{"id":3362,"date":"2015-11-12T10:43:19","date_gmt":"2015-11-12T08:43:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3362"},"modified":"2015-11-12T10:50:44","modified_gmt":"2015-11-12T08:50:44","slug":"ich-bin-fagin-egmont","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3362","title":{"rendered":"Ich bin Fagin (Egmont)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3363\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Ich-bin-Fagin.jpg\" alt=\"Ich bin Fagin (Egmont Graphic Novel)\" width=\"297\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Ich-bin-Fagin.jpg 297w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Ich-bin-Fagin-223x300.jpg 223w\" sizes=\"auto, (max-width: 297px) 100vw, 297px\" \/><\/p>\n<p>Fagin. K\u00f6nig der Diebe. Der h\u00e4ssliche Unsympath aus Oliver Twist, der die Kinder ausnutzt. Fagin, der Jude. Will Eisner hat sich in seinem vorletzten gro\u00dfen Werk mit der durchaus umstrittenen Figur aus dem ber\u00fchmten Roman-Klassiker von Charles Dickens besch\u00e4ftigt, Fagins Leben aufzeichnet und erz\u00e4hlt so einmal f\u00fcr Leser des Buches Neues und zum anderen Altbekanntes, das er aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.<\/p>\n<p>Moses Fagin w\u00e4chst in den Gassen Londons auf. Sein Vater bringt ihm kleine Betr\u00fcgereien bei, Tricks, wie man auf der Stra\u00dfe an ein paar Kr\u00f6ten kommt. Die fast mittellose Familie geh\u00f6rt wie viele andere Juden ohne jegliche Aufstiegsm\u00f6glichkeiten zum Bodensatz der Gesellschaft. Manchen Juden mag es gelingen, ein Verm\u00f6gen zu machen. Im Ansehen aufzusteigen oder gar politische \u00c4mter zu bekleiden, bleibt aber auch ihnen verwehrt, weshalb sich viele der reichen Juden taufen lassen. Nach dem Tod seiner Eltern scheint Fagin zuerst das Gl\u00fcck hold zu sein. Er wird Hausdiener bei einem verm\u00f6genden Juden. Nach einigen Jahren wird ihm eine nicht standesgem\u00e4\u00dfe Liebschaft zum Verh\u00e4ngnis. Fagin verliert seinen Job und landet wieder auf der Stra\u00dfe. Er sinkt immer tiefer und wird in einen Raubmord verwickelt. Das Urteil: zehn Jahre Verbannung in \u00dcbersee. Auch dort h\u00e4lt er sich mit Tricks und Betr\u00fcgereien \u00fcber Wasser, da seine ehrlichen Absichten nicht fruchten oder hintergangen werden. Zur\u00fcck in London wird er zu dem Gauner, den wir aus dem Roman kennen.<\/p>\n<p>Szenenwechsel. Der Waisenjunge Oliver Twist ist neu in London und landet bei Fagin. Der bildet ihn alsgleich zum Gauner aus und schickt ihn auf die Stra\u00dfe. Nach einem Zwischenfall landet er bei dem angesehenen und verm\u00f6genden Mr. Brownlow. F\u00fcr eine Weile scheint es, als k\u00e4me er weg von der Gosse. Bis Sikes, Fagins brutaler Partner, ihn wieder aufsp\u00fcrt. Dann wird Oliver bei einem Einbruch angeschossen. Wieder scheint er Gl\u00fcck zu haben, wieder wird er von einer verm\u00f6genden Familie, den Maylies, aufgenommen. Und erneut versuchen Sikes und Fagin ihn zu finden, um zu vermeiden, dass sie von ihm verraten werden. Und dann ist da noch der mysteri\u00f6se Mr. Monk, der Kontakt zu Fagin sucht und mehr \u00fcber Olivers mysteri\u00f6se Herkunft zu wissen scheint\u2026<\/p>\n<p>Will Eisner (1917-2005) ist unbestritten einer der Giganten des Comics. Ber\u00fchmt wurde er bereits in den Vierzigern durch seinen Spirit, der gerade bei Salleck als preisgekr\u00f6nte Gesamtausgabe erscheint. Sp\u00e4ter war er f\u00fcr die Entwicklung und Etablierung des Genres der Graphic Novel beinahe im Alleingang verantwortlich. Einige seiner bekanntesten Erz\u00e4hlungen sind in drei dicken Sammelb\u00e4nden zusammengefasst, die im Carlsen-Verlag erscheinen. Eisners letztes gro\u00dfes Werk, \u201aDas Komplott\u2018, das sich einmal mehr mit seiner Religion, dem Judentum, besch\u00e4ftigt und gleichzeitig mit einer perfiden Legende aufr\u00e4umt, wurde bei DVA ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>In seinen fr\u00fcheren Spirit Geschichten taucht die Figur des Ebony auf, ein f\u00fcr die damalige Zeit typischer Klischee-Schwarzer, der nicht nur bereits durch den Namen diverse Vorurteile auf sich vereint. Sp\u00e4ter, als Eisner reifer und \u00e4lter wurde, wandelte er die Figur ab, entfernte deren Karikatur-hafte Eigenschaften. Auch die Figur des Fagin war zuerst das Abziehbild eines Juden, wie ihn die damalige Gesellschaft sah. Hinterh\u00e4ltig, unehrlich, ausnutzend, b\u00f6se. Von entsprechend absto\u00dfender Gestalt. Und auch Fagin wurde sp\u00e4ter von Dickens selbst \u201aabgemildert\u2018. Jetzt stellt Eisner das Image des j\u00fcdischen Hehlers ins richtige Licht, indem er einen erz\u00e4hlerischen Kniff benutzt: als Rahmenhandlung l\u00e4sst er den in seiner Zelle auf die Hinrichtung wartenden Fagin direkt zu Charles Dickens sprechen. Er berichtet sein Leben und beschwert sich \u00fcber die verzerrte, klischeehafte Darstellung seiner Person, redet dem Autor ins Gewissen.<\/p>\n<p>Eisner stellt Fagin als Gescheiterten dar. Als einen, der auf dem rechten Weg bleiben wollte, der aber aufgrund seiner \u201aniederen\u2018 Herkunft und durch die Umst\u00e4nde gezwungen wurde, das zu werden, was er dann auch wurde: ein Gauner, ein Hehler, der jungen Obdachlosen und Waisen Unterschlupf gew\u00e4hrte, die f\u00fcr ihn Diebesgut beschafften. Im Epilog, den ein erwachsener Oliver erz\u00e4hlt und der bez\u00fcglich der Jugend Fagins ganz raffiniert nach Dickens-Art noch einmal diverse F\u00e4den zusammenf\u00fchrt, erh\u00e4lt Fagin dann beinahe die vollst\u00e4ndige Rehabilitation.<\/p>\n<p>War Eisner wegen seiner Ebony-Figur ein Rassist? Sicher nicht. War Dickens deshalb ein Antisemit? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Das ist durchaus strittig. M\u00f6glicherweise ist die stereotype Darstellung der beiden Figuren der jeweiligen Zeit geschuldet, in der sie entstanden, ein Menschenbild, gedankenlos dargestellt, das immer wieder auftaucht und wuchert und so leider bis in die heutige Zeit reflektiert, wie die Beispiele von plumpen, schubladenhaften Vorurteilen gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen aktuell zeigen. Insofern war Eisner mit seiner differenzierten Fagin-Betrachtung (die auch ausf\u00fchrlich im Anhang erl\u00e4utert wird) einmal mehr ein Vision\u00e4r seiner Zunft. (bw)<\/p>\n<p>Ich bin Fagin \u2013 Die unerz\u00e4hlte Geschichte aus Oliver Twist<br \/>\nText &amp; Bilder: Will Eisner<br \/>\n144 Seiten in schwarz-wei\u00df, Hardcover<br \/>\nEgmont Graphic Novel<br \/>\n19,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-7704-5521-8<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D3362\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3362\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Ich bin Fagin (Egmont) &raquo; Comicleser #Charles Dickens #Egmont #Ehapa #Fagin the Jew #Graphic  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fagin. K\u00f6nig der Diebe. Der h\u00e4ssliche Unsympath aus Oliver Twist, der die Kinder ausnutzt. Fagin, der Jude. 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