{"id":3163,"date":"2015-09-24T15:12:50","date_gmt":"2015-09-24T13:12:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3163"},"modified":"2015-09-24T15:12:50","modified_gmt":"2015-09-24T13:12:50","slug":"meine-80er-jahre-band-1-chinabooks","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3163","title":{"rendered":"Meine 80er Jahre, Band 1 (Chinabooks)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-3164\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Meine-80er-Jahre-1.jpg\" alt=\"Meine 80er Jahre, Band 1 (Chinabooks)\" width=\"284\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Meine-80er-Jahre-1.jpg 284w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Meine-80er-Jahre-1-213x300.jpg 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 284px) 100vw, 284px\" \/><\/p>\n<p>\u201eMade in Taiwan!\u201c Diese aufgepr\u00e4gte Schrift zierte in meiner Kindheit durchaus viele Mitbewohner meines Zimmers, insbesondere die unweigerlich aus Plastik gefertigten Action-Figuren und ihre zugeh\u00f6rigen Fahrzeuge. Bald fanden wir heraus, dass es sich hier nicht um Sch\u00e4dlinge handelte, sondern um die Herkunftsbezeichnung \u2013 offenbar war man im damals noch unglaublich fernen Osten flinker, billiger und flexibler als in der seinerzeit noch heilen deutschen Industriewelt. Auch vor Ort erlebte manch einer Heranwachsender diesen Aufschwung, die Aufhebung des Kriegsrechts Ende der 60er, der folgenden \u00d6ffnung hin zu mehr Demokratie und der Emanzipation von der Kolonial-Fuchtel hin zur ebenso fraglichen Flagge des chinesischen Regimes, h\u00f6chst subjektiv. Wie unsere Generationsgenossen den Aufbruch des Landes in die Zukunft begleiteten, das schildert Sean Chuang in seiner sch\u00f6nen autobiographischen Graphic Novel \u201eMeine 80er Jahre\u201c anhand von repr\u00e4sentativen Episoden.<\/p>\n<p>Wie der Titel schon sagt, erleben wir die Geschichte hier nicht in Haupt- und Staatsaktion, sondern in h\u00f6chst pers\u00f6nlichen, kleinen Vignetten, in die Chuang seine Erinnerungen packt. Da fiebert die ganze Familie bei Baseball-Austragungen mit, wie das zu dieser Zeit hierzulande nur noch Gerd M\u00fcller &amp; Co. zuwege brachten \u2013 weil das sportliche Feld das erste war, mit dem das bitterarme Land aus dem Schatten treten konnte. Man kann sich erste kulturelle Dinge erlauben, wie etwa die Klavierstunden, die sich die Mutter g\u00f6nnt und zu denen der kleine Sean jeweils per Zug mit anreist. Der Boom der Actionfiguren steht ebenso stellvertretend f\u00fcr den langsam aufkeimenden Wohlstand: lange bevor Transformers auch bei uns Einzug hielten, bildeten formwandlerische Superroboter das unerreichbar scheinende Ziel der Kinder, und Sean gelingt es als einem der wenigen Gl\u00fccklichen, einen davon zu erhaschen. Weil er sich lieber die Zeit in Spielhallen mit fr\u00fchen Arcade-Games im Stile von Space Invaders vertreibt, schafft es Sean \u201enur\u201c an die Kunstschule in Taipeh, wo er trotz harschen Haarschneide-Regimes \u2013 alle vier Wochen wird geschoren \u2013 sein Zeichentalent ausleben kann. Bruce Lee avanciert einstweilen zum Nationalheld, der nicht nur trefflichen Kampfsport gegen Chuck Norris, sondern auch klare politische Positionen gegen die verhassten Japaner bezieht. Eher holprige erste Begegnungen mit dem anderen Geschlecht (die Brieffreundin stellt sich als durchaus h\u00e4sslich heraus), Abenteuer auf einer geliehenen Vespa und die ersten Gehversuche in der eigenen Wohnung runden das Bild einer Jugend ab, auf die der erwachsene Sean eingangs durchaus wehm\u00fctig zur\u00fcckblickt, da die Sorglosigkeit und Freiheit l\u00e4ngst ersetzt wurden durch Hektik im Beruf, Familienstress und Wohnungskredit\u2026<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu anderen, historisch verorteten Graphic Novels, wie etwa <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2678\" target=\"_blank\">\u201aEin Sch\u00f6ner Kleiner Krieg\u2018 von Marcelino Truong<\/a>, betont der 1968 geborene Chuang, der hauptberuflich als Werbefilmer t\u00e4tig ist und 1995 als Comicautor deb\u00fctierte, ganz absichtlich die private Sichtweise des Geschehens. Seine Episoden, die von 1976 bis Mitte der 90er spielen, entfalten sich zwar vor dem Hintergrund des langsam aufkommenden Wohlstand des Landes, der sich in Kinos \u00e4u\u00dfert, die nicht nur Kung Fu-Filme, sondern zunehmend auch US-Produktionen wie \u201aDie R\u00fcckkehr der Jedi-Ritter\u2018 zeigen, in immer raffinierteren Computerspielen, in pl\u00f6tzlich erschwinglichen Motorr\u00e4dern und dem Umzug in die Gro\u00dfstadt Taipeh. Im langsam aufkeimenden schulischen Leistungsdruck nimmt Chuang den heute sattsam bekannten Drill vorweg, mit dem sich Asiens Elite den Weg an die Universit\u00e4ten der Welt bahnt und der auch hierzulande in Form von Pisa nicht mehr g\u00e4nzlich entlegen ist.<\/p>\n<p>Aber durch den privaten Fokus erreicht Chuang neben diesen lokalen Fixpunkten eine Allgemeing\u00fcltigkeit, die weit \u00fcber eine Schilderung des asiatischen Aufschwungs hinausweist: die unerreichbar scheinenden, teuren Spielzeuge (dort Kampfroboter, bei uns war das die Carrera-Bahn, die nur wenige Auserw\u00e4hlte zu ihren Sch\u00e4tzen z\u00e4hlen durften \u2013 ich geh\u00f6rte dazu), ein langsam derangierter Roger Moore als James Bond, die lustigen Versuche im Breakdance, das Macho-Gehabe auf dem Moped, die ungeschickte Ann\u00e4herung an M\u00e4dchen, all das geh\u00f6rte in den sp\u00e4ten 70ern und fr\u00fchen 80ern zum Erwachsenwerden, egal ob in Asien oder Aschaffenburg, wodurch Chuang weniger f\u00fcr ein Land als f\u00fcr eine ganze Generation spricht. Die schwarz-wei\u00df-Zeichnungen wirken dabei in den Figurendarstellungen oft expressiv, vor allem in der Pubert\u00e4ts-Zeit \u00fcberdreht und gro\u00dfformatig, um die platzende Energie oder auch die schulischen N\u00f6te expressiv darzustellen. Ein Erz\u00e4hlerkommentar wechselt mit Dialogszenen und f\u00fchrt flott durch die teilweise am\u00fcsanten, teilweise nachdenklichen, aber immer eindrucksvollen Episoden des Heranwachsens in einer turbulenten Zeit.<\/p>\n<p>Der Comicroman, der im Original 2013 erschien, liegt hier in einer zweisprachigen Ausgabe vor, die die chinesische Vorlage zur deutschen \u00dcbersetzung hinzuf\u00fcgt, die von Marc Hermann fl\u00fcssig zu lesend und mit Fu\u00dfnoten versehen besorgt wurde. Ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr, dass auch scheinbar exotische Beitr\u00e4ge Lesefreude und Wiedererkennungswerte bringen k\u00f6nnen. (hb)<\/p>\n<p>Meine 80er Jahre. Eine Jugend in Taiwan, Band 1<br \/>\nZweisprachige Ausgabe Deutsch-Chinesisch<br \/>\nText &amp; Bilder: Sean Chuang<br \/>\n192 Seiten in schwarz-wei\u00df, Taschenbuch<br \/>\nChinabooks E.Wolf<br \/>\n16 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-905816-59-4<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D3163\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=3163\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Meine 80er Jahre, Band 1 (Chinabooks) &raquo; Comicleser #Chinabooks #Eine Jugend in Taiwan #Graph [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMade in Taiwan!\u201c Diese aufgepr\u00e4gte Schrift zierte in meiner Kindheit durchaus viele Mitbewohner meines Zimmers, insbesondere die unweigerlich aus Plastik gefertigten Action-Figuren und ihre zugeh\u00f6rigen Fahrzeuge. 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