{"id":4179,"date":"2016-06-17T10:43:48","date_gmt":"2016-06-17T08:43:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4179"},"modified":"2016-06-17T10:43:48","modified_gmt":"2016-06-17T08:43:48","slug":"der-alte-mann-und-das-meer-knesebeck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4179","title":{"rendered":"Der alte Mann und das Meer (Knesebeck)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4180\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Der-alte-Mann-und-das-Meer.jpg\" alt=\"Der alte Mann und das Meer (Knesebeck)\" width=\"288\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Der-alte-Mann-und-das-Meer.jpg 288w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Der-alte-Mann-und-das-Meer-216x300.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/p>\n<p>Mensch gegen Fisch. Symbolik. Mensch gegen die Elemente und vor allem auch gegen sich selbst. So eingebrannt ins kollektive Bewusstsein ist die Geschichte des alten Fischers und seines einsamen Kampfes, dass eine Inhaltszusammenfassung eigentlich nicht n\u00f6tig ist. Aber es ist eine der Eigenheiten dieser Novelle, dass man gegen jede Realit\u00e4t immer wieder hofft, sie gehe anders aus und sie immer wieder neu erlebt. Nun denn:<\/p>\n<p>Im Kuba der 50er Jahre fristet der alte Fischer Santiago ein k\u00e4rgliches Dasein, das Gl\u00fcck hat ihn verlassen, er hat seit Wochen nichts gefangen. Der kleine Manolin, der immer mit ihm hinausfuhr und ihn liebt wie den eigenen Gro\u00dfvater, ist von den Eltern auf ein anderes, erfolgreicheres Boot geschickt worden, das im Hafen von Havanna losf\u00e4hrt. Dennoch besucht der Junge den Alten jeden Tag, bringt ihm lange vor Tagesanbruch das N\u00f6tigste vorbei und leistet ihm abends Gesellschaft, wenn er in seiner H\u00fctte die Baseball-Berichte aus der Zeitung von gestern liest. Immer wieder f\u00e4hrt Santiago hinaus, mit der sturen Hoffnung, endlich den ganz gro\u00dfen Fang zu machen, und nach all den Wochen scheint seine Pechstr\u00e4hne zu enden: er hat etwas Massives an der Angel, an der Schnur, die er 100 Faden tief versenkt hat. Der Alte wei\u00df sofort, mit wem er es zu tun hat: einem gigantischen Marlin, mit dem er nun \u00fcber zwei Tage und N\u00e4chte ringt, w\u00e4hrend der Fisch ihn immer weiter in den Golf hinausschleppt. Schlaflos, gepeinigt von der Leine, die ihm die H\u00e4nde zerschneidet, ohne Proviant verf\u00e4llt Santiago in eine Art Delirium, f\u00fchlt sich dem Fisch immer verbundener und t\u00f6tet ihn schlie\u00dflich mit der Harpune. Aber der Kampf ist noch l\u00e4ngst nicht beendet: auf dem Heimweg greifen Haie das Boot an und drohen, Santiago seinen gro\u00dfen Fang zu rauben\u2026<\/p>\n<p>Hemingways Novelle von 1952 &#8211; die letzte, die zu seinen Lebzeiten erschien &#8211; war in der kritischen Aufnahme kontrovers, beim Publikum erfolgreich und vor allem sicherlich sein bekanntestes Werk. Wie immer bei dem knorrigen Herren geht es um Religion (der alte Mann muss leiden wie Hiob), Literatur (die Jagd nach einem fast mythischen Meerestier, das kennen wir ja bestens aus <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3316\" target=\"_blank\">Melvilles Moby Dick<\/a>) und vor allem existentielle Fragen nach Leben und Tod. Aber auch die uramerikanische These, der Einzelne k\u00f6nne durch self-reliance und Kraft siegen und dabei noch der Allgemeinheit dienen, zieht sich durch das Werk, nicht zuletzt in der Verehrung des Alten f\u00fcr die Baseball-Legende Joe DiMaggio, der f\u00fcr diese Haltung symbolisch steht. Letztlich aber geht es um die Erkenntnis an Hemingways Lebensabend, dass die eigene Macht endlich ist, dass die eigenen Grenzen zu akzeptieren sind und man dennoch die W\u00fcrde nicht verlieren sollte \u2013 \u201eEin Mann kann vernichtet werden, aber nicht besiegt\u201c, diese These steht zentral am Ende von Hemingways erz\u00e4hlerischem Gesamtwerk.<\/p>\n<p>Adaptionen dieser Novelle gestalten sich meist schwierig \u2013 die Verfilmung von 1958 mit Spencer Tracy scheiterte an einem viel zu textlastigen Voiceover, was in der Natur der Sache liegt: nicht umsonst stellte Filmpapst Leslie Halliwell fest, die Vorlage eigne sich f\u00fcr eine Verfilmung ungef\u00e4hr so gut wie ein symbolistisches Gedicht (dass der Stoff allerdings durchaus auf der Leinwand funktionieren kann, zeigt die inhaltlich sehr \u00e4hnliche Geschichte \u201eAll Is Lost\u201c mit Robert Redford, die nahezu ohne Dialog auskommt). F\u00fcr seine Comic-Fassung hingegen findet Thierry Murat den richtigen Schl\u00fcssel: er zeichnet gro\u00dffl\u00e4chige, malerische Panels, die er mit einem in Schreibmaschinenschrift gehaltenen Text verbindet, den der Junge in einer Rahmenhandlung dem zuh\u00f6renden Hemingway berichtet. Der zeichnerische Stil erscheint kongenial an die Impressionisten angelehnt, die auch Hemingway selbst in Person C\u00e9zannes als Vorlage f\u00fcr seine in charakteristisch-kurzen Stakkato-S\u00e4tzen ausgef\u00fchrten, in gro\u00dfen Schw\u00fcngen gehaltenen Beschreibungen der Szenerien hervorhob. Oft in Silhouetten, im Gegenlicht, in Teilausschnitten eingefangen, n\u00e4hert sich Murat dabei der Figur des Alten, wobei die Atmosph\u00e4re in stimmiger Viragierung einfangen ist (die glei\u00dfende Sonne taucht alles in gelb, die D\u00e4mmerung ist tiefblau). Zentrale Szenen, wie das apokalyptische Auftauchen des Marlin, nehmen komplette Doppelseiten ein und erzeugen gewaltige Wucht, w\u00e4hrend die Fiebertr\u00e4ume des Alten von seiner gro\u00dfen Zeit in Afrika symbolisch-\u00fcberh\u00f6ht dargestellt sind. Alles in allem eine stimmige, dem Medium Comic angeeignete Version einer Geschichte, die von ihrer Faszination und Allgemeing\u00fcltigkeit nichts eingeb\u00fc\u00dft hat. (hb)<\/p>\n<p>Der alte Mann und das Meer<br \/>\nText &amp; Bilder: Thierry Murat, nach Ernest Hemingway<br \/>\n128 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nKnesebeck Verlag<br \/>\n19,95 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-86873-927-5<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4179\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4179\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Der alte Mann und das Meer (Knesebeck) &raquo; Comicleser #Der alte Mann und das Meer #Einzelband  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mensch gegen Fisch. Symbolik. Mensch gegen die Elemente und vor allem auch gegen sich selbst. 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