{"id":241,"date":"2010-12-08T14:20:07","date_gmt":"2010-12-08T12:20:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=241"},"modified":"2016-12-19T14:37:56","modified_gmt":"2016-12-19T12:37:56","slug":"fraulein-else-avant","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=241","title":{"rendered":"Fr\u00e4ulein Else (avant)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-243\" title=\"fraeuleinelse_x\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/fraeuleinelse_x.jpg\" alt=\"\" width=\"292\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/fraeuleinelse_x.jpg 292w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/fraeuleinelse_x-219x300.jpg 219w\" sizes=\"auto, (max-width: 292px) 100vw, 292px\" \/><\/p>\n<p>Manuele Fior wurde in Italien geboren und lebt mittlerweile in Paris. Mit Fr\u00e4ulein Else stellt er sich in die gute Tradition der Illustrierten Klassiker: er legt n\u00e4mlich eine Adaption einer der bekanntesten und zu Recht ger\u00fchmtesten Erz\u00e4hlungen Arthur Schnitzlers vor. Der \u00d6sterreicher Schnitzler fing wie kein Zweiter das Lebensgef\u00fchl der Jahrhundertwende (ahem, ja, von 1800 auf 1900, das muss man ja mittlerweile dazusagen) ein, das gepr\u00e4gt war von Melancholie, impressionistischer Selbstverliebtheit, Dandies \u2013 aber auch Kommerzialisierung, Weltkrieg und nicht zuletzt der von Freud und Jung etablierten Psychoanalyse, die immer wieder ihren Eingang ins Werk des Arztes Schnitzlers fand, auch wenn er kein unbedingter Verfechter der entsprechenden Theorien war.\u00a0Neben den auch heute noch oft gespielten Theaterst\u00fccken wie Anatol, Reigen und Das Weite Land, in denen Schnitzler den Typus des unverantwortlichen, egozentrischen \u00c4stheten beschreibt, setzte er vor allem mit zwei Novellen Ma\u00dfst\u00e4be: in Leutnant Gustl (1900) und eben der 1924 erschienenen Fr\u00e4ulein Else etablierte er in deutscher Sprache das, was bei Virginia Woolf und James Joyce in den 20ern als stream of consciousness die Erz\u00e4hlkunst revolutionierte. Vollst\u00e4ndig im inneren Monolog gehalten, erlebt der Leser dieser beiden Novellen gleichsam aus der Innensicht Eindr\u00fccke, Empfindungen und zuweilen h\u00f6chst subjektive Einsch\u00e4tzungen der Hauptfiguren. Dabei verschwimmen oft Wirklichkeit und Traum, Vorstellung und Realit\u00e4t, wobei im Bewusstseinsstrom die oft in Assoziationen flie\u00dfende Gedankenwelt der Titelfigur erfasst wird. Hierdurch ergibt sich eine deutlich gef\u00e4rbte Erz\u00e4hlweise, aus der der Leser die jeweilige Realit\u00e4t erst herausfiltern muss, die teilweise allerdings gar nicht im Vordergrund steht \u2013 viel mehr geht es um die (vermeintlichen) Zw\u00e4nge, \u00c4ngste und Psychosen dieser Charaktere. So geht es in Fr\u00e4ulein Else (in der Novelle und der sehr eng daran angelehnten Comicfassung gleicherma\u00dfen) um das, was ein furchtbarer Hollywood-Schinken in den 90ern einmal als \u201eUnmoralisches Angebot\u201c bezeichnete: Elses Vater hat sich (offensichtlich nicht zum ersten Mal) durch spekulative Gesch\u00e4fte um Kopf und Kragen gebracht und dabei auch ihm anvertraute Gelder veruntreut. Der Bankrott und Skandal scheint nur noch auf eine Art abwendbar: die Tochter Else, die sich gerade auf Sommerfrische in Italien befindet, muss den reichen Kunsth\u00e4ndler Dorsday um finanzielle Hilfe bitten. Was sich im Telegramm der Mutter schon recht unverhohlen wie eine Aufforderung zur Prostitution liest, setzt Dorsday dann die Krone auf: selbstverst\u00e4ndlich werde er dem Vater aushelfen \u2013 allerdings unter einer Bedingung: \u201eNichts anderes verlange ich von Ihnen, als eine Viertelstunde in Andacht vor Ihrer Sch\u00f6nheit.\u201c Im Klartext: Else soll sich f\u00fcr ihn ausziehen. Die junge Frau st\u00fcrzt dies in einen tiefen Konflikt: im Gegensatz zu ihrer frivolen Freundin Cissy, die keinen Hehl aus ihrer Sexualit\u00e4t macht, ist Else gefangen in b\u00fcrgerlichen Konventionen, tr\u00e4umt zwar von erotischen Abenteuern, neigt zu Narzissmus und Magersucht \u2013 aber dass sie sich mehr oder weniger unverbl\u00fcmt verkaufen soll, \u00fcberfordert ihr Moralsystem, das zwischen Pflichtbereitschaft der Familie gegen\u00fcber und Selbstachtung schwankt. Dass das alles nicht sonderlich gut ausgeht, das versteht sich bei Schnitzler von selbst (auch wenn er hier einmal ohne Duell auskommt).<\/p>\n<p>Die Novelle war schon in den 20ern ein durchschlagender Erfolg und fand folgerichtig bereits 1929 ihre erste mediale Umsetzung: Paul Czinner verfilmte den Stoff mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle unter Beteiligung des kinobegeisterten Schnitzler. Mit Menschen am Sonntag hat sich Manuele Fior schon einmal vom Kino der 20er (und seiner damaligen Wahlheimat Berlin) inspirieren lassen (auch wenn sein Comic inhaltlich letztlich nichts mit dem gleichnamigen Meilensteins des realistischen Stummfilms zu tun hat). Dass sich nun auch das Medium Comic Schnitzlers Erz\u00e4hlung annimmt, ist dennoch durchaus bemerkenswert. Zweifelsohne ist die Erz\u00e4hlkunst f\u00fcr Verfilmungen oder Comic-Adaptionen deutlich besser geeignet als die Dramatik, da in Erz\u00e4hlungen oder Romanen die \u201ekinohaften\u201c Elemente wie Aufl\u00f6sung der Einheit von Zeit und Raum, von parallelen Handlungsstr\u00e4ngen und Schnittfolgen viel deutlicher vorgezeichnet ist als in der weitgehend statischen B\u00fchnenkunst. Nicht umsonst hat der Regisseur Sergeij Eisenstein, der in Sachen Kino ja durchaus wusste wovon er sprach, festgestellt, dass die Romane von Charles Dickens deutlich mehr mit dem Kino zu tun haben als die Theaterst\u00fccke der Expressionisten. Aber eine Erz\u00e4hlung wie Else, die vollst\u00e4ndig im inneren Monolog abl\u00e4uft, verlegt die Handlung ja eben wieder nach innen, berichtet nur Eindr\u00fccke und muss daher f\u00fcr eine Visualisierung vollst\u00e4ndig umgekrempelt werden. Das gelingt Czinners Stummfilm (der Schnitzler nicht sonderlich gefiel) mehr schlecht als recht, aber Manuele Fior trifft Ton und Gehalt der Novelle durchaus meisterhaft. Mit gro\u00dfer Texttreue \u00fcbertr\u00e4gt er nicht nur die zentralen Handlungselemente, sondern durchaus auch die psychologischen Spannungen in stimmige Bildwelten. Die Dialoge werden direkt pr\u00e4sentiert, Elses Gedanken und Emotionen dazu bleiben in kommentierenden Passagen erhalten. Das f\u00fcr die Handlung zentrale Telegramm der Mutter wird vollst\u00e4ndig in Handschrift wiedergegeben, w\u00e4hrend Elses \u00fcbersch\u00e4umende Gedanken hierzu visuell in den Text gemischt werden. Elses zunehmende Phantasien, Tr\u00e4umereien und schlie\u00dflich psychosenhafte Angstvorstellungen werden in einem entsprechend \u201edeformiertem\u201c Zeichenstil gespiegelt, der die aus Sicht Elses monstr\u00f6se Qualit\u00e4t der externen Figuren \u2013 einschlie\u00dflich der eigenen Familie \u2013 kongenial erfasst.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt gelingt es Fior, durch einen deutlich an die Wiener Moderne angelehnten Zeichenstil (in n\u00e4chster N\u00e4he etwa zu den stilpr\u00e4genden Zeichnungen Egon Schieles und der Wiener Sezession Gustav Klimts) die Erz\u00e4hlung in ihre k\u00fcnstlerische Heimatepoche einzubetten. Atmosph\u00e4risch auch der Gebrauch der Farben: wo Else von ihrer Freiheit, verk\u00f6rpert im Traum der Heirat nach Italien, schw\u00e4rmt, da dominieren warme Pastellt\u00f6ne, und auch der Gesamtfarbton ist eingangs noch aufgehellt, in typischem Fior-Aquarell. Mit weiterem Fortschritt der Handlung spiegelt sich Elses Verzweiflung in dominierendem Schwarz, in das die Heldin und die Erz\u00e4hlung schlie\u00dflich verschwinden.<\/p>\n<p>Ewig zu streiten sein wird \u00fcber die Notwendigkeit eines visuellen Mediums, eben die Aspekte sprichw\u00f6rtlich \u201eans Licht\u201c zu bringen, die in der Novelle absichtlich nur angedeutet oder umschrieben bleiben: Elses Selbstbewunderung im Spiegel, die Wahnvorstellungen, das wiederholte Durchspielen der entscheidenden Szene und dann nat\u00fcrlich ihr Auftritt im Salon des Hotels, wo sie Dorsdays Wunsch in selbstzerst\u00f6rerischer Weise erf\u00fcllt (und bei Fior im \u00dcbrigen vollends gestaltet ist wie eine Allegorie von Klimt). Wer auf v\u00f6llige Werktreue pocht, der wird sich hier abwenden, puristische Literaten werden die K\u00fcrzungen beklagen, aber wer der Adaption einer solchen Art von Erz\u00e4hlung grunds\u00e4tzlich offen gegen\u00fcbersteht, der wird begeistert sein von Fiors k\u00fcnstlerisch absolut gelungener Umsetzung der Vorlage, die in einer atemberaubenden Verflechtung von Bild und Text eine Gesamtschau auf die Erz\u00e4hlung schafft, die nur im Comic (oder dem hochtrabenden gro\u00dfen Bruder, der Graphic Novel) m\u00f6glich ist. Augenzwinkernd nimmt Fior in die Danksagungen auch \u201eeine kleine Entschuldigung an Arthur Schnitzler\u201c mit auf. Der immer f\u00fcr neue k\u00fcnstlerische Sichtweisen und vor allem visuelle Medien begeisterte Schnitzler h\u00e4tte diese Entschuldigung zweifelsohne angenommen. (hb)<\/p>\n<p>[Anmerkung: Holger Bachmann ist einer der f\u00fchrenden Schnitzler Experten. Eine profundere\u00a0Rezension von Fiors Adaption wird daher nur schwerlich zu finden sein.]<\/p>\n<p>Bilder &amp; Adaption: Manuele Fior<br \/>\n88\u00a0Seiten in Farbe, Softcover<br \/>\n19,95 \u00a0Euro<\/p>\n<p>ISBN: 9783939080-43-5<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D241\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=241\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Fr\u00e4ulein Else (avant) &raquo; Comicleser #avant-verlag #Einzelband #Fr\u00e4ulein Else #Literatur-Ada [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manuele Fior wurde in Italien geboren und lebt mittlerweile in Paris. 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