{"id":4139,"date":"2016-06-08T11:53:09","date_gmt":"2016-06-08T09:53:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4139"},"modified":"2016-06-08T11:53:47","modified_gmt":"2016-06-08T09:53:47","slug":"berliner-mythen-carlsen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4139","title":{"rendered":"Berliner Mythen (Carlsen)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4140\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Berliner-Mythen.jpg\" alt=\"Berliner Mythen (Carlsen)\" width=\"290\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Berliner-Mythen.jpg 290w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Berliner-Mythen-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/p>\n<p>Berlin, diese ebenso geschichtstr\u00e4chtige wie bunt-kontroverse Stadt, war schon immer f\u00fcr eine deftige Geschichte gut. Allzu lange ist die Liste der illustren Gestalten, der historischen Momente und der kuriosen Vorg\u00e4nge, als dass man diese nicht in eine wunderbare Sammlung gie\u00dfen k\u00f6nnte. Und genau eine eben solche tritt uns hier entgegen: jeweils im Kurzgeschichten-Modus gehalten, ranken sich die insgesamt zehn Erz\u00e4hlungen, stets zusammengehalten vom zentralen Motiv des Taxifahrers Ozan, der seinen Fahrg\u00e4sten die einzelnen Ereignisse und Absonderlichkeiten auftischt. Da erleben wir den Fall der m\u00f6rderischen Krankenschwester Kusian, die traumatisiert vom Krieg v\u00f6llig abgestumpft zwei Menschen t\u00f6tete, deren K\u00f6rperteile s\u00e4uberlich abtrennte und in West- und Ost-Berlin verstreute, oder den spektakul\u00e4ren KaDeWe-Schmuckraub der Zwillingsbr\u00fcder Hassan und Abbas.<\/p>\n<p>Nicht fehlen darf auch die archetypische Diva Marlene Dietrich, die vor ihrer Weltkarriere in Berlin als T\u00e4nzerin arbeitete, bevor sie von Josef von Sternberg in einer Revue entdeckt wurde, in der sich der gro\u00dfe Regisseur eigentlich den Hauptdarsteller Hans Albers ansehen wollte \u2013 und die auch kurz vor ihrem selbstgew\u00e4hlten Asyl in Paris eine ganz eigene Verbindung zu Berlin pflegte (unter anderem ja auch in Billy Wilders wunderbarer \u201eAusw\u00e4rtigen Affaire\u201c). Die \u201eRosinenbomber\u201c der Luftbr\u00fccke geh\u00f6ren ebenfalls zum unverzichtbaren Berlin-Fundus wie die mysteri\u00f6se, angebliche Zarentochter Anastasia. Aber auch popkulturellen Ikonen geben sich ein Stelldichein, nat\u00fcrlich in persona der ewigen Kunstfigur David Bowie (der Ende der 70er in den Hansa-Studios unter anderem sein Album \u201eHeroes\u201c einspielte, dessen Entstehungsgeschichte hier thematisiert wird), komplett mit seinem chaotischen Mitbewohner Iggy Pop, der dem gro\u00dfen Meister gerne mal die Edelh\u00e4ppchen aus dem KaDeWe wegfutterte, weshalb Bowie ihn entnervt rauswarf (wobei Herr Pop den Gentleman-Musiker unbegreiflicherweise \u00fcberlebt hat, was er erst j\u00fcngst <a href=\"http:\/\/www.kuehleszeug.de\/blog\/2016\/5\/31\/mnchen-macht-metal-das-war-das-rockavaria-2016\" target=\"_blank\">beim Rockavaria in M\u00fcnchen<\/a> unter Beweis stellte). Und auch die neuere Geschichte kommt mit der Endlos-Posse um den Hauptstadtflughafen zu Ehren, die ja ein durchaus tragischer Mythos ist.<\/p>\n<p>Berlin als Fluchtpunkt inhaltlich lose verbundener Geschichten, das kennen wir schon dem Filmklassiker \u201eMenschen am Sonntag\u201c. Die vorliegende Serie, die basierend auf einer Idee von Journalist Lutz G\u00f6llner und Lektor Michael Groenewald bereits ab 2012 im Stadtmagazin zitty erschien, er\u00f6ffnet allerdings weniger einen sozialen Querschnitt, sondern eher einen bunten Reigen Berliner (und nebenbei deutscher) Geschichte, die im klassischen Portmanteau-Format daherkommt, das nicht zuletzt im klassischen Horrorfilm gepflegt wurde: alle Geschichten haben mit dem Taxifahrer Ozan und dem Thema Berlin einen zentralen Ankerpunkt, wobei sich stets neue Facetten und Aspekte er\u00f6ffnen. Ozan dr\u00e4ngt seinen Fahrg\u00e4sten seine Stories nahezu auf, verdreht dabei immer wieder deutsche Sprichw\u00f6rter, was f\u00fcr ein komisches Leitmotiv sorgt. Szeneveteran <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1175\" target=\"_blank\">Reinhard Kleist (der mit &#8222;Berlinoir&#8220;<\/a> die Stadt bereits futuristisch-d\u00fcster in Szene setzte), seit 20 Jahren Wahlberliner, inszeniert das Ganze bewusst stilisiert und pointiert, getreu seinem Graphic Novel-Stil, den er in Werken wie \u201eCash\u201c oder \u201eDer Boxer\u201c perfektioniert hat.<\/p>\n<p>Mit viel Lokalkolorit versehen, erkennt man gen\u00fcsslich Personen, Stra\u00dfen und Geb\u00e4ude und studiert die vorangestellte Stadtkarte, in der die Schaupl\u00e4tze der einzelnen Stories eingetragen sind. Gerne gibt es dabei auch kleinere Genre-Parodien, wie etwa die Gruselgeschichte \u201eDie Spukvilla\u201c, anderen Ende Ozan orakelt: \u201eSeltsam, aber so steht es geschrieben\u201c, was ja f\u00fcr eine ganze Generation von Lesern der \u201eGespenster-Geschichten\u201c aus dem seligen Bastei-Verlag fast schon zum gefl\u00fcgelten Wort wurde. Inhaltlich dreht sich in der Anthologie alles um die Erkenntnis, die schon John Fords Edelwestern \u201eThe Man Who Shot Liberty Valance\u201c durchzog: wenn die Legende zur Wahrheit wird, dann drucken wir eben die Legende. Will hei\u00dfen: es geht, wie der Name sagt, wie bei Volkssagen und den gro\u00dfen Heldenliedern um sinn- und identit\u00e4tsstiftende Erz\u00e4hlungen. Nicht jede Geschichte muss unbedingt im letzten Detail wahr sein \u2013 so lange sie den Mythos begleitet und verdeutlicht, der Berlin umgibt, diesen Mythos vielleicht sogar weiter n\u00e4hrt und ein St\u00fcck weiterspinnt, dann geh\u00f6rt sie in diesen Reigen. Eine Berliner Ballade im besten Sinne also, womit wir bei einem weiteren Filmklassiker w\u00e4ren. (hb)<\/p>\n<p>Berliner Mythen<br \/>\nText: Lutz G\u00f6llner, Michael Groenewald, Reinhard Kleist<br \/>\nBilder: Reinhard Kleist<br \/>\n96 Seiten in Farbe, Softcover<br \/>\nCarlsen Verlag<br \/>\n14,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-551-72815-9<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4139\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4139\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Berliner Mythen (Carlsen) &raquo; Comicleser #Berliner Mythen #Carlsen #Einzelband #Lutz G\u00f6llner  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, diese ebenso geschichtstr\u00e4chtige wie bunt-kontroverse Stadt, war schon immer f\u00fcr eine deftige Geschichte gut. 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