{"id":2613,"date":"2015-05-04T08:43:47","date_gmt":"2015-05-04T06:43:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2613"},"modified":"2015-05-04T08:43:47","modified_gmt":"2015-05-04T06:43:47","slug":"opus-band-1-carlsen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2613","title":{"rendered":"Opus, Band 1 (Carlsen)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2614\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Opus-1.jpg\" alt=\"Opus, Band 1 (Carlsen)\" width=\"281\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Opus-1.jpg 281w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Opus-1-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><\/p>\n<p>Philosophisch-erkenntnistheoretische Frage: f\u00fchren die Figuren in einem Comic eigentlich ein Eigenleben? Und was passiert, wenn ihnen die Handlung, die der Autor sich einfallen l\u00e4sst, nicht passt? Genau damit wird der Manga-Zeichner Chikara Nagai unversehens konfrontiert, als er seine Erfolgsserie Resonance zu Ende f\u00fchren will. In dieser \u00fcbernat\u00fcrlichen Abenteuerstory jagt die hellseherische Polizistin Sakoto den verbrecherischen Sektenf\u00fchrer namens Maske, unterst\u00fctzt dabei vom Kommissar mit seiner Spezialeinheit und dem jugendlichen Rin, der ein ganz eigenes H\u00fchnchen mit dem Lumpensohn zu rupfen hat. In der finalen Konfrontation, die der vom Redaktionsschluss gehetzte Nagai entwirft, st\u00fcrzt sich Rin auf Maske, der die schon besiegte Sakoto gerade ins Jenseits bef\u00f6rdern will, und wird bei dieser Rettungsaktion selbst zerlegt. Nagai schl\u00e4ft \u00fcber der fast fertigen Skizze ein, die pl\u00f6tzlich ein seltsames Eigenleben entwickelt: ein finsterer Korridor \u00f6ffnet sich auf dem Zeichenblock, aus dem Rin entsteigt und die Seite mit seinem gr\u00e4ulichen Ende, mit dem er aber so gar nicht einverstanden ist, mal flugs einkassiert.<\/p>\n<p>Als Nagai erwacht, kann er gerade noch feststellen, dass hier irgendwas massiv nicht stimmt, bevor er in den Abgrund des Zeichenblattes und direkt in die Handlung seines eigenen Mangas hineingezogen wird. Pl\u00f6tzlich ist er es, der Sagoto vor dem Angriff der Maske rettet (indem er auf ihn f\u00e4llt) und mit ihr durch die Welt flieht, die eigentlich nur in seinem Kopf existiert. Das sei ja der Traum eines jeden Mangaka, stellt er fest und \u00fcberzeugt die anfangs vollkommen ungl\u00e4ubige Sakoto, dass er der Herr dieses Universums ist \u2013 nur so kann er alles \u00fcber sie und die finsteren Pl\u00e4ne der Maske wissen, die auch den Kommissar l\u00e4ngst geistig versklavt hat. Rin fl\u00fcchtet sich inzwischen zu seiner ebenfalls helleseherischen Schwester und Gro\u00dfmutter und fasst dort einen gewagten Plan, um sein gewaltsames Ableben zu verhindern: er will in die fiktive Vergangenheit reisen, um die Maske dort auszul\u00f6schen\u2026<\/p>\n<p>Der 2010 viel zu fr\u00fch verstorbene Anime-Regisseur Satoshi Kon (bekannt durch Filme wie Perfect Blue, Tokyo Godfathers und Paprika) reiht sich mit diesem faszinierenden Spiel zwischen Fiktion und Realit\u00e4t, das er schon 1996, kurz vor seinem ersten Film, vorlegte, in die Tradition des Illusionsbruchs und der Metareflexion ein, bei der schon Brechts Charaktere das Publikum belehrten, Pirandellos Personen auf der Suche nach ihrem eigenen Autor waren (modernes Theater, Kunst!) oder aber sich ein gewisser Deadpool gerne an den Leser wendet und sich \u00fcber die Konventionen des Mediums Comic lustig macht (Action! Auch Kunst!!). Wer es noch kulturwissenschaftlicher haben m\u00f6chte: der Kunstgriff nennt sich mise en abyme, also die Darstellung eines Bildes im Bild, das sich selbst enth\u00e4lt und somit den Eindruck der Unendlichkeit erweckt. Der fiktive Autor Sakoto hat eine klischeehafte Manga-Welt geschaffen, in der die wiederum fiktiven Figuren selbst feststellen, dass man sich benehme wie im Comic (die Weltherrschaft anstrebende Maske wird als typischer Manga-Schurke bezeichnet) und die \u00fcbernat\u00fcrlichen Elemente wie Hellseherei gar nicht weiter hinterfragt werden (Rin etwa verdient sein Geld beim Gl\u00fccksspiel, da er stets im Voraus wei\u00df wie es ausgeht).<\/p>\n<p>Neben der straighten Abenteuerstory stellt sich so eine nicht \u00fcbertrieben intellektuell verworrene, sondern stets faszinierende Abhandlung \u00fcber die Natur des Comics selbst, \u00fcber die Konventionen, Erz\u00e4hltechniken und Darstellungsmuster des Mediums, das ganz eigenen Gesetzen gehorcht. Mit viel Liebe zum Detail erschafft Kon dabei die fiktive Resonance-Serie, komplett mit farbigen Einstiegsseiten aus Teil 3, Kapitel 24, \u201eDer Fluch der Maske\u201c, erkl\u00e4renden \u201ewas bisher geschah\u201c-Abschnitten \u00e0 la Fortsetzungsroman und \u2013 besonders sch\u00f6n \u2013 einer Adresse f\u00fcr Fanpost. In diesem umgedrehten Cosplay (nicht die Comicfigur kommt in die Realit\u00e4t, sondern der Autor und damit der Leser in die Fiktion) exerziert Kon letztendlich eine unterhaltsame Fassung der modernen Erz\u00e4hltechnik, eine Mischung aus Realismus und Surrealismus, die auch seine unter anderem von Darren Aronofsky gepriesenen Filme kennzeichnen sollte. Dabei greift er auch \u2013 immerhin sind wir alle Kinder der 80er \u2013 auf die Grundidee des Musikvideos zur\u00fcck, in dem ein J\u00fcngling aus einem Comic entspringt und die lesende Holde mit in die Handlung zieht, nur um dann selbst den Seiten zu entsteigen. Man erinnert sich gerne. Carlsen bringt dieses neu entdeckte Juwel in zwei B\u00e4nden. (hb)<\/p>\n<p>Opus, Band 1<br \/>\nText &amp; Bilder: Satoshi Kon<br \/>\n196 Seiten in Farbe &amp; schwarz-wei\u00df<br \/>\nCarlsen Verlag<br \/>\n14,90 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-551-76868-1<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D2613\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2613\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Opus, Band 1 (Carlsen) &raquo; Comicleser #Carlsen #Manga #Opus #Satoshi Kon\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philosophisch-erkenntnistheoretische Frage: f\u00fchren die Figuren in einem Comic eigentlich ein Eigenleben? Und was passiert, wenn ihnen die Handlung, die der Autor sich einfallen l\u00e4sst, nicht passt? 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