{"id":3198,"date":"2015-10-08T09:00:01","date_gmt":"2015-10-08T07:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3198"},"modified":"2015-10-08T09:00:01","modified_gmt":"2015-10-08T07:00:01","slug":"weisse-felder-splitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3198","title":{"rendered":"Weisse Felder (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3199\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Weisse-Felder.jpg\" alt=\"Weisse Felder (Splitter)\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Weisse-Felder.jpg 300w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Weisse-Felder-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Schreibblockade! Dieses Schreckgespenst kennt jeder, der schon einmal einen Aufsatz, eine wissenschaftliche Arbeit oder gar ein k\u00fcnstlerisches Werk (z.B. eine Comic-Besprechung\u2026) zu Papier bringen wollte. Das Blatt schaut einen einfach an, es f\u00e4llt einem nichts ein, und so g\u00e4hnt da, wo doch eigentlich die Worte sprudeln sollten, eben nur ein wei\u00dfes Feld. Dass das einem Comic-Zeichner genauso passieren kann, gerade einem erfolgsverw\u00f6hnten, das muss der gefeierte Vincent Marbier leidvoll erfahren: nach zahlreichen Flops hat er mit \u201aDie Pfade der Schatten\u2018 nach Jahren endlich einen veritablen Hit gelandet, der nicht nur bei Kritikern hochgelobt wurde, sondern auch scharenweise Leser gefunden hat und somit Verlag und Autor ordentlich Geld in die Kasse sp\u00fclt. Das ist auch dringend n\u00f6tig, denn au\u00dfer Marbier hat sein Verlagshaus \u00c9ditions Rivages kein Zugpferd, und so warten nicht nur Fans, sondern auch seine Auftraggeber und sein Texter Olivier Moral sehnlich auf Band 2.<\/p>\n<p>Das Problem: Vincent hat nichts. Keine Inspiration, keinen Einfall, keine Mu\u00dfe. Und vor allem keine einzige neue Seite f\u00fcr seine Serie. Er lebt zur\u00fcckgezogen, k\u00fcmmert sich um einen Sohn, dessen Sorgerecht er sich mit seiner geschiedenen Frau teilt, joggt durch die Felder und sucht nach frischer Motivation, die er aber partout nicht findet. Auf Dr\u00e4ngen seines Verlegers kommt er zu einer Vernissage seiner Originale nach Paris und verspricht, die ersten Seiten des neuen Werks mitzubringen \u2013 nur um dann zu behaupten, er habe sie im Zug verloren. Auf dem Comic-Festival von Saint-Malo bebt die Comicszene mit der \u00f6ffentlichen Suche nach den angeblich verlorenen Seiten, die es nie gab, w\u00e4hrend Vincent sich immer mehr von allen Seiten unter Druck f\u00fchlt. Autor und Verleger, denen das finanzielle Wasser bis zum Hals steht, bereiten hinter den Kulissen l\u00e4ngst seine Abl\u00f6sung durch einen jungen Zeichenknecht vor, als Vincent durch eine Katastrophe drastisch erkennen muss, was ihm gefehlt hat. Vor dem Hintergrund einer menschlichen Trag\u00f6die, aus der er selbst nur knapp entkommt, wird ihm klar: nicht Monster, Ritter und Fabelwesen, sondern das zwischenmenschliche, existentielle Element interessiert ihn \u2013 und verleiht ihm auch wieder Kraft und Mut, seine Kunst neu zu erleben\u2026<\/p>\n<p>Der Roman \u00fcber den Autor, das Bild \u00fcber den Maler, dieser Topos ist in der Kunst altbew\u00e4hrt, von James Joyces \u201aPortrait of the Artist as a Young Man\u2018 \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3166\" target=\"_blank\">van Goghs Selbstbildnisse<\/a>. Selbstreflexion und Nachdenken \u00fcber das eigene Medium begegnen im Comic h\u00e4ufig auf der Meta-Ebene, als ironische Brechung oder Zerst\u00f6rung der Illusion (ernsthaft z.B. in <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2613\" target=\"_blank\">\u201aOpus\u2018 von Satoshi Kon<\/a>, satirisch in ungef\u00e4hr jedem <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?tag=deadpool\" target=\"_blank\">Deadpool-Band<\/a>), eine direkte Beleuchtung des K\u00fcnstler-Dilemmas zwischen k\u00fcnstlerischem Anspruch und kommerziellem Druck war bislang selten. <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=933\" target=\"_blank\">Sylvain Runberg<\/a> (u.a. <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=862\" target=\"_blank\">\u201aKonungar\u2018<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2362\" target=\"_blank\">\u201aReconquista\u2018<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1214\" target=\"_blank\">\u201aOrbital\u2018<\/a>, alle ebenfalls bei Splitter) gelingt in \u201aWei\u00dfe Felder\u2018 das Kunstst\u00fcck, die inneren Konflikte des vom eigenen Erfolg verfolgten Zeichners erlebbar zu machen, ohne in verkopfte Selbstspiegelung abzugleiten. Bewusst konfrontiert er den nach Orientierung suchenden Vincent, der Band 1 in der Extremsituation der Scheidung annahm und im Bewusstsein lieferte, die geplante Serie w\u00fcrde \u00fcber den Anfang ohnehin nie hinauskommen, mit den rein wirtschaftlich orientierten Verlegern, die (verst\u00e4ndlicherweise) die Zukunft des Unternehmens im Sinne haben \u2013 und deren kommerzielles Interesse vom unverhohlenen Opportunismus des Autors Olivier noch \u00fcbertroffen wird, der als erster die Absetzung Vincents aktiv betreibt.<\/p>\n<p>Besonders gef\u00e4llt dabei die geschickte Verortung des Geschehens in der real existierenden franz\u00f6sischen Comic-Szene: da besucht Vincent das ber\u00fchmte Festival von Saint-Malo und trifft vor Ort nicht nur illustre Kollegen wie Emanuel Lepage, der gerade an seinem neuesten Wurf \u201aWei\u00df wie der Mond\u2018 arbeitet, sondern sogar seinen \u201aeigenen\u2018 realen Zeichner Olivier Martin. Die Verleger versuchen sich die besten Talente wie etwa <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2086\" target=\"_blank\">Jean-David Morvan<\/a> (<a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2786\" target=\"_blank\">\u201aHerkules\u2018<\/a> bei Splitter; \u201aSpirou\u2018 &amp; \u201aSillage\u2018 im Carlsen Verlag) abzujagen, und Vincent muss sich bezeichnenderweise ausgerechnet vom Preistr\u00e4ger Jed schm\u00e4hen lassen. So entsteht ein lebendiges Bild einer Szene, die weitab vom k\u00fcnstlerischen Idealismus den Spagat zwischen Anspruch und kommerziellem Erfolg immer schwieriger absolviert, in der Erfolgsmuster in Endlosfortsetzungen ewig variiert werden und auch fragw\u00fcrdige Gesellen unterwegs sind. Erst als eine Naturkatastrophe den Blick auf das Wesentlich lenkt, findet Vincent zu sich selbst zur\u00fcck und wendet sich vom Erwartungsdruck, der auf ihm lastet, ab.<\/p>\n<p>In einem fiktiven Interview am Ende des Bandes kristallisieren sich die unterschiedlichen Pole nochmals sehr deutlich heraus: Vincent bleibt fast stumm, f\u00fchlt sich bedr\u00e4ngt, wohingegen der plappernde Moral vorgefertigte Phrasen \u00fcber die tolle Zusammenarbeit und seine thematische Bandbreite (Fantasy, Abenteuer, was halt geht) abspult. W\u00e4hrend Moral eine Zusammenarbeit mit Jed zu einem erotischen Comic ank\u00fcndigt \u2013 Kassenschlager ahoi! \u2013, weist Vincent auf den immer kleiner werdenden Freiraum des K\u00fcnstlers vor dem Hintergrund der Kommerzialisierung und des Verdr\u00e4ngungswettbewerbs in der Branche hin. Olivier Martin inszeniert diese stille, eindrucksvolle Geschichte in bestechend schlichten Bleistift-\/Tusche-Zeichnungen, deren stilvoll-monochrome Gestaltung nur in den Szenen der Katastrophe in Form einer \u00dcberschwemmung Farbtupfer aufweisen. Dies f\u00fcgt sich harmonisch ins Gesamtbild einer Erz\u00e4hlung, die wie ihre Hauptfigur bewusst gegen den Strom von krachigen, explosiven Abenteuern inneh\u00e4lt, den Blick nach innen richtet und vollkommen ohne Eitelkeit oder Selbstverliebtheit einen Einblick nicht nur ins Wesen der Comic-Branche, sondern in die Seele eines K\u00fcnstlers gew\u00e4hrt. Ganz gro\u00df! (hb)<\/p>\n<p>Weisse Felder<br \/>\nText: Sylvain Runberg<br \/>\nBilder: Olivier Martin<br \/>\n88 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n17,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95839-144-4<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D3198\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3198\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Weisse Felder (Splitter) &raquo; Comicleser #Graphic Novel #Olivier Martin #Splitter #Sylvain Runb [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreibblockade! Dieses Schreckgespenst kennt jeder, der schon einmal einen Aufsatz, eine wissenschaftliche Arbeit oder gar ein k\u00fcnstlerisches Werk (z.B. eine Comic-Besprechung\u2026) zu Papier bringen wollte. 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