{"id":2502,"date":"2015-04-07T13:26:38","date_gmt":"2015-04-07T11:26:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2502"},"modified":"2015-04-07T13:33:54","modified_gmt":"2015-04-07T11:33:54","slug":"wraith-panini","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2502","title":{"rendered":"Wraith (Panini)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2503\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Wraith.jpg\" alt=\"Wraith (Panini), von Joe Hill\" width=\"263\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Wraith.jpg 263w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Wraith-197x300.jpg 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><\/p>\n<p>Fahrbare Unters\u00e4tze gibt es viele, aber wirklich legend\u00e4re Fahrzeuge nur sehr wenige. Und wir sprechen jetzt nicht von den ungehobelten Muskelprotzen der Familien Ferrari und Co. \u2013 wenn es um Noblesse und Stil geht, reicht eben nichts an die Gef\u00e4hrte heran, die die Herren Charles Rolls und Henry Royce seit 1904 mit dem Anspruch zusammenbastelten, schlichtweg die besten Autos der Welt zu bauen (was von einem gewissen bayrischen Unternehmen, an dessen Geschicken ich nicht unbeteiligt bin, seit 2000 nicht ganz erfolglos fortgef\u00fchrt wird \u2013 soviel Werbung muss erlaubt sein). Dabei ersannen die Kollegen h\u00f6chst geisterhaft-omin\u00f6se Namen: anstelle schn\u00f6der Typen oder Manta\/Escort-Entgleisungen h\u00f6rte man hier auf so klangvolle Bezeichnungen wie Ghost oder Phantom \u2013 der fast schon \u00fcberirdische Anspruch der Fahrzeuge sollte schon im Namen erkennbar sein. 1938 brachte man schlie\u00dflich den Wraith auf den Markt (ungef\u00e4hr zeitgleich nannte ein anderer Engl\u00e4nder seine geisterhaften schwarzen Reiter Ringwraiths \u2013 aber ob das zusammenh\u00e4ngt, k\u00f6nnen wir hier nicht auch noch ergr\u00fcnden), und einen solchen erwirbt \u2013 zumindest will es Autor Joe Hill so \u2013 der Chaffeur Charlie Manx w\u00e4hrend der gro\u00dfen Depression.<\/p>\n<p>Das Auto ist ein Schn\u00e4ppchen, der Vorbesitzer, ein Banker, hat sich nach dem gro\u00dfen Crash darin umgebracht. Trotzdem steht der Kauf unter einem schlechten Stern, ist Manx doch einem Schwindel aufgesessen: er hat sich 10.000 Dollar geliehen, um daf\u00fcr Anteile an Christmasland zu kaufen, einem Vergn\u00fcgungspark mit angeblich sagenhaften Gewinnaussichten f\u00fcr alle Investoren. Hoffnungsfroh macht er sich mit Frau und beiden T\u00f6chtern in seinem neuen Auto auf den Weg, nur um festzustellen, dass anstelle eines Freizeitparadieses nur \u00f6de Landschaft hinter zwei gro\u00dfen Plastik-Zuckerstangen steht. Aber schon auf dem Weg stellt sich heraus, dass Manx in ganz besonderer Verbindung zu seinem Wraith steht \u2013 der geliebte Wagen transportiert ihn in seine Traumwelt, in der Kinder Rei\u00dfz\u00e4hne haben, n\u00f6rgelnde Ehefrauen gefressen werden und Christmasland als h\u00f6llischer Vergn\u00fcgungspark eben doch existiert\u2026 Sprung vorw\u00e4rts, 1988: ein Gefangenentransport, der drei verurteilte Knackis ins Gef\u00e4ngnis bringen soll, geht daneben. Der durchgedrehte Geek Sykes, der auf Jahrm\u00e4rkten Gl\u00fchbirnen und Tauben frisst, zettelt einen Ausbruch an, bei dem der Transporter zerst\u00f6rt und ein Polizist schwer verletzt wird. Aber Sykes hat eine Idee: er kennt jemand, der garantiert jeden spurlos verschwinden lassen kann.<\/p>\n<p>Dieser Driver kommt kurz darauf in der Tat an den Ort des Geschehens, und zwar in einem musterg\u00fcltig gepflegten Oldtimer. Niemand anders als ein monstr\u00f6s grinsender Charlie Manx ist es, der den ungleichen Trupp mit seinem Wraith aufsammelt und in Richtung Christmasland transportiert. Auf dem Weg dahin wird immer deutlicher, dass die Stra\u00dfe dorthin in eine Art Zwischenwelt f\u00fchrt, in den kristallisierten Alptraum von Manx, in dem die Kinder, die den Park in Scharen bev\u00f6lkern, monsterhaft aussehen, nie alt werden und Besucher niemals wieder gehen k\u00f6nnen. In Christmasland angekommen, werden die Fl\u00fcchtigen mit ihren D\u00e4monen konfrontiert: der ehemalige Lehrer Chess Llewellyn hat seinen Sohn verloren und daf\u00fcr einem Arzt, der sich weigerte, den Jungen zu untersuchen, die H\u00e4nde gebrochen (verst\u00e4ndlich und nachvollziehbar). Der Filmproduzent Dewey hat eine 14j\u00e4hrige in seinen Swimmingpool gelockt und dort vergewaltigt (abartig). Und Sykes ist sowieso jenseits von allen Normen \u2013 weshalb Manx allzu gerne auf den Notruf geh\u00f6rt hat: in seiner verdrehten Welt besch\u00fctzt er die Geister der Kinder, die er nun auf alle hetzt. Chess gelingt es, sich ins Riesenrad zu retten, wo er mit der Polizistin Agnes den Moment zur Flucht abwartet, w\u00e4hrend ihr Kollege und der Kindersch\u00e4nder Dewey unten zerfleischt werden. Da kommt ihnen der Geist seines toten Sohnes zu Hilfe \u2013 er sendet ihnen Ballons, gef\u00fcllt mit dem erfundenen Gas, von dem der verzweifelte Vater dem sterbenden Jungen auf dem Weg ins Krankenhaus erz\u00e4hlte. Der besserwisserische Sykes erf\u00e4hrt derweil im apokalyptischen Finale, was Manx genau damit meinte, als er feststellte, nur er sei w\u00fcrdig, den Wraith zu lenken\u2026<\/p>\n<p>Joe Hill kann seine Herkunft wahrlich nicht verleugnen: nicht nur sieht er seinem Vater Stephen King wie aus dem Gesicht geschnitten aus (inkl. Nerd-Norbert-Bl\u00fcm-Kassengestell-Brille), nein, er bedient sich f\u00fcr seine Erz\u00e4hlungen, Romane und Graphic Novels (sein Hauptwerk im Comic-Sektor ist die Reihe &#8218;Locke &amp; Key&#8216;, die bei Panini in sechs B\u00e4nden komplett vorliegt) auch gerne aus dem Fundus der alptraumhaften Phantasie des Herrn Papa: die Idee des haarstr\u00e4ubenden Vergn\u00fcgungsparks kennen wir nicht nur aus Ray Bradburys \u201aSomething Wicked This Way Comes\u2018 (dt. \u201aDas B\u00f6se kommt auf leisen Sohlen\u2018), sondern auch vom grinsenden Horrorclown Pennywise aus Kings epischem Werk \u201aEs\u2018. Die ewig jungen, monstr\u00f6sen Kinder scheinen dem \u201aFriedhof der Kuscheltiere\u2018 entsprungen, das Auto mit \u00fcbersinnlichen F\u00e4higkeiten kreuzte schon als \u201aChristine\u2018 auf den Stra\u00dfen von Maine, und einen wildgewordenen Horror-Zoo haben wir im Finale von \u201aShining\u2018 erlebt. Aber es w\u00fcrde Herrn Hill sehr Unrecht tun, nur eine blo\u00dfe Ansammlung von Motiven zu suchen: in diesem Prequel zu seinem Bestsellerroman NOS4A2, in dem das h\u00f6llische Christmasland und sein Zampano Manx die Hauptrolle spielen, kreiert er eine ganz eigene, suggestive Welt, halb real, halb Alptraum, in der Manx nicht ein blo\u00dfes Monster erscheint, sondern eine geschundene Seele ist, die ihrem Traum nachjagt und ihn dank des Wraith in pervertierter Form wahr werden l\u00e4sst: er bietet seinen \u2013 und anderen \u2013 Kindern ewiges Gl\u00fcck und eine nie endende Kindheit, die Verbrecher wie Dewey und Sykes ihnen rauben, weshalb Manx seinen ehemaligen Spie\u00dfgesellen absichtlich allzu gerne in sein Verderben lockt.<\/p>\n<p>Chess dagegen entkommt, weniger durch Klugheit als vielmehr durch die Liebe zu seinem Sohn, dessen Verlust er durch die monstr\u00f6sen Erlebnisse erst verwindet. Viel Schuld und S\u00fchne also, die auch in dem \u2013 sehr eindrucksvoll als bebilderte Erz\u00e4hlung gestalteten \u2013 Epilog zutage tritt, der zeigt, wie der Trickbetr\u00fcger Nick leMarc (von dem Manx einst die Schnapsidee bekam, sich an Christmasland zu beteiligen) durch pers\u00f6nliche Trag\u00f6dien zu dem wurde, was er ist \u2013 was Manx nicht davon abh\u00e4lt, ihn auch ins Nimmerland zu bef\u00f6rdern. Insgesamt kann man der zeichnerischen Gestaltung durch Charles Paul Wilson III nur h\u00f6chste Anerkennung zollen \u2013 die Panels passen sich dem Geschehen an, von anfangs realistischen Zeichnungen zieht sich der Faden \u00fcber stilisiert-expressionistische Bilder bis hin zu einer symbolischen Darstellung eines Labyrinthes, durch das Chess und Agnes fliehen (gespickt mit Verweisen, von \u201aShining\u2018 bis hin zu einem eingefrorenen Captain America). Waren Hills Graphic Novels <a title=\"Das Cape (Panini)\" href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=977\" target=\"_blank\">\u201aDas Cape\u2018<\/a> und <a title=\"Das Cape 1969 (Panini)\" href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1414\" target=\"_blank\">\u201aDas Cape 1969\u2018<\/a> noch geschickte Dekonstruktionen des Heldenmythos, zeigt Wraith, wie leicht man in eine alptraumhafte Scheinwelt gleitet und in ihr verloren geht, wenn sich das vermeintlich sichere Gef\u00fcge der Realit\u00e4t und der Existenz aufl\u00f6st. Und das, meine Lieben, ist wahrlich keine Gutenacht-Geschichte. (hb)<\/p>\n<p>Wraith \u2013 Todesfahrt ins Christmasland<br \/>\nText: Joe Hill<br \/>\nBilder: Charles Paul Wilson III,<br \/>\n172 Seiten in Farbe, Softcover<br \/>\nPanini Comics<br \/>\n19,99 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95798-199-8<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D2502\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2502\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Wraith (Panini) &raquo; Comicleser #Charles Paul Wilson III #Christine #Fantasy #Horror #Joe Hill  [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fahrbare Unters\u00e4tze gibt es viele, aber wirklich legend\u00e4re Fahrzeuge nur sehr wenige. 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