des Geistes erzeugen k\u00f6nnen, der in eine Traumwelt flieht, um sich selbst vor seinen oder fremden Taten zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie in der wunderbaren Ufa-Filmfassung des Stoffes, in der Drehbuchautor Erich K\u00e4stner (ohne Namensnennung, nachdem er als Schriftsteller verboten war) den Hauptdarsteller Hans Albers auf dem Mond feststellen lie\u00df \u201eDie Zeit ist kaputt\u201c und damit unumwunden die politische Realit\u00e4t des Jahres 1943 kommentierte, ger\u00e4t die Unterhaltung zwischen dem Flunkermeister und dem Wissenschaftler zu einer trefflichen Analyse der chaotischen Realit\u00e4t: sei es nun \u201enur\u201c Egozentrik, vielleicht auch die gleichnamigen Krankheitsbilder (das M\u00fcnchhausen-Syndrom etwa bezeichnet Patienten, die Krankheiten vort\u00e4uschen, um Aufmerksamkeit zu heischen) oder gar die Pers\u00f6nlichkeitsspaltung, die Freud vermutet: die moderne Welt \u00fcberfordert so manchen Geist, der sich dann in zwar unterhaltsame, aber dennoch abgr\u00fcndige Scheinwelten fl\u00fcchtet. Und dabei ist die ganze Chose gar nicht melancholisch, sondern vor allem durch die Figur des knorrigen, aufm\u00fcpfigen und trotzigen alten Freud teilweise auch urkomisch. Gehalten in atmosph\u00e4rischem Schwarz-Wei\u00df (bis auf die farbigen Szenen auf dem Mond), dicht und schmissig erz\u00e4hlt, liefern Flix und Zeichner Bernd Kissel eine wunderbare, komplexe und zutiefst unterhaltsame Aktualisierung eines unsterblichen Klassikers. (hb)<\/p>\n<p>M\u00fcnchhausen \u2013 Die Wahrheit \u00fcber das L\u00fcgen<br \/>\nText: Flix<br \/>\nBilder: Bernd Kissel<br \/>\n192 Seiten in schwarz-wei\u00df und in Farbe, Hardcover<br \/>\nCarlsen Verlag<br \/>\n17,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-551-76303-7<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4272\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4272\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"M\u00fcnchhausen (Carlsen) &raquo; Comicleser #Bernd Kissel #Carlsen #Flix #Graphic Novel #Literatur-A [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>London im Kriegsjahr 1939: der Geheimdienst seiner Majest\u00e4t ist in Aufruhr. Nicht wegen des anhaltenden Blitzkriegs der Deutschen, das kennt man ja schon. 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