{"id":2925,"date":"2015-07-26T20:32:18","date_gmt":"2015-07-26T18:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2925"},"modified":"2015-07-26T20:34:20","modified_gmt":"2015-07-26T18:34:20","slug":"schattenspringer-band-2-panini","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2925","title":{"rendered":"Schattenspringer, Band 2 (Panini)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2926\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Schattenspringer-2.jpg\" alt=\"Schattenspringer 2 (Panini)\" width=\"289\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Schattenspringer-2.jpg 289w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Schattenspringer-2-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/p>\n<p>Irgendwie \u201eanders\u201c zu sein ist schwierig genug \u2013 aber mit dem Versuch aufzuwachsen, dennoch ebenso vehement wie erfolglos dagegen anzuk\u00e4mpfen, das ist nahezu unm\u00f6glich, kr\u00e4ftezehrend und \u2013 auch der vollkommen falsche Weg. So in etwa kann man das zusammenfassen, was die Berliner Zeichnerin und Autorin Daniela Schreiter uns im zweiten Teil ihrer autobiographischen Graphic Novel \u201aSchattenspringer\u2018 ber\u00fchrend und eindrucksvoll nahebringt. Ging es im ersten Teil, der 2014 zu einem der meist diskutierten und zu Recht ger\u00fchmten Comics avancierte, noch um eine Kindheit im Zeichen des Asperger-Syndroms, f\u00fchrt uns die Fortsetzung nun die Jugendzeit bis hin zur durchaus befreienden Diagnose. Schon im ersten Teil f\u00fchrte uns Daniela sehr einf\u00fchlsam vor Augen, was f\u00fcr so genannte \u201eNTs\u201c (also neurotypische Menschen) oftmals schwerlich nachzuvollziehen und klischeebeladen ist: das Gef\u00fchl, schlichtweg auf dem falschen Planeten gelandet zu sein, der mit Reiz\u00fcberflutung und sozialen Konventionen aufwartet, die f\u00fcr Menschen mit dem breiten Spektrum an Asperger-Syndromen schwerlich zu verarbeiten sind.<\/p>\n<p>Ihre Eigenheiten, aber auch vielen Vorz\u00fcge pr\u00e4sentierte schon Teil 1 in repr\u00e4sentativen, oft auch lustigen Episoden \u2013 eine hohe taktile Reizbarkeit (Sonne? Strand? Ein Graus!), Befremdung \u00fcber soziale Interaktionsspiele (in die Augen schauen? Warum? Die Worte kommen doch aus dem Mund?), hoher Gerechtigkeitssinn und die Vorliebe f\u00fcr spezielle Wissensgebiete, die bis zur Meisterschaft ausgebreitet werden. Teil 2 setzt nun in gleicher Stilistik \u2013 Daniela f\u00fchrt uns mit ihrem Alter Ego, einem kleinen Fuchs, der das Geschehen oft kommentiert und sich \u00fcber sie am\u00fcsiert bzw. sie berichtigt, durch die Szenerie \u2013 am Beginn der Pubert\u00e4t an, die zu einer noch gr\u00f6\u00dferen Herausforderung wird: f\u00fchlt sich Daniela ohnehin oft schon wie ein Alien, das die Welt anders wahrnimmt, katapultieren sie die Ver\u00e4nderungen ihres K\u00f6rpers endg\u00fcltig in eine emotionale Achterbahnfahrt. Die neuen monatlichen \u201eBesucher\u201c in Form von r\u00f6tlichen Tropfen, die anfangs kumpelhaft tun und sie dann recht plagen, helfen da auch nicht gerade weiter. Aber weiterhin m\u00f6chte sie dazugeh\u00f6ren, erk\u00e4mpft sich ihre Inklusion damit, dass sie versucht, wie ein NT zu wirken, was ihr ungemein viel Kraft abverlangt \u2013 zumal auch die ersten Beziehungsans\u00e4tze eher zur Pflicht\u00fcbung denn als Genuss wirken.<\/p>\n<p>Wie bei den Bundesjugendspielen geht es beim ersten Sex zu: dabei sein ist alles, Teilnehmerurkunde abholen, zur Sieger- oder gar Ehrenurkunde reicht es nicht. So f\u00e4llt der Fokus stetig mehr auf den Versuchen, Beziehungen aufzubauen oder auch zu unterhalten, was zwar auch mit verst\u00e4ndigen Partnern anf\u00e4nglich nicht gutgeht, aber doch wertvolle Erfahrungen bringt (Sex kann Spa\u00df machen \u2013 es gibt auch andere, die so sind wie ich \u2013 aber Zusammenleben ist schwierig\u2026). Aber immer noch setzt sich die heranwachsende Daniela dem Druck aus, eben nicht anders sein zu wollen, sondern eine \u201enormale\u201c Frau \u2013 und wenn das nicht klappt, plagen sie Schuldgef\u00fchle und sogar Selbstmordgedanken. Die Uni wirkt einerseits aufregend (endlich kann man sich mit den Dingen intensiv besch\u00e4ftigen, die einen interessieren, und sogar aus der sicheren Umgebung der eigenen vier W\u00e4nde!) und bedrohlich (Massenaufl\u00e4ufe im Audimax? Mensa? Geht gar nicht!! Nichts wie nach Hause!!) \u2013 und als sie bei einem weiteren Beziehungsversuch ihre Kr\u00e4fte aufzehrt, um normal zu wirken, haut es sie komplett aus den Latschen. In Eigenrecherche st\u00f6\u00dft sie dann auf das breit gef\u00e4cherte Syndrom des Asperger-Autismus, was sie nach einigen Monaten auch als Diagnose f\u00fcr sich selbst akzeptieren kann. Dieser Befreiungsschlag \u2013 es ist ok, anders zu sein, ich bin nicht schuld an irgendetwas \u2013 und eine wirklich gl\u00fcckliche Beziehung bilden den Schlusspunkt. Vorl\u00e4ufig, denn es gibt noch viel zu berichten\u2026<\/p>\n<p>Daniela Schreiter gelingt es auch in Band 2 wieder, \u00fcberraschende Einblicke und Erkenntnisse zu vermitteln, ohne jemals belehrend oder mitleidheischend zu wirken. Erneut hangeln wir uns \u00fcber Situationen, Episoden und erkl\u00e4rende Zwischentexte entlang an dem Grundthema: nur in Wort und Bild ist es m\u00f6glich, ann\u00e4hernd zu vermitteln, wie man sich auf einer Welt als Alien f\u00fchlt. Die Antennen sind nach wie vor auf dem Kopf, der Fuchs wirbt mit einem Spruchband f\u00fcr Akzeptanz, die Abwehrreaktionen Overload (emotionale \u00dcberreizung), Shutdown (v\u00f6lliger R\u00fcckzug) und Meltdown (aggressives Ablehnen der Au\u00dfenwelt) werden in bester Warner-Cartoon-Manier \u00fcberzeichnet ins Bild ger\u00fcckt, und Danielas vertraute Welt der Comics und Videospiele bietet oft eine gestalterische Parallele (game over? Oder continue level?). Im Einklang mit ihrer pers\u00f6nlichen Entwicklung setzt Daniela zunehmend literarische Parallelen ein \u2013 wenn sie sich an der Uni verloren f\u00fchlt, weil ihr der Orientierungssinn mangelt, erscheint sie als Zauberlehrling, der in Hogwarts den wandernden Treppen hinterherl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Durchg\u00e4ngig allerdings sind Motive von Douglas Adams, dessen \u201aPer Anhalter durch die Galaxis\u2018-Reihe (bekanntlich eine vierteilige Trilogie in f\u00fcnf B\u00e4nden) nicht nur titelgebend funktioniert, sondern auch als permanente Hintergrund-Parallele mitl\u00e4uft: da wirft man ihr ein Handtuch zu, das bekanntlich wichtigste Ausr\u00fcstungsteil auf jeder Raumreise, durchs All begleitet sie ein Narwal, ihre d\u00fcsteren Gedanken kommentiert ein manisch-depressiver Kampfroboter, den wir als Marvin kennen, und die Diagnose erscheint ihr dann wie die Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest (von der wir alle wissen, dass sie 42 lautet). Durch die Zeitebenen springt sie in einer Telefonzelle wie ein sattsam bekannter Zeitherrscher, und die Welt der Comics begleitet sie in Form der X-Men \u00fcber all die Jahre.<\/p>\n<p>Entstand in Band 1 die \u00fcberraschend heitere Stimmung durch die satirisch-\u00fcberformte Darstellung einzelnen Stationen der Kindheit, dominieren nun die eher essayhaften, r\u00fcckblickenden Ausfl\u00fcge in den vergeblichen Versuch, das eigene Wesen zu verleugnen und dazu geh\u00f6ren zu wollen. Die literarischen Querverweise und witzig- expressiven Zeichnungen verleihen dabei eben genau die seri\u00f6se Leichtigkeit, die auch Schattenspringer 2 wieder zu einem Werk machen, das Verst\u00e4ndnis schafft, ohne jemals oberlehrerhaft daherzukommen oder gar mit dem Gutmensch-Zeigefinger zu winken. Vor sechs Jahren legte die Diagnose auch den Grundstein f\u00fcr die Umsetzung von Danielas Erfahrungen im Medium Comic, das sich erneut als kongenial zur Vermittlung von Einsicht und Wissen, gepaart mit jeder Menge Am\u00fcsement und Schmunzeln, erweist \u2013 und alles andere erz\u00e4hlt sie uns, auf einem Triceratops reitend, das endlich nicht mehr als seltsames Nashorn verstanden wird, ein anderes Mal. Wir bitten darum. (hb)<\/p>\n<p>Schattenspringer, Band 2: Per Anhalter durch die Pubert\u00e4t<br \/>\nText &amp; Bilder: Daniela Schreiter<br \/>\n160 Seiten in Farbe und schwarz-wei\u00df, Hardcover<br \/>\nPanini Comics<br \/>\n19,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95798-308-4<\/p>\n<div id=\"attachment_2927\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1786\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2927\" class=\"size-full wp-image-2927\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Schattenspringer_1.jpg\" alt=\"Hier geht's zur Besprechunge von Band 1\" width=\"212\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2927\" class=\"wp-caption-text\">Hier geht&#8217;s zur Besprechung von Band 1<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_2928\" style=\"width: 223px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1872\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2928\" class=\"size-full wp-image-2928\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Schattenspringer_Inti.jpg\" alt=\"Hier geht's zum Interview mit Daniela Schreiter\" width=\"213\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2928\" class=\"wp-caption-text\">Hier geht&#8217;s zum Interview mit Daniela Schreiter<\/p><\/div>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D2925\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2925\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Schattenspringer, Band 2 (Panini) &raquo; Comicleser #Daniela Schreiter #Graphic Novel #Interview  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwie \u201eanders\u201c zu sein ist schwierig genug \u2013 aber mit dem Versuch aufzuwachsen, dennoch ebenso vehement wie erfolglos dagegen anzuk\u00e4mpfen, das ist nahezu unm\u00f6glich, kr\u00e4ftezehrend und \u2013 auch der vollkommen falsche Weg. 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