{"id":3999,"date":"2016-05-04T11:42:57","date_gmt":"2016-05-04T09:42:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3999"},"modified":"2016-05-04T11:45:16","modified_gmt":"2016-05-04T09:45:16","slug":"tschernobyl-egmont","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3999","title":{"rendered":"Tschernobyl (Egmont)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-4000\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tschernobyl.jpg\" alt=\"Tschernobyl (Egmont)\" width=\"287\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tschernobyl.jpg 358w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tschernobyl-215x300.jpg 215w\" sizes=\"auto, (max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/><\/p>\n<p>Fr\u00fchjahr 1986, irgendwo in der Ukraine. Der Bauer Leonid kehrt mit seiner Frau Galia in sein Haus zur\u00fcck, das er vor einiger Zeit notgedrungen verlassen musste. Die Umgebung ist menschenleer, offenbar wurden die wenigen Bewohner evakuiert und die Behausungen dem Erdboden gleichgemacht. Aber Leonid macht sich unverdrossen daran, wieder die Felder zu bestellen, das wenige verbleibende Vieh zu ordnen und das Haus bewohnbar zu machen. Bald stellt sich heraus, dass man sich auf giftigem Boden bewegt: Galia wird krank, und auf ihr Bitten macht sich Leonid auf in die nahegelegene Kleinstadt Prypjat, um dort seine Kinder und Enkel aufzusuchen. Dort findet er allerdings nur \u00d6dnis: Prypjat ist zur Geisterstadt geworden, in der offenbar fluchtartig verlassenen Wohnung sammelt Leonid ein paar Erinnerungsst\u00fccke ein und kehrt zur\u00fcck. Bald muss er Galia begraben und mit ansehen, wie seine Stute ein missgebildetes Fohlen zur Welt bringt\u2026<\/p>\n<p>Szenenwechsel, einige Monate vorher, in der Kleinstadt Prypjat. Vladimir, der Sohn von Leonid, arbeitet im nahegelegenen Atomkraftwerk Tschernobyl, wie mehr oder weniger der gesamte aus dem Boden gestampfte Ort. Zu Besuch sind gerade Opa und Oma Leonid und Galia, die sich auf das zweite Enkelkind freuen, das demn\u00e4chst zur Welt kommen wird. Nach der Abreise der Gro\u00dfeltern auf ihren Bauernhof geht das Leben in Prypjat seinen gewohnten Gang, bis am 26. April pl\u00f6tzlich eine Explosion den Reaktor Vier von Tschernobyl ersch\u00fcttert. Vladimir tut zu der Zeit gerade Dienst und wird mit den anderen schwer verstrahlten Arbeitern heimlich nach Moskau geschafft, w\u00e4hrend die Beh\u00f6rden die Anwohner einen Tag lang im Glauben lassen, alles sei halb so wild, und die umher wabernden Wolken w\u00fcrden sich bald wieder verziehen. Als immer mehr Feuerwehrleute an den Ort des Unfalls eilen, mit Atemmasken und Schutzanz\u00fcgen ausgestattete Sicherheitskr\u00e4fte die Stadt \u00fcbernehmen und die Bev\u00f6lkerung schlie\u00dflich hastig in Busse verfrachten, wird Vladimirs Frau Anna klar, dass die Lage wohl deutlich ernster ist als man sie glauben machen will.<\/p>\n<p>In einem notd\u00fcrftig eingerichteten Quartier untergebracht, lebt sie in Ungewissheit \u00fcber das Schicksal ihres Mannes und steht Todes\u00e4ngste aus, ob ihr Kind denn wirklich gesund zur Welt kommen wird. Einstweilen sterben die unmittelbar der Strahlung ausgesetzten Mitarbeiter und die nachgeschickten Rettungskr\u00e4fte, die so genannten Liquidatoren, reihenweise, darunter auch Vladimir, w\u00e4hrend Pr\u00e4sident Gorbatschow notgedrungen einr\u00e4umen muss, dass sich in Tschernobyl eine unerh\u00f6rte Katastrophe ereignet hat\u2026 2006. Annas Kinder Yuri und Tatjana begeben sich auf der Suche nach Antworten zwanzig Jahre sp\u00e4ter an den Ort des Geschehens. Sie durchstreifen die Ruinen von Prypjat, machen vergessene Schaupl\u00e4tze ihrer Kindheit aus und finden sogar die Wohnung, in der der kleine Yuri Bilder von Tschernobyl malte. Ersch\u00fcttert reisen sie weiter und machen sogar die Gr\u00e4ber der Gro\u00dfeltern Leonid und Galia aus. Ein Nachbar gibt ihnen noch einen Schuhkarton in die Hand: die Habseligkeiten, die Leonid vor 20 Jahren aus der verlassenen Wohnung rettete, sind alles, was von ihrem alten Leben geblieben ist\u2026<\/p>\n<p>Francisco Sanchez legte 2011 mit Tschernobyl sein Deb\u00fct als Graphic Novel Autor vor und packte damit gleich ein Thema von historischer Tiefe an. Jener April 1986 hat sich wohl jedem aus unserer Generation als der Tag eingeschrieben, als das Wort Super-GAU eine brisante Bedeutung bekam, als man pl\u00f6tzlich \u00fcber die Gefahren der Atomkraft nachzudenken begann, frisches Gem\u00fcse und Wild kritisch be\u00e4ugte und bei Regen lieber einmal zu Hause blieb. Lange Zeit versuchte die damalige UdSSR, das wahre Ausma\u00df der Katastrophe unter Verschluss zu halten, und im Gegensatz zu Fukushima, das die Welt mehr oder weniger live mit verfolgte, blieben die vielen Einzelschicksale in und um Tschernobyl oft im Mantel der Vergessenheit. Bis heute gilt das Areal um den Reaktor als verstrahlt, dennoch haben sich mehr als 300 Menschen aufgemacht, wieder ihre alten H\u00e4user zu besiedeln \u2013 aber die Mehrzahl bleibt dem Sarkophag, der die Ruinen \u00fcberdeckt, fern, und Prypjat ist die fast schon sprichw\u00f6rtliche Geisterstadt geblieben, die sie 1986 auf einen Schlag wurde.<\/p>\n<p>Sanchez n\u00e4hert sich seinem Sujet bewusst nicht chronologisch, gibt keinen historisch oder gar technisch akkuraten Abriss, sondern schildert die Ereignisse in drei Kapiteln aus Sicht von drei Generationen einer Familie, deren Leben stellvertretend f\u00fcr alle durch die Katastrophe f\u00fcr immer betroffen wird. Dabei erleben wir durch die Augen der Figuren, wie die Liquidatoren unter Einsatz ihres Lebens Schlimmeres verhindern (und dabei unweigerlich selbst schwerste Sch\u00e4den davontragen), wie die offiziellen Stellen zun\u00e4chst alles herunterspielen und dann anonym und machtvoll die Evakuierung durchziehen. Natacha Bustos inszeniert das Geschehen dabei nach eigenen Aussagen ganz bewusst nicht spektakul\u00e4r oder effekthaschend, sondern zur\u00fcckhaltend, privat, und vor allem die zentrale Szene der Explosion erscheint als lautloser Schattenriss (entgegen der urspr\u00fcnglichen Planung, dies als gro\u00dfformatiges Panel auszubreiten, wozu wir im Anhang noch einen entsprechenden Entwurf bestaunen k\u00f6nnen), was kongenial wiederspiegelt, wie abstrakt und zun\u00e4chst harmlos alles auf die Einwohner wirkte. So entsteht ein zutiefst individuelles, aber gerade so \u00fcber den Einzelfall hinausweisendes Bild einer Kette von Ereignissen, die die Welt f\u00fcr immer ver\u00e4nderten, letztendlich auch zum Sturz der UdSSR in ihrer damaligen Form beitrugen und auch <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1045\" target=\"_blank\">nach 30 Jahren nichts von ihrer brennenden Aktualit\u00e4t verloren<\/a> haben. Einziges \u00c4rgernis ist das Vorwort, das anstelle einer Genre-Verortung einem parteipolitischen Statement Raum gibt, was in einem Comic nichts verloren hat, egal welcher Couleur es auch sein mag. (hb)<\/p>\n<p>Tschernobyl: R\u00fcckkehr ins Niemandsland<br \/>\nText: Francisco Sanchez<br \/>\nBilder: Natacha Bustos<br \/>\n192 Seiten in schwarz-wei\u00df, Softcover<br \/>\nEgmont Graphic Novel<br \/>\n19,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-7704-5525-6<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D3999\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3999\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Tschernobyl (Egmont) &raquo; Comicleser #Egmont #Ehapa #Francisco Sanchez #Graphic Novel #Natacha  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fchjahr 1986, irgendwo in der Ukraine. Der Bauer Leonid kehrt mit seiner Frau Galia in sein Haus zur\u00fcck, das er vor einiger Zeit notgedrungen verlassen musste. 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