{"id":4058,"date":"2016-05-17T10:45:48","date_gmt":"2016-05-17T08:45:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4058"},"modified":"2016-05-17T10:45:48","modified_gmt":"2016-05-17T08:45:48","slug":"supercrash-hanser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4058","title":{"rendered":"Supercrash (Hanser)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4059\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Supercrash.jpg\" alt=\"Supercrash (Hanser Verlag)\" width=\"280\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Supercrash.jpg 280w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Supercrash-210x300.jpg 210w\" sizes=\"auto, (max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/p>\n<p>Finanzkrise! Dieses finstere Gespenst erschien 2007 langsam am Himmel, als der amerikanische Immobilienmarkt ins Wackeln kam, bis 2008 schlie\u00dflich das doch eigentlich Undenkbare geschah: mit Bear Stearns und kurz darauf Lehman Brothers brachen zwei traditionsreiche Investmentbanken zusammen, was der letzte Stein des Ansto\u00dfes eines weltweiten Strudels wurde, aus dem man sich bis heute m\u00fchselig befreit. An Erkl\u00e4rungsversuchen, wie das alles geschehen konnte und warum es eigentlich so schlimm war, dass in Florida ein paar Hauskredite platzten, mangelt es nicht, die Fachpresse ist voll davon. Auch als Sachbuch und im Kino bringt man uns die Thematik n\u00e4her, zuletzt virtuos in \u201eThe Big Short\u201c, der Verfilmung des Sachbuchs von Michael Lewis. Der Brite Darryl Cunningham n\u00e4hert sich der Sache nun auch in Form der Graphic Novel \u201eSupercrash\u201c, deren Untertitel Programm ist: \u201eHow to hijack the global economy\u201c, wie man sich die weltweite Wirtschaft unter den Nagel rei\u00dft, nichts weniger f\u00fchrt uns der Autor der hoch gelobten Comicromane \u201ePsychiatric Tales\u201c und \u201eScience Tales\u201c vor.<\/p>\n<p>In drei gro\u00df angelegten Kapiteln legt er dar, wie amerikanische Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand den Boden f\u00fcr das ganze Unheil bereitete. In ihren Roman, allen voran \u201eThe Fountainhead\u201c und \u201eAtlas Shrugged\u201c, entwickelte sie n\u00e4mlich die Theorie des Objektivismus \u2013 einer ausgepr\u00e4gten Egozentrik, die besagt, dass jegliche staatliche Einmischung das Individuum beschr\u00e4nkt, dass schrankenlose Entfaltung in Form des Kapitalismus die nat\u00fcrliche Ordnung ist und die einzig sinnvolle Staatsform darstellt, in der sich die wirklich Talentierten durchsetzen und die Armen zu Recht als Unterschicht dahinvegetieren. Zum innigsten Verehrerkreis der militanten Dame, deren private Eskapaden Cunningham gen\u00fcsslich ausbreitet, geh\u00f6rte auch ein gewisser Alan Greenspan, unter dessen F\u00fchrung die US-Notenbank in den 80ern gemeinsam mit der Regierung eine beispiellose Liberalisierung des Finanzsektors einleitete. Als dann im M\u00e4rz 2000 die Internetblase platzte, pumpte Greenspan unbegrenzte Liquidit\u00e4t in den Markt, die dann anfing \u2013 wie das so \u00fcblich ist \u2013 Unfug zu machen, wie Cunnhingham das umfassend in Kapitel 2 beschreibt.<\/p>\n<p>Angefeuert durch billige Kredite, erlebte der US-Immobilienmarkt einen beispiellosen Boom, in dem es bald weniger um solche langweiligen Dinge wie Eigenkapital und Bonit\u00e4t des Kreditnehmers ging, sondern darum, wie schnell das entsprechende Haus an Wert gewann und weiter beliehen werden konnte. So weit, so amerikanisch, so fremd f\u00fcr jeden schw\u00e4bisch-konservativen H\u00e4uslebauer, aber erst einmal ungef\u00e4hrlich f\u00fcr den Rest der Welt. Aber dann kamen die b\u00f6sen Investmentbanken ins Spiel: die erfanden n\u00e4mlich Mittel und Wege, die Kredite zu b\u00fcndeln und weiterzuverkaufen. Auch das ist zun\u00e4chst nicht schlimm, hypothekengesicherte Anleihen kennen wir hierzulande als Pfandbriefe, und das ist mit das \u00f6deste und stocksolideste, was es in der Anlagewelt gibt. Denn Hypotheken werden ja zur\u00fcckgezahlt. Wenn die Qualit\u00e4t stimmt. Und die stimmte ja auch. Anfangs. Aber dann ging alles den Bach runter: denn mit Krediten minderer Qualit\u00e4t lassen sich mehr Zinsen verdienen, weil hier das Risiko ja auch h\u00f6her ist und bezahlt werden muss. Diese so genannten Subprime-Kredite \u2013 auf Deutsch also Hauskredite f\u00fcr Leute, die bei der Sparkasse um die Ecke noch nicht mal an den Geldautomaten d\u00fcrften \u2013 wurden in die verkauften Pakete gemischt, die Rating-Agenturen gaben ihren Segen dazu, und Investoren rund um den Globus kauften gerne die bombensicheren Papiere.<\/p>\n<p>Und es kam noch spa\u00dfiger: gleichzeitig wurden Instrumente ersonnen, mit denen man sich gegen den \u2013 nat\u00fcrlich vollkommen unwahrscheinlichen \u2013 Fall der F\u00e4lle versichern konnte. Diese Kreditausfallversicherungen (auf Neudeutsch CDS, Credit Default Swaps) waren f\u00fcr die Investmentbanken ebenso ein eintr\u00e4gliches Gesch\u00e4ft \u2013 ebenso (es wird immer besser, oder?) die rein synthetisch gebastelten Kreditpakete, die CDOs (collateralized debt obligations), mit denen man ganze Kreditpakete virtuell nachbildete und diese weiterverkaufte. Die ganze Suppe lagerte man dann aus der Bilanz aus in so genannte SPVs (special purpose vehicles), und \u2013 bleiben Sie bitte dabei, jetzt wird es brenzlig \u2013 als selbst in den USA nicht mehr gen\u00fcgend K\u00e4ufer f\u00fcr den h\u00fcbsch verpackten Ramsch aufzutreiben waren, sprangen gerne international \u201eversierte\u201c \u201eFinanzexperten\u201c wie deutsche Landesbanken, St\u00e4dte und Gemeinden mit aufs Karussell. Irgendwann drehte sich das aber zu schnell, und wie der Reise nach Jerusalem gab es dann einige Akteure, die keinen Stuhl mehr erwischten, als die Musik aufh\u00f6rte \u2013 wie z.B. der amerikanische Versicherungsriese AIG, der vielleicht ein paar CDS zu viel an Goldman Sachs verkauft hatte, die dann dummerweise auch noch darauf pochten, ihr Geld zu bekommen. Na so ein \u00c4rger. Und die Lehmann Br\u00fcder, die nicht schnell genug die gestern noch hochwertigen, heute toxischen Papiere losgeschlagen hatten. Der Staat musste einspringen, damit nicht alles den Bach runterging, und schuld daran sind Alan Greenspan und Ayn Rand. Und das ist bis heute so, so informiert uns Herr Cunningham in letzten Teil, \u201eDas Zeitalter der Selbstsucht\u201c, einem flammenden Pl\u00e4doyer f\u00fcr goldene Zeiten mit mehr Staat und weniger Bank.<\/p>\n<p>Best\u00fcrzend und mitrei\u00dfend entlarvt Cunningham die Mechanismen, die zu Neoliberalismus und Finanzkrise gef\u00fchrt haben, die ma\u00dflose Selbstsucht der geistigen Kinder von Ayn Rand, die sich mit der Gier r\u00fccksichtsloser Banker zu einer unheilvollen Mischung vereinte, die das Finanzsystem an den Rand des Abgrunds brachten und dabei auch noch Millionen scheffelten. Akribisch recherchiert, enth\u00fcllt Cunningham\u2026 bla bla bla. Ja, so in etwa gehen die Rezensionen auf dem Klappentext, so etwa soll man dieses Werk als aufrechter Leser wohl preisen, das 2015 offenbar ein New York Times Bestseller war. Mag sein, aber ich erlaube mir hier eine andere Sichtweise. Cunningham liefert n\u00e4mlich nach meinen Daf\u00fcrhalten hier eine h\u00f6chst eigenwillige und einseitige Darlegung, der zufolge die Finanzkrise mehr oder weniger eigenh\u00e4ndig durch einen von Ayn Rand verwirrten Alan Greenspan ausgel\u00f6st wurde, der mit seinem Kumpel Hank Poulson (Chef von Goldman Sachs, sp\u00e4ter US-Finanzminister) dem Finanzwesen jegliche Z\u00fcgel genommen hat und dadurch die Welt an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Und nat\u00fcrlich ist das bis heute so. Ah ja. Das Leben kann so einfach sein, es gibt die Guten und die Schlechten, wie im M\u00e4rchen.<\/p>\n<p>Klar ist: die Deregulierung ging zu weit, das System ist nicht perfekt, und einzelne Akteure haben sich alles andere als ehrenwert verhalten. Aber eine linke Polemik, die der Dominanz des Staates das Wort redet und den Kapitalismus in Bausch und Bogen verdammt, verk\u00fcrzt die Sache genauso. Cunningham argumentiert geflissentlich, die Gier der Banken habe die Finanzkrise (ok) und damit auch die Euro-Krise ausgel\u00f6st (gar nicht ok): das ist nat\u00fcrlich sch\u00f6ner und einfacher als die unbequeme Sichtweise, dass die s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4nder schlicht und ergreifend haltlos \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse gelebt haben und daf\u00fcr jetzt die Rechnung auf dem Tisch liegt. Ebenso ausgeblendet ist die Erkenntnis, dass jedes Produkt einen Hersteller und einen K\u00e4ufer braucht: wer sein Urteilsverm\u00f6gen ausschaltet, einfach auf Ratings von irgendwelchen Agenturen vertraut und sich von der Aussicht auf die angeblich \u201etodsichere\u201c Rendite einlullen l\u00e4sst, darf sich nicht wundern, wenn das irgendwie nicht aufgeht. Und bevor hier jetzt der Ruf laut wird, das sei von einem Ahnungslosen leicht dahergeredet: ich habe die Lehm\u00e4nner aus meinem B\u00fcro geschmissen, 2008, als sie mit hohen Provisionen und seltsamen Konstrukten winkten, und mich daf\u00fcr als provinziell und konservativ beschimpfen lassen.<\/p>\n<p>Aber das bin ich in solchen F\u00e4llen gerne, auch wenn Landesbanken (die geh\u00f6rten schon immer dem Staat, mal ganz nebenbei) in der ganzen Republik das anders sehen wollten. Und Cunningham stellt die Banken als Verursacher der Kreditklemme dar, die doch eigentlich freigebiger sein sollten, um die Wirtschaft anzukurbeln \u2013 und wenn das geschieht, steht dann wieder der Vorwurf der unverantwortlichen Kreditvergabe im Raum. Cunninghams Traum der wohlwollenden Staatskontrolle mag man sehen, wie man m\u00f6chte \u2013 ein \u00e4hnliches Experiment ist hierzulande glorios gescheitert, und wir zahlen es bis heute ab. Wo \u201eThe Big Short\u201c wunderbar, kritisch, unterhaltsam, lustig und spannend ist, liefert Cunningham eine grimmige linke Predigt, die noch nicht einmal die verwendeten Instrumente schl\u00fcssig erkl\u00e4rt (bei \u201eThe Big Short\u201c kann man die CDOs verstehen, hier kaum) \u2013 und dabei auch noch ziemlich platt, \u00f6de und plakativ-einfach gezeichnet daherkommt. Kritik am System ist wichtig, muss erlaubt sein, aber wer sich f\u00fcr die Thematik interessiert, dem sei Lewis\u2018 \u201eThe Big Short\u201c oder auch der schmissige Film \u201eMargin Call\u201c ans Herz gelegt \u2013 und dass man kritisch, \u00fcberlegt und vor allem gegen die Masse investieren sollte, das hat uns ja schon Herr Kostolany so am\u00fcsant wie lehrreich erkl\u00e4rt. In den 80ern. Lange vor der \u00c4ra der Finanzkrise. (hb)<\/p>\n<p>Supercrash: Das Zeitalter der Selbstsucht<br \/>\nText &amp; Bilder: Darryl Cunningham<br \/>\n248 Seiten in Farbe, Softcover<br \/>\nHanser Verlag<br \/>\n19,90 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-446-44698-4<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D4058\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4058\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Supercrash (Hanser) &raquo; Comicleser #Darryl Cunningham #Das Zeitalter der Selbstsucht #Graphic  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finanzkrise! 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