{"id":3841,"date":"2016-03-23T10:31:03","date_gmt":"2016-03-23T08:31:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3841"},"modified":"2016-03-23T10:31:03","modified_gmt":"2016-03-23T08:31:03","slug":"ein-mann-namens-cervantes-splitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3841","title":{"rendered":"Ein Mann namens Cervantes (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-3842\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Ein-Mann-names-Cervantes.jpg\" alt=\"Ein Mann names Cervantes (Splitter)\" width=\"280\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Ein-Mann-names-Cervantes.jpg 280w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Ein-Mann-names-Cervantes-210x300.jpg 210w\" sizes=\"auto, (max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/p>\n<p>Afghanistan im Mai 2008. Soldat Mike Cervantes \u00fcberlebt als einziger seiner Patrouille einen Anschlag und ger\u00e4t in die F\u00e4nge der Taliban. In Gefangenschaft muss seine schwer verletzte Hand amputiert werden. Einige Monate und Fluchtversuche sp\u00e4ter wird f\u00fcr ihn L\u00f6segeld gezahlt, er kommt frei. Im Fr\u00fchjahr 2009 ist er wieder zuhause in Arizona. Anfangs h\u00e4lt er sich von der Gesellschaft und seiner Familie fern, lebt abgelegen in einem Wohnwagen, versorgt durch seinen Freund Randy. Was sich erst \u00e4ndert, als er eine Handprothese bekommt. Als Randys Auto-Werkstatt gepf\u00e4ndet wird, beginnt Cervantes einen pers\u00f6nlichen Kreuzzug, der zum Scheitern verurteilt ist: er zerst\u00f6rt einen Geldautomaten und wandert f\u00fcr 16 Monate hinter Gittern. Dort k\u00fcmmert er sich um die Gef\u00e4ngnisbibliothek, liest u.a. den Don Quijote seines ber\u00fchmten Namensvetters. Wieder in Freiheit arbeitet er in der Stadtb\u00fccherei, wird zum gefragten Ratgeber in Sachen Literatur. Nachdem er B\u00fccher entfernen soll die \u201eAnsto\u00df erregen\u201c (u.a. Bukowski), nimmt er seinen Kreuzzug wieder auf, klaut die entsprechenden Titel (um sie zu retten) und haut ab. Auf der Flucht gabelt er mit Tranquillo einen illegalen Einwanderer auf, den er Sancho nennt und sucht Unterschlupf im Navajo-Reservat im Monument Valley. Doch inzwischen sind ihm Polizei und FBI auf der Spur. Und seine selbst auferlegte Mission ist noch lange nicht beendet\u2026<\/p>\n<p>Anfangs zieht die Story Parallelen zu Mike Cervantes\u2018 ber\u00fchmtem Namensvetter, dem einige Jahrhunderte zuvor \u00e4hnliches wiederfuhr: auch er wurde im Krieg (1571, in der ber\u00fchmten Seeschlacht von Lepanto) schwer an der Hand verwundet. Auch er geriet in muslimische Gefangenschaft, versuchte ein ums andere mal zu fliehen und wurde am Ende freigekauft. Als Mike Cervantes dann seine Strafe absitzt, entdeckt er in der Knast-Bibliothek Don Quijote, den spanischen National-Roman, f\u00fcr sich. Fortan beziehen sich die Parallelen auch auf den Romanhelden. Der inspirierte Cervantes tauft seinen Wagen auf Rosinante (wie Don Quijote seine alte M\u00e4re), er sieht statt Riesen in Windm\u00fchlen in den Mesas des Monument Valleys feindliche Soldaten (Taliban), wird wie der \u201eRitter von der traurigen Gestalt\u201c mitunter \u00fcbel zugerichtet und transformiert so vom passiven Autor zum aktiven Romanhelden. Die beiden Cervantes-Figuren werden nun auch weniger verglichen oder parallel gegen\u00fcbergestellt. Stattdessen durchlebt Mike seinen pers\u00f6nlichen Don Quijote. Immer wieder stellt er sich v\u00f6llig aussichtslos und naiv gegen die Obrigkeit, gerne auch gewaltsam, aber immer ungl\u00fccklich und impulsiv, bis er schlie\u00dflich das FBI an seinen Fersen hat.<\/p>\n<p>War und ist der spanische National-Roman bis heute Gegenstand von etlichen Deutungen \u2013 und urspr\u00fcnglich wohl als Parodie auf Ritterromane gedacht \u2013 verpackt Christian Lax in seiner Graphic Novel ganz unzweideutig eine geh\u00f6rige Portion Gesellschaftskritik: die Allmacht der Banken, die seinem Kumpel Randy die Existenz zerst\u00f6rt. B\u00fccher, die nicht mehr als gesellschafts-konform gelten. Das allgegenw\u00e4rtige Internet, das uners\u00e4ttlich Daten sammelt und so gl\u00e4serne Menschen schafft. Die Ohnmacht des Einzelnen zeigt sich in der Reaktion Cervantes\u2018, als er einen Geldautomaten zerst\u00f6rt, oder die betreffenden B\u00fccher ganz naiv stiehlt, die er eigentlich aussortieren soll. Immer, wenn Cervantes in der Gesellschaft erneut Fu\u00df fassen kann und will (nachdem er seine Prothese bekommt und nachdem er in der B\u00fccherei arbeitet) und f\u00fcr diese so wieder zum \u201en\u00fctzlichen Mitglied\u201c wird, wird er einmal mehr zum Au\u00dfenseiter, zum Ausgesto\u00dfenen, der wie einst in Ridley Scotts Thelma &amp; Louise zum Getriebenen mutiert, verfolgt durch die Obrigkeit und trotzdem sein eigenes Ding durchziehend. Nur f\u00fcr Sancho Pansa will sich nicht so recht ein Pendant finden. Der illegale Mexikaner Tranquillo, den Cervantes als Sancho rekrutiert, passt nicht nur wegen seiner Physiognomie nicht (er ist weder klein noch rundlich), noch ordnet er sich dessen \u201eMission\u201c unter.<\/p>\n<p>Christian Lax (eigentlich Lacroix), dessen Comics zuletzt von Schreiber &amp; Leser verlegt wurden (Sarane, Adler ohne Krallen), setzt in seiner Graphic Novel um Cervantes\u2018 unheilvollen und aussichtlosen Kreuzzug gegen Gro\u00dfkapitalismus und Zensur ganz auf schwarz-grau-wei\u00dfe Farben, die in ihren Abstufungen stets beeindrucken und gef\u00fchlvoll eingesetzt werden. Viele der realistisch gezeichneten Panels sind gro\u00dfz\u00fcgig &#8211; manche ganzseitig \u2013 und wirken nie \u00fcberladen. Immer mal wieder l\u00e4sst Lax die Natur in seinen Bildern sprechen, sei es bei Cervantes\u2018 abgelegener Behausung, im n\u00e4chtlichen Monument Valley oder im wilden Afghanistan, was stets eine atmosph\u00e4rische Dichte erzeugt. Was ist \u201eEin Mann namens Cervantes\u201c nun? Ein Abgesang auf den amerikanischen Traum? Reine Gesellschaftskritik? Oder eine moderne Adaption eines Klassikers? Sicher von jedem etwas. Vor allem aber eine Graphic Novel, die inhaltlich und k\u00fcnstlerisch empfehlenswert ist. (bw)<\/p>\n<p>Ein Mann namens Cervantes<br \/>\nText &amp; Bilder: Christian Lax<br \/>\n208 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n29,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95798-230-4<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D3841\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3841\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Ein Mann namens Cervantes (Splitter) &raquo; Comicleser #Christian Lax #Don Quijote #Ein Mann name [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Afghanistan im Mai 2008. Soldat Mike Cervantes \u00fcberlebt als einziger seiner Patrouille einen Anschlag und ger\u00e4t in die F\u00e4nge der Taliban. In Gefangenschaft muss seine schwer verletzte Hand amputiert werden. 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