{"id":2277,"date":"2015-01-19T13:13:44","date_gmt":"2015-01-19T11:13:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2277"},"modified":"2015-01-19T15:40:13","modified_gmt":"2015-01-19T13:40:13","slug":"der-astragal-schreiber-leser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2277","title":{"rendered":"Der Astragal (Schreiber &#038; Leser)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2278\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Der-Astragal.jpg\" alt=\"Der Astragal (Schreiber &amp; Leser9\" width=\"281\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Der-Astragal.jpg 281w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Der-Astragal-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><\/p>\n<p>Paris in den sechziger Jahren \u2013 man raucht viel Gauloises, die Denker im schwarzen Rollkragenpulli um Jean-Paul Sartre sinnen \u00fcber den <a title=\"Der Fremde (Jacoby &amp; Stuart)\" href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1956\" target=\"_blank\">Existentialismus <\/a>nach, und im Kino kann man Jean-Paul Belmondo bewundern, den Jean Seberg vollkommen atemlos macht (nicht nur durch die Nacht, das war lange vorher). In dieser Welt lebt die 19-j\u00e4hrige Anne, die es mit der Moral nicht so genau nimmt und deshalb in der Besserungsanstalt landet. Dort verliebt sie sich in Rolande, die ihr verspricht, in Paris auf sie zu warten \u2013 prompt springt Anne aus dem Fenster der Krankenstation, bricht sich dabei das Sprunggelenk und wird auf der Stra\u00dfe von Julien aufgesammelt. Der hat Mitleid mit ihr, nimmt sie auf seinem Motorrad mit zu seiner Mutter, wo Anne sich erholen soll. Das klappt nicht so ganz, die Polizei schaut immer wieder mal vorbei, und so schafft man Anne weiter zu Nini und Pierre, die ein altes Hotel mit zweifelhafter Vergangenheit betreiben.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat sich Anne l\u00e4ngst in Julien verliebt, der ebenfalls einige Zeit hinter Gittern verbracht hat und sie schlie\u00dflich nach Paris bringt, zu seiner alten Bekannten Annie, einer Ex-Prostituierten. Anne tr\u00e4umt von einem gemeinsamen Leben mit Julien, der allerdings immer wieder f\u00fcr Monate abtaucht, offenbar auch eine andere Dame am Start hat und mal vergisst seine Rechnungen zu bezahlen. Daf\u00fcr sorgt dann Anne, die ihre alte T\u00e4tigkeit als \u2013 w\u00e4hlerische \u2013 Bordsteinschwalbe wieder aufnimmt und sich zunehmend nach Julien verzehrt, obwohl doch der b\u00fcrgerliche Jean ihre ganze Vergangenheit und Situation akzeptieren und sie gut versorgen w\u00fcrde. Doch die Anziehung zu Julien ist viel zu gro\u00df, Anne f\u00e4hrt mit ihm an den Strand, dort gesteht er, dass er eine andere heiraten will und sie doch seine Geliebte werden solle. Anne \u00fcberzeugt ihn, dass sie die einzig Wahre f\u00fcr ihn ist, Julien will seine Aff\u00e4re beenden und zu ihr zur\u00fcckkehren \u2013 doch in diesem Moment greift die Polizei zu und verhaftet Anne, deren Leben vor\u00fcber ist, bevor es begonnen hat.<\/p>\n<p>In dieser zutiefst anr\u00fchrenden, ersch\u00fctternden Geschichte mag man fast sagen Bonjour Tristesse \u2013 die junge Albertine Sarrazin schrieb den Roman 1965 im Gef\u00e4ngnis unter dem Eindruck der \u201eKnast-Literatur\u201c eines Jean Genet, Begeisterungsst\u00fcrme allenthalben, Sartres Frau und Feministin Simone de Beauvoir griff der Autorin bei der Publikation unter die Arme \u2013 wie auch der Erstling <em>Kassiber<\/em> ist <em>Der Astragal<\/em> (die medizinische Bezeichnung f\u00fcr das Sprunggelenk, dessen Bruch ein wenig \u00fcberdeutlich stellvertretend f\u00fcr die Versehrtheit und Verletzung Annes steht) stark autobiographisch, schildert Sarrazins eigene Jugend, die sie in Internaten, Besserungsanstalten und Haft verbrachte und von Selbstmordversuchen und Sinnsuche gekennzeichnet war. Ihr viel zu fr\u00fcher Tod 1967 (an den Folgen einer Operation) unterstreicht die Tragik, die auch den Astragal durchzieht \u2013 Anne erliegt vollkommen ihrer Amour Fou zu Julien, der sie erst liebt, dann geh\u00f6rig schlecht behandelt und schlie\u00dflich sogar zu seiner Geliebten degradieren will. Ob er sich nun wirklich von seiner \u201eanderen\u201c Frau trennen w\u00fcrde, bleibt offen, Annes Verhaftung steht ganz im Stile des Existentialismus, der ja besagt, dass die Welt zun\u00e4chst einmal sinnlos und kalt ist und die H\u00f6lle, in den Worten von Sartre, die anderen sind, ihre Urteile und Verletzungen. Das ist die absolute Freiheit, von allen Werten und Koordinaten, und die lebt Anne in ihrer fast schon selbstverst\u00e4ndlich anmutenden Prostitution aus, wobei sie immer eine sinnstiftende Beziehung sucht und diese in Julien nur scheinbar findet. So entsteht eine Kombination aus Milieustudie, Knastroman und Liebesgeschichte, die seitdem Millionen Leser in ihren Bann zieht und mit Horst Buchholz auch verfilmt wurde.<\/p>\n<p>Anne-Caroline Pandolfo und Terkel Risbjerg legen mit ihrer Umsetzung des Romans bereits ihre zweite Graphic Novel auf Basis einer literarischen Quelle vor. Pandolfo kondensiert das Romangeschehen gekonnt auf Graphic Novel-Dimensionen, kristallisiert die entscheidenden Momente heraus, w\u00e4hrend Risbjerg das Geschehen in getuschtem Schwarz-Wei\u00df atmosph\u00e4risch inszeniert, teilweise filmisch, teilweise bewusstseinsstromartig, oft in Details und schlaglichthaft. Ausgeschw\u00e4rzte Panels tragen die Gedanken der Titelfigur, die am Ende in ein glei\u00dfendes Wei\u00df \u00fcbergehen \u2013 mit den Worten \u201eMach dir keine Sorgen. Ich kann laufen\u201c. Ein feines Beispiel, wie mitrei\u00dfend und bewegend Literatur sein kann und wie gut eine Umsetzung in Medium Comic gelingen kann. (hb)<\/p>\n<p>Der Astragal<br \/>\nText: Anne-Caroline Pandolfo, nach Albertine Sarrazine<br \/>\nBilder: Terkel Risbjerg<br \/>\n224 Seiten in schwarz-wei\u00df, Softcover<br \/>\nVerlag Schreiber &amp; Leser<br \/>\n22,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-943808-43-8<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D2277\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2277\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Der Astragal (Schreiber &#038; Leser) &raquo; Comicleser #Albertine Sarrazine #Anne-Caroline Pando [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paris in den sechziger Jahren \u2013 man raucht viel Gauloises, die Denker im schwarzen Rollkragenpulli um Jean-Paul Sartre sinnen \u00fcber den Existentialismus nach, und im Kino kann man Jean-Paul Belmondo bewundern, den Jean Seberg vollkommen atemlos macht (nicht nur durch die Nacht, das war lange vorher). 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